Ihre Stadtansichten sind weltberühmt: Canaletto und Bellotto malten Postkartenidyllen für die ersten TouristenSie waren Meister der kunstvoll inszenierten Wirklichkeit. Nun stellt das Kunsthistorische Museum Wien die beiden bedeutenden italienischen Vedutenmaler einander gegenüber.Franz Zelger, Wien18.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenDas spätbarocke Wien vom Belvedere aus gesehen: ein Meisterwerk von Bernardo Bellotto (1759).Andreas Uldrich / Kunsthistorisches Museum, WienEin einzigartiges Panorama breitet sich vor uns aus: der Blick über die weitläufigen Gartenanlagen des Oberen Belvedere auf die Wiener Innenstadt und hinüber zu den Hügeln des Wienerwalds. Mit diesem Gemälde, einem Glanzlicht in den Beständen des Kunsthistorischen Museums Wien, hat Bernardo Bellotto (1722–1780) das Bild vom spätbarocken Wien für Jahrhunderte geprägt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die meisten Gebäude, die darauf zu sehen sind, lassen sich genau identifizieren, darunter die Karlskirche, das Palais Schwarzenberg, der Stephansdom, das Untere Belvedere, die Kirche der Salesianerinnen. Das 1759/60 entstandene Gemälde gehört zum Zyklus der Veduten, den wirklichkeitsgetreuen Ansichten von Wien, Schloss Schönbrunn und Schloss Hof, den Bellotto für das Kaiserpaar Maria Theresia und Franz Stephan schuf.Es zeigt die kaiserliche Residenzstadt wie eine Bühne, und so ist es kein Zufall, dass Max Reinhardt 1924 beim Umbau des Theaters in der Josefstadt diese Ansicht in Grossformat auf den eisernen Vorhang applizieren liess. Zuvor hatte Hugo von Hofmannsthal das Bild in seinem «Prolog zu dem Buch ‹Anatol›» dichterisch paraphrasiert.Wie aber kam es dazu, dass ein venezianischer Maler zum Schöpfer dieser emblematischen Stadtansicht Wiens wurde? Bernardo Bellotto war der Neffe von Giovanni Antonio Canal, genannt Canaletto (1697–1768), und erhielt seine Ausbildung in dessen Werkstatt. Um die Verwandtschaft kenntlich zu machen, fügte er als Künstler seinem Namen den des berühmten Onkels hinzu.Der ältere Canaletto war von seinem Vater zum Theatermaler ausgebildet worden, was seine Meisterschaft im Umgang mit illusionistischer Perspektive erklärt. Er spezialisierte sich dann auf die Vedutenmalerei, die er dank seinem Können in den Rang grosser Kunst erhob.Solche Stadtansichten hatten damals in Venedig Hochkonjunktur und waren vor allem bei englischen Touristen beliebt, die sie als Erinnerungsstücke auf ihrer Grand Tour erwarben. Auf dieses einträgliche Genre verlegte sich auch Bellotto. Neue technische Hilfsmittel wie die Camera obscura ermöglichten es den Künstlern, ihre Schauplätze topografisch genau nachzuzeichnen.Bis Ende der 1730er Jahre florierte Canalettos Werkstatt, dann führte der Ausbruch des von 1740 bis 1748 dauernden Österreichischen Erbfolgekrieges dazu, dass die kaufkräftigen Ausländer ausblieben und der Markt einbrach. Canaletto und Bellotto entschlossen sich, die Serenissima zu verlassen und andernorts Käufer zu suchen. Die Ausstellung im Kunsthistorischen Museum Wien zeichnet jetzt in konzentrierter Abfolge die unterschiedlichen Wege nach, die sie dabei gingen, und stellt sie einander auch im stilistischen Vergleich gegenüber.Von Venedig nach LondonVier Meisterwerke Canalettos eröffnen den Parcours. Da blickt man von der Insel San Giorgio Maggiore auf den Bacino di San Marco. Ein dreieckiger