Der deutschen Leichtathletik droht die nächste Dopingaffäre. Wie die Nationale Anti Doping Agentur (Nada) am Freitag mitteilte, hat sie gegen den deutschen 100-Meter-Rekordhalter Owen Ansah ein Verfahren wegen eines „möglichen Verstoßes gegen Anti-Doping-Bestimmungen“ eingeleitet.Demnach wirft sie Ansah, der Anfang Juni in Regensburg seine eigene nationale Bestmarke um eine Hundertstelsekunde auf 9,98 gedrückt hatte, die Verweigerung einer Dopingkontrolle vor. Ansah ist nach Angaben der Nada im Einklang mit dem Anti-Doping-Regelwerk derzeit nicht vorläufig suspendiert. Weitere Einzelheiten nannte die Nada nicht.Er habe sehr dringend seinen Flug erwischen müssen, teilt Ansah mitAnsah legte seine Sicht der Dinge am Freitagabend in einer Mitteilung des DLV recht ausführlich dar. Er sei vergangene Woche „ganz kurzfristig“ ins Starterfeld über 100 Meter bei der Diamond League in Monaco gerutscht, einer Art Weltcup-Serie der Leichtathleten. Als er am Donnerstag gegen 14:30 Uhr zum Flughafen aufbrechen wollte, sei er „sehr spät dran“ gewesen „und konnte so kurzfristig die Probe nicht abgeben, zumal ich kurz zuvor die Toilette besucht hatte“. Dies habe er mit dem Kontrolleur besprochen.Weder sei ihm dann angeboten worden, dass der Kontrolleur ihn zum Flughafen begleitet, damit er dort die Probe abgeben kann. Auch seien ihm „keinerlei“ Konsequenzen aufgezeigt worden, sollte er die Probe verweigern. Am Tag darauf sei er dann in Monte Carlo getestet worden, am Montag darauf zudem von der Nada – die Ergebnisse teilte Ansah allerdings nicht mit. Er werde, ließ er dafür wissen, „alles dafür tun, um den Sachverhalt aufzuklären“. DLV-Sportvorstand Jörg Bügner richtete in derselben Mitteilung aus, dass man die Arbeit der Nada „vollumfänglich“ unterstütze. „Gleichzeitig sind für unsere Athleten da und stehen mit Owen im engen Austausch.“Sollte Ansah seine Darstellung im nun laufenden Nada-Verfahren untermauern, könnte das im Detail tatsächlich interessant werden. Grundsätzlich gelten verweigerte Dopingkontrollen aber als schwerer Verstoß gegen die Anti-Doping-Richtlinien, sie können behandelt werden wie ein positiver Dopingtest. Das Regelwerk schreibt für diese Fälle in der Regel eine Sperre von vier Jahren vor – es sei denn, ein Athlet weist nach, dass er die Kontrolle nicht vorsätzlich verweigert hat oder „außergewöhnliche Umstände“ geltend machen kann. In erstem Fall würde er für zwei Jahre gesperrt werden, in letzterem kann die Sperre zwischen zwei und vier Jahre währen.Ob ein dringend zu erreichender Flug als außergewöhnlicher Umstand gilt, dürfte indes sehr fraglich sein. Allerdings können Athleten mithilfe eines sogenannten „Case Resolution Managements“ auch deutlich kürzere Sperren erwirken. Dafür müssen sie vor allem maßgeblich an der Aufklärung mitwirken.Dopingkontrollen im deutschen Team vor Olympia:Ganz schön viele SchusseligkeitenBobanschieber Simon Wulff, Langlauf-Olympiasiegerin Victoria Carl, nun Skicrosser Florian Wilmsmann: Der deutsche Wintersport verzeichnet kurz vor Olympia den nächsten Anti-Doping-Verstoß. Doch auch das Verhalten der Dopingjäger erscheint merkwürdig.Ansah hatte vor zwei Jahren in Braunschweig als erster deutscher Sprinter mit legaler Windunterstützung die Schallmauer von zehn Sekunden geknackt. Beim Diamond-League-Meeting in Monte Carlo am vergangenen Freitag hatte er sich die Turbulenzen im Hintergrund nicht anmerken lassen, in 10,01 Sekunden war er als Vierter eine weitere Topzeit gelaufen, mit der er seine Leistung vom Rekordlauf am 6. Juni in Regensburg bestätigt hatte. Der Sieg war an Weltmeister Oblique Seville aus Jamaika gegangen (9,88).„Unfassbar“ sei das Erlebnis in Monte Carlo gewesen, hatte der Sprinter damals am ARD-Mikrofon gesagt. Überhaupt war seine Saison bis dahin erstaunlich rasant verlaufen, das hatte Ansah schon nach seinem Rekordlauf zuvor in Regensburg eingeräumt: „Dass mir das jetzt im zweiten Saisonrennen gelungen ist, ist schon eine Überraschung für mich“, hatte er damals gesagt. „Das große Ziel“ in diesem Jahr seien die Europameisterschaften in Birmingham (10. bis 16. August). In der europäischen Jahresbestenliste belegt der für den Hamburger SV startende Ansah derzeit den zweiten Platz hinter Marcell Jacobs (Italien/9,96), dem Olympiasieger von 2021. Auch die 4×100-Meter-Sprintstaffel galt mit Ansah bis zuletzt als Anwärter auf eine EM-Medaille.Am 25. und 26. Juli stehen in Bochum-Wattenscheid erst einmal die deutschen Meisterschaften auf dem Programm. Die Vorgänge um den schnellsten deutschen Sprinter dürften das Wochenende in jedem Fall überschatten.
Verweigerte Dopingprobe: Nada ermittelt gegen deutschen 100-Meter-Rekordhalter Ansah
Dem deutschen 100-Meter-Rekordhalter Owen Ansah wird die Verweigerung einer Dopingprobe vorgeworfen. Jetzt läuft ein Verfahren gegen ihn.








