Man war also „wendig“ im Sportunterricht, kam gut mit den „Klassenkameraden“ aus – ein Wort, das heute niemand mehr so verwenden würde – und war ansonsten „eifrig“ bei der Sache. So stand es damals in geschwungener Schrift im Zeugnis der zweiten Klasse. Darunter aufgelistet drei Noten, in Deutsch, Mathematik und Heimat- und Sachkunde, dazu der Vermerk, dass die „Schülerin in die dritte Klasse vorrücken“ kann. Die Lehrerin, Frau L., akkurater Kurzhaarschnitt, meist ein Seidentuch um den Hals gebunden, hat man als eine sanfte, geduldige Frau in Erinnerung.Wie war es in der Grundschule, damals, 1983, vor mehr als 40 Jahren? Zweierbänke, Frontalunterricht. Nasse Schwämme, Tafeldienst, das Geräusch von quietschender Kreide. In den Pausen verteilte die verhärmte Hausmeisterin Milch und Kakao im Tetra-Pak aus einem orangen Eimer. Die Mädchen hatten als Fach „Textiles Gestalten“ und die Jungs „Werken“, eine sehr klare Rollenverteilung, die niemand hinterfragte. Mädchen hießen Sandra, Stefanie oder Alexandra, Jungs Martin, Thomas oder Michael. Es war die Zeit des Kalten Krieges, im Radio lief „99 Luftballons“ von Nena, Helmut Kohl war gerade Kanzler geworden und Deutschland noch ein geteiltes Land. Im Westen aufwachsend, kannte man von keiner Mutter der Freundinnen den Beruf, denn sie gingen keinem nach.Dem Zeugnis am Schuljahresende – nein, dem wurde keine besondere Bedeutung beigemessen. Warum auch? Es entschied – noch – nichts, war ein Papier, das den Beginn eines verführerisch langen Sommers einläutete. Die Eltern warfen nur einen kurzen Blick darauf, und viel war da ja auch nicht. Fünf Sätze, drei Noten. privatZieht man es jetzt so viele Jahre später aus einer dieser Kisten in den Tiefen des Flurschranks, dann mit einem anderen Blick. Man ist nicht mehr das kleine Mädchen von damals, dem gerade die letzten Milchzähne ausfallen und das in der Pause Gummi-Twist spielt. Zeugnisse sind immer auch Zeugnisse ihrer Zeit, und so betrachtet ist es ein interessantes Dokument. Denn man erkennt darin den Geist der 1968er-Bewegung, der mit einer leichten zeitlichen Verzögerung nun auch in Bayern angekommen ist. Schüler und Schülerinnen sollten nicht mehr nur in ein starres Notensystem gepresst, sondern auch in ihrer Persönlichkeit, ihren besonderen Stärken und Schwächen wahrgenommen und beschrieben werden. In diesem Zeugnis von 1983 werden zwar noch Noten verteilt, das schon, aber überschaubar wenige. Dafür gibt es schon eine „Verbalbeurteilung“, die noch übersichtlich ausfällt. Aber sie war damals recht neu.Zu den Forderungen der antiautoritären Bewegung hatte es gehört, dass Schulen endlich zu Einrichtungen werden sollten, die die Kritikfähigkeit und Selbstständigkeit ihrer Schüler und Schülerinnen fördern und ihnen das Gefühl vermitteln, auch etwas zu sagen zu haben; die sie als eigene Persönlichkeit anerkennen. Viel zu lange waren Schulen in Deutschland starr hierarchische Orte gewesen, an denen in oft kasernenähnlichen Gebäuden vor allem Disziplin und Gehorsam zählten. Lehrer und Lehrerinnen konnten als unangefochtene Autorität ganze Klassen schikanieren, wenn ihnen danach war. Bis in die 1970er-, in Bayern sogar bis in die frühen 1980er-Jahre hinein gab es im Westen Deutschlands noch die Prügelstrafe. Sogenannte „Kopfnoten“ für Betragen, Fleiß und Ordnung waren gang und gäbe, es sollte ja niemand aufmüpfig werden, gar den Unterricht oder die Lehrer und Lehrerinnen hinterfragen.Wie Gesellschaften auf Kinder schauen, sagt