«Ich will zurück in die Sowjetunion»: Russlands Chef der Ermittlungsbehörde dichtet sich die Vergangenheit herbei«Kettenhund des Regimes» wird er genannt: Alexander Bastrykin erlässt ein Verbot nach dem anderen, hetzt gegen Migranten, hält die Todesstrafe für human. Und er schreibt Gedichte – Werke, in denen die Phantomschmerzen einer ganzen Gesellschaft der moralischen Deckung von Repressionen dienen.17.07.2026, 16.00 Uhr5 LeseminutenStudentinnen und Studenten tanzen am 6. Mai 2025 den «Siegeswalzer»: Die Feier ist Teil der staatlich gepflegten Erinnerung an den sowjetischen Sieg über Nazideutschland.Alexander Zemlianichenko / AP«Ich will zurück in die Sowjetunion», sagt er und schaut ins Publikum beim Juristenforum in St. Petersburg. «Ich will mich von allen Freiheiten befreien, will zurück in die alte Welt, wo nicht Reichtum zählt, sondern die Völkerfreundschaft.» Alexander Bastrykin, der Chef der russischen Ermittlungsbehörde, einer Art FBI des Moskauer Regimes, holt sein Tablet näher heran, liest ab. Es sind seine eigenen Gedichte, die er hier Ende Juni, vor russischen Ministern und Vertretern der Sicherheitsbehörden, vor Gästen aus China, Iran, Weissrussland, zum Besten gibt. Verse voller Kitsch, in denen er sich die «Sterne jenes Landes» zurückwünscht, in dem «wir alle geboren sind. Darin liegt unsere Kraft.» Seine Zuhörer applaudieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. 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Von Repressionen, von den Härten des Alltags, des Mangels und der Misswirtschaft, wendeten die meisten die Augen ab.Das Regime Putin erhält die Nostalgie in Bezug auf die vermeintlich guten alten Zeiten heute bewusst am Leben. Viele Russen empfinden die Vergangenheit ihres Landes als gross und glorreich, die Gegenwart als mühsam und die Zukunft als nicht vorhanden. Mit dieser Hinwendung zum Gestern macht Wladimir Putin Politik. Bastrykin derweil verleiht den Phantomschmerzen pathetische Worte, wenn auch in ideenarmen Reimen. Und noch viel mehr: Er nutzt diese Schmerzen, um die Lasten von heute, die Repressionen, die Auswirkungen des Krieges gegen die Ukraine, die Russland euphemistisch «militärische Spezialoperation» nennt, moralisch zu decken.Im Ausblenden des Negativen, im Schönreden darüber, dass es schon nicht so schlimm komme, sind die Russen geradezu Weltmeister, mögen sie auch Stunden in Schlangen für ein paar Liter Benzin anstehen, ohne Licht zu Hause sitzen, ihr Geld nicht abheben können, weil das mobile Internet blockiert wird, oder den eigenen Sohn in einem Leichenhaus einer Grenzstadt ausfindig machen müssen. Sie schütteln die Lasten einer Diktatur von sich ab und reden sich diese Diktatur schön. «Wir sind stets zuversichtlich, dass das Morgen besser wird», liest Bastrykin in St. Petersburg.Alexander Bastrykin ist gern der «Mann der Verbote». Journalisten bezeichnen ihn als «Putins Kettenhund». Bild: St. Petersburg, 2026.Maksim Konstantinov / SOPA / ImagoDas Zerrbild von Gleichheit und Brüderlichkeit, das der 72-Jährige in seinem Werk malt, gern auch vertonen und im Kremlpalast vortragen lässt, blendet die Sowjetunion als totalitären Staat aus, in dem Kritiker in Lagern und Psychiatrien weggesperrt wurden, in dem Kinder dieser Kritiker nicht an die Universität durften, in dem ganz klar geregelt war, was zu sagen erlaubt war und wo zu