Der deutschen Leichtathletik droht die nächste Dopingaffäre. Wie die Nationale Anti Doping Agentur (Nada) am Freitag mitteilte, hat sie gegen den deutschen 100-Meter-Rekordhalter Owen Ansah ein Verfahren wegen eines „möglichen Verstoßes gegen Anti-Doping-Bestimmungen“ eingeleitet.Demnach wirft sie Ansah, der Anfang Juni in Regensburg seine eigene nationale Bestmarke um eine Hundertstelsekunde auf 9,98 gedrückt hatte, die Verweigerung einer Dopingkontrolle vor. Ansah ist nach Angaben der Nada im Einklang mit dem Anti-Doping-Regelwerk derzeit nicht vorläufig suspendiert. Weitere Einzelheiten nannte die Nada nicht. Stellungnahmen von Ansah und dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) lagen zunächst nicht vor.Verweigerte Dopingkontrollen sind grundsätzlich ein schwerer Verstoß gegen die Anti-Doping-Richtlinien, sie können so behandelt werden wie ein positiver Dopingtest. Das Regelwerk schreibt für diese Fälle in der Regel eine Sperre von vier Jahren vor – es sei denn, ein Athlet weist nach, dass er die Kontrolle nicht vorsätzlich verweigert hat oder „außergewöhnliche Umstände“ geltend machen kann. In erstem Fall würde er für zwei Jahre gesperrt werden, in letzterem kann die Sperre zwischen zwei und vier Jahre währen.Ansah hatte seine Rekordzeit zuletzt beinahe in der Diamond League erreichtDas widerfuhr etwa einer Leichtathletin, die nach ihrem Karriereende vergessen hatte, sich aus dem sogenannten Test-Pool der Nada abzumelden, in dem alle Athleten vermerkt sind, die für unangekündigte Dopingkontrollen bereitstehen müssen. Seit einer Weile können Athleten mithilfe eines sogenannten „Case Resolution Managements“ auch deutlich kürzere Sperren erwirken. Dafür müssen sie aber unter anderem maßgeblich an der Aufklärung mitwirken.Ansah hatte vor zwei Jahren in Braunschweig als erster deutscher Sprinter mit legaler Windunterstützung die Schallmauer von zehn Sekunden geknackt. Noch am Freitag vergangener Woche war der 25-Jährige beim Diamond-League-Meeting in Monte Carlo als Vierter in 10,01 Sekunden eine weitere Topzeit gelaufen, mit der er seine Leistung vom neuerlichen Rekordlauf am 6. Juni in Regensburg bestätigt hatte. Der Sieg war an Weltmeister Oblique Seville aus Jamaika gegangen (9,88).„Unfassbar“ sei das Erlebnis in Monte Carlo gewesen, hatte der Sprinter damals am ARD-Mikrofon gesagt. Überhaupt war seine Saison bis dahin erstaunlich rasant verlaufen, das hatte Ansah schon nach seinem Rekordlauf zuvor in Regensburg eingeräumt: „Dass mir das jetzt im zweiten Saisonrennen gelungen ist, ist schon eine Überraschung für mich“, hatte er damals gesagt. „Das große Ziel“ in diesem Jahr seien die Europameisterschaften in Birmingham (10. bis 16. August). In der europäischen Jahresbestenliste belegt der für den Hamburger SV startende Ansah derzeit den zweiten Platz hinter Marcell Jacobs (Italien/9,96), dem Olympiasieger von 2021. Auch die 4×100-Meter-Sprintstaffel galt mit Ansah bis zuletzt als Anwärter auf eine EM-Medaille.Am 25. und 26. Juli stehen in Bochum-Wattenscheid erst einmal die deutschen Meisterschaften auf dem Programm. Die Vorgänge um den schnellsten deutschen Sprinter dürften das Wochenende in jedem Fall überschatten.