viel über sie selbst aus, und Zeugnisse sind ein gutes Indiz dafür. In der Zeit des Nationalsozialismus etwa war das Fach „Leibesübungen“ ein besonders wichtiger Bestandteil – schließlich ging es um den starken, gesunden „Volkskörper“. Die politische Haltung der Zöglinge war Teil der Beurteilung; in der sozialistischen DDR wiederum zählte auch, wie sehr ein Kind sich in ein Kollektiv einzufügen vermochte.Und heute? Was zählt jetzt? Nimmt man das aktuelle Zeugnis aus einer zweiten Klasse einer bayerischen Grundschule in die Hand, fällt einem zunächst die unglaubliche Textmenge allein auf der ersten Seite auf, grob überschlagen sind es fünfzig statt fünf Sätze. Da hat sich ein Lehrer, eine Lehrerin offenbar richtig viel Mühe gegeben, da will einer genau auf ein Kind eingehen. privatAber dann liest man weiter und wundert sich: Über die fast formelhafte, seltsam gespreizte Sprache: „Die wechselnden Sozialformen des Unterrichts bereicherte er durch kooperatives und konstruktives Mitwirken“, steht unter der Rubrik „Sozialverhalten“. Was wohl mit „wechselnden Sozialformen“ gemeint sein mag?Der Unterricht an Grundschulen unterscheidet sich sehr von der Zeit, als man selbst noch in einem Klassenraum saß. Die Kinder dürfen heute bequeme Hausschuhe tragen, sie kommen an Lerninseln zusammen, die Vermittlung des Lehrstoffs ist spielerischer. Mit einem eingeführten Handzeichen, dem „Schweigefuchs“, wird stumm und unaufgeregt für Ruhe gesorgt. Ganze Klassen machen zwischen den Stunden Lockerungsübungen, hüpfen, schütteln die Arme aus, strecken sich, niemand kann stundenlang still sitzen, Kinder schon gleich gar nicht. Aber bedeutet vor diesem Hintergrund „konstruktives und kooperatives Mitwirken“ nicht einfach: Der Grundschüler hat meist gemacht, was man ihm sagte?„Mühelos ordnete er Wörter nach dem ABC nach dem ersten und auch nach dem zweiten Buchstaben.“ Wie bitte?Im Fach Deutsch wiederum ist in dem aktuellen Zeugnis vermerkt: „Mühelos ordnete er Wörter nach dem ABC nach dem ersten und auch nach dem zweiten Buchstaben.“ Je öfter man diesen Satz liest, desto kryptischer erscheint er einem und desto größer wird ein Verdacht: dass dieses Zeugnis bestimmt ein ehrenwerter Versuch ist, den Schüler, seine Leistungen, sein Verhalten zu beschreiben, dabei aber dann doch mit einem Baukasten aus vorgefertigten Sätzen hantiert wurde. Sie gaukeln eine auf den Schüler abgestimmte Bewertung nur vor – und sind am Ende charakteristisch für die meisten Zeugnisse, denen seit jeher etwas Statisches, Formatiertes anhaftet.Denn Zeugnisse sollen objektiv sein – und sind es doch fast nie. Auf wenig Platz wird ja dort versucht, die Beurteilten in ein weitgehend vorgefertigtes Schema zu pressen. Am Ende sind diese Dokumente also nie eindeutige Urteile, sondern eher eine grobe Handreichung, nicht mehr als der Versuch einer Annäherung. Gerecht werden sie dem- oder derjenigen, für die sie ausgestellt werden, nur in den seltensten Fällen.Die Kinder heißen heute anders als vor 40 Jahren, Lotta, Clara, Jakob, und auch die Schule ist eine andere geworden. Aber was Zeugnisse betrifft, da hat sich eigentlich nicht so viel geändert.Alle Folgen unserer Serie findet Sie hier.
Grundschulzeugnis Entwicklung in Bayern: 1983 bis heute
Das Grundschulzeugnis zeigt den Wandel von starren Notensystemen zu ausführlichen Textbewertungen in Bayern. Früher dominierten kurze Noten und klare Rollen, heute vielfältige Beschreibungen und spielerisches Lernen.