Kai im Vordergrund dient Advokaten, Priestern und Kaufleuten gleichsam als Bühne. Schiffe mit venezianischer, britischer und niederländischer Flagge verweisen auf die Bedeutung Venedigs als Handelsstadt. In der Darstellung der Riva degli Schiavoni beeindruckt die differenziert wiedergegebene Architekturkulisse, die durch Passanten und die Boote im Bacino belebt wird.Dabei manipuliert Canaletto das reale Stadtbild, indem er einzelne Gebäude weglässt, andere näher zusammenrückt oder die Proportionen verändert, um eine geschlossene Bildwirkung zu erzielen. «Der Bucintoro» zeigt den Festtag, an dem der Doge die symbolische Vermählung der Stadt mit dem Meer vollzieht. «Die Dogana» ist ein Beispiel dafür, wie Canaletto in einem Gemälde mehrere Blickpunkte zusammenzieht, um die räumliche Illusion zu steigern.Glanzlicht venezianischer Vedutenmalerei: Canalettos «Bacino di San Marco von San Giorgio Maggiore aus gesehen», 1735-44.Wallace Collection / BridgemanCanalettos vielschichtige Ansicht der Dogana (Zollamt) in Venedig an der Mündung des Canal Grande mit Blick auf die Insel La Giudecca, um 1724/30.Kunsthistorisches Museum, WienSolche Meisterwerke hatten seinen Ruhm begründet, hier wollte er anknüpfen, als er sich wegen der Kriegsereignisse veranlasst sah, ein neues Wirkungsfeld zu suchen. Canaletto hatte durch den in Venedig wirkenden Kaufmann, Sammler und Kunsthändler Joseph Smith Beziehungen zur englischen Aristokratie. So suchte er seine Kunden in ihrer Heimat auf und liess sich 1746 als freischaffender Maler in London nieder.Die in der Wiener Ausstellung präsentierten Bilder aus dieser Schaffenszeit werden erstmals in Österreich gezeigt. Sie veranschaulichen, wie Canaletto seine in Venedig entwickelten künstlerischen Verfahren auf Darstellungen der Grossstadt im Wandel vom Mittelalter zum Klassizismus, ihrer Parks und herrschaftlicher Landsitze übertrug.Die Themse am Lord Mayor’s Day mit dem Gewimmel von Booten und der prunkvollen Staatsbarke vor der Stadtsilhouette mit ihren unzähligen Kirchtürmen erinnert an die Ausfahrt des Bucintoro. Vor der «Südfassade von Warwick Castle» gleitet auf dem Avon River vor elegant gekleideten Figuren eine Gondel vorbei. Bühnenartig wie den Bacino di San Marco inszeniert Canaletto die «Old Horse Guards vom St. James’s Park aus». Der Himmel über der rauchgeschwängerten, nebligen Grossstadt ist nicht weniger blau als der über Venedig, weder das Gedränge und der Lärm auf den Strassen noch die sozialen Spannungen haben sich in seinen wohlgeordneten Ansichten niedergeschlagen.Trotz repräsentativen Aufträgen stellte sich für Canaletto in London der erhoffte kommerzielle Erfolg nicht ein. So kehrte er 1755 nach Venedig zurück, wo er 1768 verarmt starb.Über Dresden nach WienBellotto schlug einen anderen Weg ein. Sein Ziel war es, an einem europäischen Hof fest besoldeter Hofmaler zu werden. Dank Beziehungen nach Dresden wählte er 1747 die Elbestadt als Ziel und wurde dort wie erhofft Hofmaler von August III., dem Kurfürsten von Sachsen und König von Polen. Hier schuf er einige seiner bedeutendsten Werke, Grossformate für den Hof, kleinere Versionen für private Käufer.Da die Ausstellung den Fokus auf Bellottos Wiener Zeit legt, zeigt sie nur zwei, allerdings hochkarätige Beispiele der letzteren Werkgruppe: «Dresden vom rechten Elbufer, oberhalb der Augustusbrücke» und «Dresden vom