Trump holt mit der roten Gefahr ein altes Schreckgespenst aus der Mottenkiste – für einmal ein kluger SchachzugDer amerikanische Präsident verunglimpft die Demokraten neuerdings als Kommunisten und hofft, ihnen so Stimmen für die Zwischenwahlen abzujagen. Trump hat aber noch ganz andere Ziele mit seiner «Red Scare».Andreas Mink19.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenPDDer Kommunismus habe die Demokraten befallen wie eine «unkontrollierbare Form von Krebs». Er werde dieses Geschwür herausschneiden, sagt Donald Trump. «Denn Amerika darf niemals kommunistisch werden.» Seit seiner Rede zum Nationalfeiertag am 4. Juli hat der amerikanische Präsident die angebliche Zersetzung Amerikas durch den Kommunismus etwa hundertmal angeprangert.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auch sein Team hilft mit, das alte Schreckgespenst der roten Gefahr wieder zu erwecken. Aussenminister Marco Rubio hat am Donnerstag Vertreter von 60 Regierungen nach Washington gerufen, um einer «alarmierenden Explosion linksradikaler Gewalt entgegenzutreten». Der Welt drohe eine finstere Zukunft, rief Rubio der Versammlung zu, «wenn wir die Kommunisten und Marxisten nicht stoppen».Es ist klar, gegen wen die Anti-Kommunismus-Rhetorik gerichtet ist: die Demokraten. So behauptet der Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus, Mike Johnson, er sehe bei den Demokraten reihenweise «radikale Kandidaten», ja sogar «Marxisten». Und Vizepräsident J. D. Vance spricht sogar von einer Gefahr des Kommunismus, wie es sie in Amerika nie zuvor gegeben habe.Hetze gegen VerdächtigeNie zuvor? Die «rote Gefahr» hat eine lange Geschichte in den USA, vor allem während der Zeit, als der Kommunismus noch als ernstzunehmende Alternative existierte. Nach der Oktoberrevolution 1917 in Russland erreichte sie einen ersten Höhepunkt. Washington führte damals Zensurgesetze ein, überwachte Verdächtige und verhaftete und deportierte massenhaft Umstürzler, angebliche und tatsächliche. Es ging nicht nur darum, Anarchisten und Kommunisten zu bekämpfen, sondern auch darum, eine starke Arbeiterbewegung zu schwächen.Das Feindbild: An der Oktoberrevolution 1917 halten Soldaten in Moskau einen Banner mit der Aufschrift «Kommunismus».Sovfoto / Universal Images / GettyDie Kommunistenjagd zu Beginn des Kalten Krieges ging weit über die erste «Red Scare» hinaus und bleibt mit dem republikanischen Senator Joseph McCarthy verbunden. Dieser war Anfang der fünfziger Jahre auf Kommunisten- und Homosexuellenjagd gegangen in Regierungskreisen, im Kongress und auch in Hollywood und veranstaltete Schauprozesse. Ihm zur Seite stand Roy Cohn, ein skrupelloser Jurist. Grundlage für die Hetze war eine angebliche Liste mit Namen von Kommunisten, die im amerikanischen Regierungsapparat arbeiteten. Die Liste von McCarthy war frei erfunden. Deshalb nannte McCarthy immer wieder eine andere Anzahl der Namen.McCarthy legte sich dann mit dem US-Militär an und überspannte den Bogen. Im April 1954 beendete ein Armeejurist im Senat die Hetze mit der legendären Frage: «Haben Sie denn gar keinen Anstand mehr, Sir?» McCarthy erlag 1957 seiner Alkoholsucht. Aber der Jurist Cohn wurde Anfang der 1970er Jahre in New York politischer Mentor des jungen Bauunternehmers namens Donald Trump. Der konnte so aus erster Hand lernen, wie man mit Hetze und Panikmache gegen politische Feinde vorgehen kann.Senator Joseph McCarthy und Jurist Roy Cohn (links) jagten in den 1950er Jahren willkürlich Kommunisten in den USA.APDie Rhetorik der neuerlichen Anti-Kommunismus-Kampagne ist zwar völlig überrissen. Aber Trump hatte schon immer ein herausragendes Talent dafür, die Schwäche seiner Gegner zu erkennen und sie genau da anzugreifen. Und tatsächlich erleben die Demokraten spätestens seit dem Sieg von Zohran Mamdani bei den Wahlen fürs New Yorker Stadtpräsidium im letzten Herbst eine linke Revolte an der Basis. Junge Linke stürmen das Partei-Establishment.Sehr ähnlich wie die Maga-Bewegung von Trump schöpfen sie ihre Energie aus der Frustration über schwindende Chancen, stetig wachsende Lebenshaltungskosten und Ungleichheit zwischen der Elite und der Bevölkerung. Und tatsächlich bietet Mamdani mit seinen Plänen wie staatlichen Lebensmittelläden