Wer es gut meint mit der chinesischen Wirtschaft, attestiert ihr eine k-förmige Entwicklung. Der Strich nach oben sind in diesem Bild die Technologie-Branchen, die den Export dominieren und die im Zentrum der Strategie des Präsidenten Xi Jinping stehen: Autos, Batterien, Solarpaneele, Roboter, Chemie. Der Strich nach unten sind weite Teile der restlichen Wirtschaft: der darbende Konsum, die kollabierte Immobilienwirtschaft, die sinkenden Investitionen, die hohe Verschuldung der Lokalregierungen.Ausgerechnet einer der bekanntesten chinesischen Ökonomen ist mit diesem K-Bild nun scharf ins Gericht gegangen. „Das größte Problem der chinesischen Volkswirtschaft ist keine k-förmige Spaltung, sondern die seit drei Jahren andauernde allgemeine Schwäche“, sagte David Daokui Li, Professor an der Pekinger Elite-Uni Tsinghua, in einer Onlinevorlesung Anfang Juli. Das K-Bild führe „in die Irre“, sagt Li: „Die obere Linie allein kann das wirtschaftliche Fundament nicht tragen.“ Der „Übergang zwischen altem und neuem Wachstum ist gescheitert“.Die Botschaft, die diese Analyse vermittelt, hat es in sich: Die von Xi auserkorenen Hightech-Branchen tragen die Wirtschaft nicht.Wie hoch ist das Wachstum?Mit den offiziellen Wachstumszahlen hat das Bild, das Li zeichnet, ohnehin wenig zu tun. Die Wirtschaft legte im zweiten Quartal um 4,3 Prozent zu, teilte Peking in dieser Woche mit. Das ist zwar deutlich weniger als die eigentlich angepeilten 4,5 bis fünf Prozent Wachstum, die sich Peking für dieses Jahr vorgenommen hat. Auch an diesen Zahlen gibt es aber noch erhebliche Zweifel. Die verschiedenen Bestandteile, die üblicherweise das Wachstum in Volkswirtschaften ausmachen, geben diese Wachstumszahlen kaum her. Manche Beobachter gehen deshalb von einem deutlich niedrigeren tatsächlichen Wachstum aus. Logan Wright von der US-Denkfabrik Rhodium taxierte es in der britischen Zeitung „Financial Times“ auf null bis ein Prozent im zweiten Quartal.Tsinghua-Professor Li verwies etwa auf die bedenklich rückläufigen Anlageinvestitionen in der Volksrepublik. Diese sind in den ersten fünf Monaten dieses Jahres um 4,1 Prozent gesunken. „Ausmaß und Intensität sind beispiellos“, sagte er. Einen Rückgang der Anlageinvestitionen habe China bisher nur 1961 und 1967 erlebt. Li stellt die aktuelle Wirtschaftskrise damit in den Kontext der größten Wirtschaftskrisen, seit die Kommunistische Partei das Land regiert, nämlich des „Großen Sprungs nach vorn“ und der „Kulturrevolution“ unter Mao Tse-tung, freilich ohne diese explizit zu machen.„Entmutigte Arbeitskräfte“Li ging so weit zu sagen, die Wirtschaftslage und insbesondere die Arbeitslosigkeit seien eine „ernste Bedrohung für die gesellschaftliche Stabilität“, was stets die größte Sorge der Kommunistischen Partei ist. Wenn man die „entmutigten Arbeitskräfte“ einberechne, die aus Frustration die Jobsuche aufgegeben hätten, liege die tatsächliche Arbeitslosenquote bei 10,2 Prozent, doppelt so hoch wie die offiziellen Zahlen. Immer wieder kursierten in der Vergangenheit aber noch viel höhere Zahlen, vor allem für die Jugendarbeitslosigkeit.Die Arbeitslosenzahlen allein zeichnen ohnehin ein unvollständiges Bild des chinesischen Arbeitsmarktes. Die Denkfabrik China New Employment Forms Research Center geht davon aus, dass rund 320 Millionen