rechten Elbufer, unterhalb der Augustusbrücke». Beide dokumentieren Bellottos Verfahren, Proportionen und Blickwinkel seinen kompositorischen Intentionen anzupassen.Bernardo Bellottos Ansicht von «Dresden vom rechten Elbufer unterhalb der Augustusbrücke», 1748.Gemäldegalerie Alte Meister, DresdenAus Bellottos Wiener Jahren: «Lobkowitzplatz in Wien», 1759-1760.DeAgostini / GettyDer Kurator der Ausstellung, Mateusz Mayer, weist in seinen gehaltvollen Bildkommentaren auch minuziös nach, wie Bellotto genauso wie sein Onkel Stadtsilhouetten und Bauwerke idealisierte. Anders als dieser schärfte er jedoch die Konturen seiner Bildelemente und setzte auf Licht-Schatten-Kontraste. Canaletto bevorzugte eine gleichmässige Lichtführung und wählte ein helleres, transparenteres Kolorit.Nachdem bei Ausbruch des Siebenjährigen Krieges preussische Truppen in Dresden eingefallen waren, verliess Bellotto 1759 die Stadt und wandte sich nach Wien, dem Zentrum des absolutistisch regierten Habsburgerreiches, in der Hoffnung, auch dort eine Anstellung als Hofmaler zu bekommen. So huldigte er der kaiserlichen Residenzstadt mit jenen prachtvollen Darstellungen ihrer Palais, Plätze und der Universität mit Sternwarte, zu denen auch das eingangs beschriebene Belvedere-Bild gehört.Doch seine Hoffnungen erfüllten sich nicht. Das änderte nichts daran, dass er in seinen Wiener Jahren Meisterwerke schuf, die zu seinen populärsten zählen. Erstmals seit zwanzig Jahren sind die hauseigenen Bellotto-Bestände des Kunsthistorischen Museums jetzt komplett ausgestellt. Bellottos Architekturszenerien verbinden sich mit seinem Bestreben, ein Gesamtbild der Gesellschaft zu zeigen, vom Aristokraten bis zum Bettler, ein Theatrum Mundi. Die Ansicht der Freyung von Nordosten führt auf dem Marktplatz Verkäuferinnen hinter ihren Warenkörben, bürgerliche Käuferinnen, Bedienstete, Sänftenträger und noble Herren zusammen.Vor dem von Norden gesehenen Schloss Hof erkennt man in der weitläufigen Parkanlage Frauen, die Wäsche zum Trocknen ausbreiten, Bauern mit Vieh, Gärtner, im Vordergrund zwei ärmlich gekleidete Männer, während sich die bessere Gesellschaft hinter der Gartenmauer ergeht. Dass Bellotto die verschiedenen sozialen Schichten nicht egalitär darstellt, wird im «Lobkowitzplatz in Wien» besonders deutlich. Die Fassade des Palais ist in helles Licht getaucht, auf das Bürgerspital gegenüber und die davorstehenden Figuren fällt ein langer Schatten.Als Bellotto 1762 zu seiner in Dresden verbliebenen Familie zurückkehrte, war die Stadt vom Krieg verwüstet, der einstige Hofmaler wurde zum Lehrer für Perspektive an der Akademie degradiert. In dieser Lebenskrise schuf er das verstörende Gemälde «Die Ruinen der Pirnaischen Vorstadt». Als Schaustück perspektivischer Raumgestaltung steht diesem die «Architekturfantasie mit Selbstbildnis in den Roben eines venezianischen Edelmannes» gegenüber. Wahrscheinlich nahm er es als künstlerische Visitenkarte mit zu seiner nächsten und letzten, in der Wiener Schau nicht mehr behandelten Wirkungsstätte als Hofmaler in Warschau.Bellottos Architekturfantasie ist auch ein Selbstbildnis des Malers und zeigt ihn in den Roben eines venezianischen Edelmannes, um 1765.Andrzej Ring, Lech Sandzewicz / Königliches Schloss zu WarschauCanaletto & Bellotto, Kunsthistorisches Museum, Wien, bis 6. September. Katalog: 39.95 Euro.Passend zum Artikel