oder der Ausweitung von staatlichen Leistungen von Krankenversicherungen bis zu Kindertagesstätten viel Angriffsfläche für den Kommunismusvorwurf.Diese junge Generation von Linken politisiert unter dem Banner der Democratic Socialists of America (DSA). Ihr Guru ist der 84-jährige Senator Bernie Sanders aus Vermont, der seit den achtziger Jahren unermüdlich für die «politische Revolution» und gegen das Grosskapital kämpft. Zusammen mit Alexandria Ocasio-Cortez (AOC), die derzeit sogar als mögliche Präsidentschaftskandidatin gehandelt wird, war er vergangenes Jahr monatelang auf der «Fighting Oligarchy»-Tour, um die demoralisierte Basis nach dem Wahlsieg von Donald Trump wieder etwas aufzupeppen. Zehntausende kamen und zeigten, dass die Demokraten nicht ganz tot sind.Der US-Senator Bernie Sanders und die Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez auf ihrer «Fighting Oligarchy»-Tour.Kevin Mohatt / ReutersMamdani blieb nicht der einzige politische Erfolg. Nach den jüngsten Siegen der DSA-Mitglieder in Kongresswahlen in New York und in Denver sind die Sozialisten geradezu elektrisiert.Doch Erfolg macht auch blind. In den Vorwahlen von Maine unterstützen Bernie, AOC und Mamdani mit Verve auch Graham Platner. Sie zeichneten ihn als «Mann des Volkes». Dass er aus wohlhabendem Hause stammt, einen schwierigen Umgang mit Frauen hatte und eine Totenkopf-Tätowierung nach Vorbild der Waffen-SS auf der Brust trägt, werteten sie nicht als Problem. Er sei einfach «authentisch», argumentierten sie. Sie waren zu begeistert von Platners radikalen Parolen gegen Reiche, Konzerne, Parteieliten und Israel und blieben auch ungerührt, als Informationen über alte, chauvinistische Social-Media-Posts und die Misshandlung von Frauen ans Licht kamen. Im Juni gewann der politische Neuling denn auch mit überwältigender Mehrheit die Vorwahlen für die Senatskandidatur.Graham Platner ist reich, hatte einen übergriffigen Umgang mit Frauen und Totenkopf-Tätowierung nach Vorbild der Waffen-SS auf der Brust. Doch das hielt die Demokraten nicht davon ab, ihn in den Vorwahlen für die Senatskandidatur in Maine zu nominieren.Brian Snyder / ReutersKurz darauf ging eine frühere Freundin mit der detaillierten Beschreibung einer Vergewaltigung an die Öffentlichkeit. Platner warf das Handtuch, und die Demokraten in Maine müssen bis zum 27. Juli eine Nachfolge bestimmen. Ohne einen Erfolg in Maine kann die Partei im November ihre Hoffnung auf eine Senatsmehrheit vergessen.Laute SplittergruppeMit 120 000 Mitgliedern sind die DSA immer noch eine Splittergruppe mit vielen eigenen Fraktionen. Kommunisten alter Schule sind keine darunter, aber welche Wähler kennen schon die Unterschiede zwischen Kommunisten und Sozialisten oder sozialistischen Demokraten. Würden sämtliche ihrer Kandidaten im November Kongressmandate gewinnen, würden die «Democratic Socialists» dort kaum fünf Prozent der Fraktion stellen.Während sozialistische Ideen bei Jüngeren und Gebildeten zunehmend auf fruchtbaren Boden fallen, haben wichtige Wählergruppen wie Rentner, Unabhängige und Latinos dafür keine Sympathien. Die Richtungskämpfe kommen Trump und den Republikanern nur recht. Mit ihrem Kommunisten-Bashing schüren sie nicht nur Ängste bei Wählern und könnten den Demokraten wichtige Stimmen abjagen. Sie tragen auch zur Parteispaltung der Demokraten bei.Und vielleicht gehen sie noch weiter. Die «rote Gefahr» könnte auch als Vorwand für Ausnahmegesetze und die Beschränkung von Bürgerrechten benutzt werden. Trump hat noch nicht verraten, wie genau er den «Krebs des Kommunismus» aus Amerika «herausschneiden» will. Aber er strebt ohnehin auf Biegen und Brechen Vollmachten zur Beeinflussung der Wahlen im November an. Am Donnerstag hat er bei einer Fernsehansprache behauptet, China versuche die Wahlen in den USA zu beeinflussen. Auch das muss man wohl als Teil seiner «Red Scare»-Kampagne sehen.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Trump beschwört die rote Gefahr: Neue Anti-Kommunismus-Kampagne in den USA
Der amerikanische Präsident verunglimpft die Demokraten neuerdings als Kommunisten und hofft, ihnen so Stimmen für die Zwischenwahlen abzujagen. Trump hat aber noch ganz andere Ziele mit seiner «Red Scare».








