Messi gegen Messi – poetischer kann ein Genie nicht abtretenDer Argentinier hat alles erledigt, was es zu erledigen galt. Im WM-Final kulminiert seine Karriere voller Superlative und Mystik im Duell mit der zweiten Heimat Spanien.17.07.2026, 16.30 Uhr8 LeseminutenAm Sonntag kann Lionel Andrés Messi Cuccittini zum letzten Mal in einem grossen Spiel bewundert werden.Karl Bridgeman / GettyWenn eine Karriere schon so beginnt, wo endet sie dann? Es war ein ziemlich heisser 1. Mai, als der 17-jährige Lionel Messi im Ligaspiel des FC Barcelona gegen Albacete Balompié in der 88. Minute beim Stand von 1:0 eingewechselt wurde. Eine gute Minute später bediente ihn Ronaldinho, der brasilianische Star der Mannschaft, mit einem Lupfer über die Abwehr, und der Teenager hob den Ball ebenso gekonnt über den Goalie ins Netz. Doch der Schiedsrichter erkannte den Treffer wegen vermeintlichen Abseits ab. Eine weitere Minute später? Lupfer Ronaldinho, Lupfer Messi, Tor.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Sein erstes in einem Pflichtspiel unter Profis. Ein Tor, wie es den meisten Fussballern im Leben nicht einmal gelingt: Messi reproduzierte es innerhalb von ein paar Wimpernschlägen. Der Anfang von vielen surrealen Momenten und mystischen Koinzidenzen, die seinen Weg pflastern würden. Der Tag, an dem sich die Augen von knapp 100 000 Zuschauern im Camp Nou einer Kunde versichern konnten, die schon länger durch die Stadt geraunt wurde: Dieser Bursche ist besonders.Wie besonders, das konnte damals noch keiner ahnen. Wenn Lionel Andrés Messi Cuccittini am Sonntag zum letzten grossen Match seiner Karriere einen Rasen in New Jersey betritt, dann darf man mit Fug und Recht von einem sporthistorischen Ereignis sprechen. Messi wird danach weiter Fussball spielen, bei Inter Miami, auch seinen Abschied aus der Nationalelf hat er noch nicht definitiv erklärt.Aber ein weiteres Länderturnier, eine WM gar, steht nicht zur Debatte. Ein Wechsel zurück zu einem europäischen Grossklub auch nicht, so sehr Nostalgiker in Barcelona immer einmal wieder das Gedankenspiel durchexerzieren, dass er noch einmal die Schuhe des Klubs seines Lebens schnüren könnte, und sei es nur für einige wenige Spiele.Nach der Karriere geht es in die Wahlheimat BarcelonaNach Barcelona kam der Argentinier schon mit 13, dort wurde er zu dem Kicker und Menschen, der er ist. Dorthin will er mit seiner Frau und seinen drei Kindern in sein Haus im Strandvorort Castelldefels zurückkehren, wenn er ganz mit dem Fussball aufhört. Vor ein paar Monaten hat er dort auch den Vorstadtklub Cornellà (5. Liga) gekauft.Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnierenDas Wappen von Barça trägt er neben dem von Argentinien, der Nummer 10 und einem Ball als Tattoo auf seinem linken Bein. Den heutigen Star von Barça, Lamine Yamal, badete er in der mystischsten aller Koinzidenzen als Baby für einen Benefizkalender. Gegen Spanien mit Yamal, mit weiteren Barça-Profis, die ihn so bewundern wie die Argentinier, und mit dem Barça-Spielstil absolviert er nun seinen letzten grossen Match. Wie zur Hommage. Poetischer kann sich ein Karrierekreis nicht schliessen.«El partido de todos los tiempos» erwartet man in den Medien des spanischen Sprachraums, das Spiel der Spiele. Mindestens aber eine «Finalissima», und das ist ausnahmsweise einmal kein branchentypischer Superlativ. Unter diesem Namen sollte zwischen Europameister und Südamerika-Champion im März in Katar ein offizieller Fifa-Titel ausgespielt werden. Der Angriff der USA auf Iran und die folgenden Scharmützel in der Region verhinderten den Match. Zum Ende der WM in den USA bekommt die Welt jetzt also doch dieses Spiel. Wer es sehr positiv meint mit diesem Sport, kann sagen: Der Fussball triumphiert wirklich über alles und jeden.Zu sehen geben wird es damit noch einmal einen Spieler, über den man natürlich zahllose Rekorde herunterrattern kann. Meiste Tore bei WM-Endrunden (21) und meiste Torvorlagen (12). Ältester Feldspieler je in einem WM-Endspiel (39). Zweiter Spieler nach dem Brasilianer Cafú, der einen dritten WM-Final bestreitet (Pelé ist zwar dreifacher