Plötzlich und unvorhergesehen hat die Union mindestens einen Spitzenposten neu zu vergeben – und womöglich noch mehr. Nach dem Rücktritt von Fraktionschef Jens Spahn ist denkbar, dass die Unionsführung eine Personalrochade in Gang setzt.Als möglicher Nachfolger Spahns an der Spitze der Unionsfraktion gilt Kanzleramtsminister Thorsten Frei (CDU). Frei hatte sich beim Management der Regierungszentrale im ersten Amtsjahr schwergetan. Zuletzt war eine gewisse Besserung zu spüren. Aber er wäre als Fraktionschef geeigneter als in seiner heutigen Position, heißt es in der Union immer wieder.Einst war Frei Parlamentarischer Geschäftsführer unter dem Oppositionsführer und Fraktionschef Friedrich Merz. Wechselte Frei, wäre sein bisheriger Posten im Kanzleramt neu zu besetzen.Als „innovativer Move“ wird in der Unionsfraktion aber auch über den bisherigen Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) als Fraktionschef spekuliert. Dobrindt wird in der Fraktion, aber auch beim Koalitionspartner SPD, überaus geschätzt. Er gilt als erheblich erfahrener als Frei, diente schon als Minister in der Regierung von Angela Merkel. Einen Fraktionschef aus Reihen der CSU hat die Unions-Bundestagsfraktion in knapp 80 Jahren indes noch nie gehabt. Es wäre also ein Novum. Das alles könnte auch Söder betreffen Mit einer solchen Personalentscheidung müsste Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) wohl mögliche Ambitionen auf das Kanzleramt vorerst begraben. Ein Fraktionschef und ein Kanzler aus Reihen der CSU gelten in der Union als extrem unwahrscheinlich. Frei wiederum wird die Führung des Innenministeriums zugetraut, falls Dobrindt die Führung der Fraktion übernimmt. Er hatte sich in den Oppositions-Jahren vor allem in der Innen- und Migrationspolitik zu profilieren versucht. Es bliebe die Frage offen, wer Chef des Bundeskanzleramtes würde. Die Qual der Wahl: Kanzler Merz kann sich zwischen Innenminister Dobrindt (l.) und Kanzleramtsminister Frei (r.) entscheiden. © dpa/Michael Kappeler In CDU-Kreisen wird zudem für möglich gehalten, dass Merz nicht nur eine personelle Neuaufstellung beim Fraktionsvorsitz vornehmen will, sondern auch auf anderen Posten, bis hin zu den Jobs von Staatssekretären und führenden politischen Beamten. Das Regierungsmanagement gilt mindestens bis zur verunglückten Klausurtagung der Koalition in der Villa Borsig im April auch bei Anhängern von Merz als unglücklich.Spahns Entscheidung, gemeinsam mit seinem Mann per Leihmutterschaft Eltern zu werden, war am Freitag Gegenstand diverser spontan einberufener Sitzungen lokaler und regionaler CDU-Gremien. Spahn erfuhr hier wenig bis keine Unterstützung, heißt es in CDU-Kreisen. Die kühle Reaktion des Kanzlers Die Unions-Bundestagsabgeordneten wurden zunächst von der Nachricht von Spahns Vaterschaft völlig überrascht, am Samstag dann ebenso vom Rücktrittsschreiben. Die Lage hatte sich in rasantem Tempo entwickelt. Durch Krisentelefonate unter anderem mit Landesvorsitzenden erkannte Kanzler Merz, wie aufgebracht die Partei war. Wie die Deutsche Presse-Agentur aus dem Umfeld des Parteivorsitzenden erfuhr, forderte er Spahn schließlich zum Rücktritt auf.Ungewiss war am Samstagnachmittag, wie schnell der Fraktionsvorsitz ordentlich gewählt wird. Es gebe keinerlei Eile, dies in nun in der beginnenden Sommerpause zu tun, hieß es in Fraktionskreisen. Vorerst übernimmt CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann die Führung der Fraktion.Die „Bild“-Zeitung hatte am Mittwoch über die Geburt von Spahns Sohn berichtet. In jenem Text hieß es, Spahn habe „Friedrich Merz bereits vor einigen Tagen persönlich informiert“. Hätten bei Merz sogleich die Alarmglocken läuten müssen?Die kurze und kühle Pressemitteilung, die der Kanzler am Samstagmittag versenden ließ, passt nicht recht zu dem Umstand, dass er tagelang zunächst nicht agierte. Wohl nach und nach erst dürfte dem Kanzler deutlich geworden sein, wie groß der Unmut in der Union und ihrer Fraktion war. In CDU-Kreisen hieß es am Samstag aber auch, Kanzler Merz habe am Ende schnell und konsequent entschieden.„Jens Spahn hat mir mitgeteilt, dass er von seinem Amt als Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zurücktritt. Die Entscheidung ist richtig und war unvermeidlich. Glaubwürdigkeit ist in der Politik das höchste Gut“: Recht kühl wirkte der erste Tweet, den Merz am Samstag um 13:31 Uhr via X absetzen ließ. Es folgten Ergänzungen, in denen er Spahn lobte.Von anderer, wertschätzenderer Tonlage waren die Zeilen, die NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst, der Vorsitzende von Spahns Landesverband, am Samstagmittag absetzte. In der Entscheidung liege eine große Tragik. „Ich bedaure diesen Schritt persönlich sehr und kann ihn zugleich gut nachvollziehen“, schrieb Wüst und heftete eine ausführliche Erklärung an. Das deutet darauf hin, dass führende CDU-Politiker Spahns Rückzug wohl kommen sahen. (mit kch)