leben. Indem er diesem Land, mit Applaus unterlegt, huldigt, legitimiert er die Auswüchse eines Tyranneisystems. Die Instrumente von damals wendet er derweil täglich in seiner Arbeit an.Bastrykin war mehr als ein Jahrzehnt lang praktisch der juristische Verfolger des russischen Oppositionspolitikers Alexei Nawalny. Mittlerweile ist dieser tot, vom Regime mittels eines Froschgiftes getötet. Es war Bastrykin, der den ersten Fall gegen den unerschrockenen Kreml-Kritiker aufrollte. Unter seinem früheren Pseudonym Stanislaw Strunjewski, das russische Journalisten schliesslich enttarnten, schrieb er mehr als zehn Gedichte, in denen er Nawalny verhöhnte. «Wir wünschen dir Kraft, Aljoscha, damit du weiter Dreck sammeln und verbreiten kannst», schrieb er, als Nawalny 2019 mit plötzlichen Atembeschwerden und einem Ausschlag in der Gefängniszelle kämpfte. Nawalnys Ärztin vermutete bereits damals eine Vergiftung mit einer chemischen Substanz.Apparat der TäuschungEs war Putin, der Bastrykin zum Chefermittler des Landes machte. Die beiden kennen sich noch aus dem Jus-Studium in Leningrad, dem heutigen St. Petersburg. Sie waren in derselben Lerngruppe, «Starosta», nennt Putin den um einige Monate jüngeren Bastrykin, es ist das russische Wort für «Klassensprecher».Während Putin seine Karriere beim sowjetischen Geheimdienst KGB startet, geht Bastrykin zur Miliz, der sowjetischen Polizei. Dort ist er unter anderem für Agitation und Propaganda zuständig, sorgt für die militärpatriotische Jugendbildung. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wird er Rektor der Jus-Fakultät von St. Petersburg und 2007 stellvertretender Generalstaatsanwalt des Landes. Seit 2010 steht er der Ermittlungsbehörde vor, unterstellt ist diese direkt dem russischen Präsidenten.Bastrykin lebt hier seinen regelrechten Hass auf alle aus, die ihm suspekt sind. «Ein Mann hat immer recht», sagt er immer wieder und holt aus – gegen Migranten, die seiner Meinung nach in Russland nichts verloren haben und wenn, dann als Soldaten an der Front. Er berichtet immer wieder stolz, wie viele Männer, die gerade die russische Staatsbürgerschaft erhalten hätten, von seinen Untergebenen in Razzien gefasst und in den Krieg gegen die Ukraine geschickt worden seien. Er glorifiziert das Gefängnis: «Da können die Häftlinge zwei Stunden täglich spazieren gehen. Ich habe keine zwei Stunden Zeit, in denen ich jeden Tag spazieren gehe.» Er nennt die Todesstrafe «human» und fordert, die Strafmündigkeit auf zwölf Jahre herabzusetzen. «Westliche Ideologien» will er untersagen. Er ist gern der «Mann der Verbote». Als «Putins Kettenhund» bezeichnen ihn Russlands unabhängige Journalisten. Die meisten von ihnen leben mittlerweile im Exil.In seinen Gedichten träumt der alternde Chef der obersten Ermittlungsbehörde vom «Volk», das «wieder das Sagen» haben solle. Es ist die pervertierte Sicht einer Elite, die den Kapitalismus verachtet, sich aber bereichert, die von Menschen spricht, Menschenrechte aber mit Füssen tritt. Es sind die Träume sowjetischer Nostalgiker, die «die Last der Täuschung» der postsowjetischen Epoche abwerfen wollen, wie Bastrykin in seinem Gedicht am Juristenforum sagt, und längst einen ganz neuen Apparat der Täuschung geschaffen haben, in dem sie «Krieg» als «Frieden» bezeichnen und eine Diktatur «souveräne Demokratie» nennen.Passend zum Artikel