Weltmeister, verpasste 1962 aber einen Grossteil des Turniers verletzt), sowie erster Spieler, der es jeweils als Captain getan hat. Und so weiter.Vor allem aber einen Spieler, der letztlich wohl nur mit der Kategorie des Genies zu greifen ist. Der weniger läuft als alle anderen (rund sieben Kilometer pro Match, das ist näher an den Torhütern als an den übrigen Feldspielern) und trotzdem mehr ausrichtet. Wie Beethoven, der taube Pianist, scheint Messi sein Metier in erster Linie zu fühlen: die Räume, die Momente und natürlich den Ball.Der Blick des Frustrierten, wenn die Mitspieler zu langsam waren22 Jahre Messi, das ist der Glücksfall einer perfekten Symbiose. Einer Sonderbegabung, die in der Vorzeigeschule für Teamfussball geschliffen wurde. Im FC Barcelona lernte er die Abläufe und Denkweisen der niederländisch-spanischen Schule. Dort verstand er, bei jeder noch so brillanten Einzelaktion die übrige Mannschaft mitzudenken. Die Normalen mit einzubeziehen, die bisweilen nicht verstanden, was er schon längst gescannt, prozessiert und vorhergeplant hatte. Mit einem Blick konnte er sie seine Frustration spüren lassen, wenn sie besonders langsam waren.Wie muss sich ein Fussballspiel in seinem Kopf anfühlen? Das war immer ein charmantes Gedankenspiel. Kein Wunder, dass Messi auch mit 39 nicht vom Fussball lassen wolle, so formulierte es der «Guardian» nach dem Ausscheiden der Engländer im Halbfinal: Er kenne ja nur Spiele, in denen er selbst dabei sei.Messi-Manie: Die Argentinien-Fans machen an dieser WM jedes Spiel zum Heimspiel, hier in der Gruppenphase gegen Algerien.François Nel / GettyAlles hat er in seiner Karriere erledigt, was es zu erledigen galt, zuletzt England. Als es im Halbfinal gegen England nach dem 0:1 hart auf hart kam, schienen seine Augen plötzlich Funken zu sprühen. Messi riss das Spiel an sich und zog die Gegenspieler auf sich, trieb seine Mannschaft an, orchestrierte ein Fussballfeuerwerk mit 88 Prozent Ballbesitz während der letzten 35 Spielminuten, zwei Pfostentreffern und letztlich den zwei Toren, die es brauchte. Beide bereitete Messi vor.Nie hatte er gegen Argentiniens Erzrivalen gespielt, und es gab manche, die im Vorfeld ganz ernst sagten: Wenn Messi zum Ende gegen England verliert, war alles davor nur die Hälfte wert. Die Welt hat sich in den letzten Tagen ein hinreichendes Bild davon machen können, wie intensiv Argentinien dieses Duell lebt, aber dabei geht es nur mittelbar um einen Falkland-Konflikt, der im Alltag keine wirkliche Rolle mehr spielt.Eher um die quasi mythologische Verbindung zum argentinischen Volkshelden Diego Maradona, der den WM-Viertelfinal gegen England 1986 zum Rachefeldzug für einen damals noch sehr frischen Krieg stilisierte und dann seine berühmtesten Tore schoss, die Hand Gottes und das Jahrhundert-Solo. Messi hat diese Tore später beide schon jung in spanischen Ligaspielen kopiert; die Mystik, die Koinzidenzen.Maradona war als Figur der Grösste, Messi als FussballerPolitische Botschaften haben ihn dagegen nie interessiert. Diese Indifferenz mag dazu beitragen, dass Maradona für viele grösser bleiben wird. Weil er als Figur viel grösser war. Doch in fussballerischer Hinsicht ist die These kaum zu stützen. Vereinfacht gesagt war Messi zwanzig Jahre, was Maradona fünf Jahre war. «Was müsste er noch tun, um als bester Spieler der Geschichte zu gelten?», fragte Argentiniens Trainer Lionel Scaloni nach dem Finaleinzug rhetorisch. «Für mich kann es keine Zweifel mehr geben.»Scaloni, der in Spanien lebt und dort unter seinem Finalrivalen Luis de la Fuente den Trainerschein machte, appellierte an seine Wahlheimat, den Final zu geniessen: «Wo Leo Messi dem Land doch so viel Freude beschert hat.» Die Bemerkung war wohltemperiert. Natürlich weiss Scaloni, dass es in Spanien auch immer besonders viele Messi-Kritiker gab, wegen der furiosen Rivalität zwischen Barcelona und Real Madrid.Aus dem dortigen Kosmos kamen über die Jahre viele der erstaunlich geläufigen Versuche der Diskreditierung von Messis Ausnahmeklasse. Es galt, den eigenen Heros Cristiano Ronaldo zu verteidigen. Als der Real-Profi Marcelo 2012 trotzdem