Chinesen in flexiblen Beschäftigungsverhältnissen tätig sind, rund 44 Prozent aller Beschäftigten. Dazu zählen mehr als 80 Millionen Arbeiter in Fabriken, rund 40 Millionen auf Baustellen sowie knapp 40 Millionen Taxifahrer und mehr als 15 Millionen Essenslieferanten, die sich in prekären Jobs über Wasser halten.Li ist der vielleicht öffentlichkeitswirksamste Ökonom des Landes und in Chinas sozialen Medien sehr aktiv. Hunderttausende folgen seinen Beiträgen, in den vergangenen Jahren hat er sich als eine der kritischsten Stimmen profiliert.Neben Li hatte sich Gao Shanwen, der als Chefökonom für chinesische Finanzmarktinstitutionen tätig war, als besonders kritischer Geist einen Namen gemacht. Gao sagte Ende 2024, dass Chinas Wirtschaftswachstum zwischen 2021 und 2023 um zehn Prozentpunkte überschätzt worden sei. Der Ökonom erlag Anfang Juli Berichten zufolge einem Krebsleiden. Postum wurde er nun selbst von Staatsmedien als jemand beschrieben, „der sich traute, die Wahrheit zu sagen“.Fünfjahresplan für den KonsumAuch Lis Beiträge testen die Grenzen des Sagbaren in der zensierten chinesischen Öffentlichkeit aus. In der Vergangenheit wurden Ökonomen von Sicherheitskräften mitunter körperlich bedroht, wenn sie sich allzu kritisch äußerten. Das Ministerium für Staatssicherheit warnte Ökonomen öffentlich vor allzu negativen Einschätzungen und unterstellte ihnen Profitgier. Li gilt aber als gut vernetzter Tsinghua-Professor. Es ist davon auszugehen, dass er Signale aus dem Pekinger Apparat erhält, wie er sich äußern kann oder wann er öffentlichen Druck aufbauen soll, um Reformen anzustoßen.Anfang dieser Woche forderte Ministerpräsident Li Qiang stärkere „antizyklische Maßnahmen“, ein implizites Eingeständnis, dass der aktuelle wirtschaftliche Trend nach unten zeigt. Kurz darauf legte Peking erstmals einen Fünfjahresplan vor, der den heimischen Konsum ankurbeln soll. Der Einzelhandelsumsatz soll demnach bis zum Ende des Jahrzehnts auf 60 Billionen Yuan (rund 7700 Milliarden Euro) steigen. Das entspräche einem jährlichen Plus von rund 3,7 Prozent, weniger als das zuletzt angepeilte Wachstum von 4,5 bis fünf Prozent.Das bedeutete zwar einen sinkenden Anteil des Konsums an der Wirtschaftsleistung. Dennoch sieht der Plan vor, den Anteil des Konsums an der Wirtschaftsleistung weiter zu steigern. Peking hat diesen logischen Widerspruch bisher nicht aufgelöst. Das Ziel, den Anteil des Konsums an der Wirtschaftsleistung zu erhöhen, kommuniziert Peking indes seit mehreren Jahrzehnten, ohne dabei groß Fortschritte gemacht zu haben. Der Wert stagniert bei rund 40 Prozent, ein im internationalen Vergleich außergewöhnlich niedriger Wert.Für den chinesischen Aufstieg der vergangenen zwanzig Jahre sei der Konsum weniger entscheidend gewesen, sagt Li. Stattdessen waren die Treiber die Immobilienwirtschaft und die Infrastrukturinvestitionen, die nun beide ins Stocken geraten seien. Für noch wichtiger als die Immobilienkrise hält er die hohe Verschuldung der Lokalregierungen, die auf mehr als 100 Prozent der Wirtschaftsleistung gestiegen sei. Diese könnten „kaum ihren Betrieb aufrechterhalten, geschweige denn Zinsen bedienen“. Sie versuchten nun auf alle erdenklichen Weisen, Geld aus Unternehmen zu pressen. „Sie sind zu einem wirtschaftlichen schwarzen Loch geworden.“