einmal Messi als besten Spieler der Welt nannte, gab es intern mächtigen Ärger, seither ist so ein Satz tabu. Heutige Real-Profis wie Jude Bellingham, der Messi vor seinem Wechsel zu Real noch als Mass aller Dinge bezeichnet hatte («Er macht Sachen, die nicht menschlich scheinen»), achten tunlichst auf die Wortwahl ihrer Elogen. «Es war ein Privileg, gegen einen der Besten zu spielen», sagte Bellingham nach dem Halbfinal.Dabei war der Vergleich von Messi mit Ronaldo oder mit heutigen Goalgettern wie Kylian Mbappé und Erling Haaland immer eher einer von Äpfeln mit Birnen. Es handelt sich schlicht um andere Spielertypen. Messi mag auch Torjäger sein wie die anderen, aber er ist eben noch viel mehr. Die späteren WM-Runden 2026 lieferten insofern den besten Beweis. Als ab dem Viertelfinal das defensive Niveau stieg und die Torpartys endeten, kamen Messi, Mbappé, Haaland und Harry Kane zusammen nur noch auf einen Treffer. Die anderen drei schieden aus, ohne Zuarbeit ihrer Mannschaften blieben selbst sie wirkungslos. Messi führte dann eben als Regisseur den Sieg herbei.In dem engen, harten Match gegen England widerlegte er dabei auch erneut das Urteil, er sei ungeeignet für echte Schlachten. Unter allen Vorwürfen hatte dieser lange die meiste Substanz. Bis Scaloni die richtigen Tasten fand und Messi sein Land an der WM 2022 in einem Erlösungs-Epos zum Titel führte, drohte er an Maradona-Vergleichen und Finalniederlagen wie 2014 gegen Deutschland zu zerbrechen.Enzo Fernández und der offene BriefIm letzten Karrieredrittel aber ist er doch noch zur Chiffre geworden für «argentinidad» – die einmalige Passion, mit der Argentinien den Fussball lebt und mit der sich diese Spielergeneration gegen Niederlagen stemmt. In einer Fussball-Weltordnung, aus der Brasilien, Deutschland und Italien mindestens vorübergehend abgedankt haben, konserviert Argentinien als einziger der vier historischen Granden den Charakter einer Siegermannschaft. Auch das gehört zu Messis Hinterlassenschaft.Hat das Spiel nach dem Rückstand in Eigenregie gekehrt: Messi nach dem Halbfinal gegen England.Patrick Smith / Getty«Wir sind einzigartig, und das ist nicht arrogant gemeint», sagte Scaloni nach dem Abpfiff gegen England – er meinte, dass die Spieler quasi Anhänger im Trikot seien. In der Kabine sprangen sie danach minutenlang umher, trommelten auf die Pauke, sangen Fanlieder. Lautaro Martínez, der Siegtorschütze, schwärmte: «Ich habe immer von diesem Tor geträumt, seit mein Vater mir ein paar Fussballschuhe gekauft hat.» Enzo Fernández, der das 1:1 erzielt hatte, erklärte: «Gott hat mir einen weiteren Final mit Messi geschenkt.»2016, Fernández war 15 und unbekannt, hatte er Messi über Facebook einen offenen Brief geschrieben: «Bitte denk darüber nach, zu bleiben!» Messi erwog damals einen Rücktritt, nach einer Finalniederlage gegen Chile bei der Südamerikameisterschaft hatte er genug von dramatischen Pleiten und der Sündenbockrolle. Doch der 15-jährige Fernández schrieb: «Dich in der ‹Albiceleste› spielen zu sehen, ist der grösste Stolz auf der Welt.» 2022 wurden sie gemeinsam Weltmeister. Vor ein paar Wochen sagte Fernández, er würde jetzt noch viel emotionaler schreiben: «Ich würde Bücher brauchen, um auszudrücken, was wir alles gemeinsam erlebt haben, was ich von ihm gelernt habe.»Geschichten vor einem Final, über den der spanische Innenverteidiger Pau Cubarsí schon vor Wochen sagte: «Ein Endspiel gegen Messi wäre die Erfüllung eines Kindheitstraums.» Cubarsí ist 19, beim Tor gegen Albacete war er noch nicht geboren.Das Epos geht zu Ende. Den Frustrierten bleiben verzweifelte Theorien wie jene, Argentinien werde Messi zuliebe durch das Turnier gepfiffen. Alle anderen können noch einmal einen Fussballer geniessen, wie es ihn so wohl kaum mehr geben wird. Messi gegen Messi: Den Türrahmen zum Abschied ziert seine ganze Vita.Passend zum Artikel
WM 2026: Messi gegen Messi: Poetischer kann ein Genie nicht abtreten
Der Argentinier hat alles erledigt, was es zu erledigen galt. Im WM-Final kulminiert seine Karriere voller Superlative und Mystik im Duell mit der zweiten Heimat Spanien.











