Nun sind alle Medien landauf, landab wieder voll von Lobeshymnen. Für einen walisischen Sänger namens Tom Jones, seit 1964 professionell im Showgeschäft. Tatsächlich ist erstaunlich, wie makellos und elektrisierend sein Bariton auch mit 86 Jahren noch klingt. So hält „der Tiger“ die Fans in der Frankfurter Festhalle fest in seinen Krallen. Jahrzehnte konnte sich Tom Jones im dichten Dschungel der schnelllebigen Künstlerwelt mehr oder minder konstant erfolgreich durchsetzen.Ein arrivierter Weltstar, der aber weiß: Das Leben ist endlich. Gleich zum Einstieg gibt er mit dem Songbekenntnis „I’m Growing Old“ Einblick in seine Realität. Eine Entwicklung, die Fahrt aufgenommen hat, seit er das graue Haar nicht mehr unter einer dunklen Kolorierung verbirgt und der Gang nach Hüftoperationen schleppender geworden ist. Wenn er mit dem Alter kokettiert, erzählt er augenzwinkernd von Willie Nelson 90. Geburtstagsparty.Tom Jones hat vieles erlebt, gesehen, genossen und auch erlitten. Da steht ein Gereifter im Rampenlicht. Von dem erwartet wird, dass er mit seinem exzellenten Begleitquartett auf der aktuellen „Come Gather Round“-Tour möglichst viele seiner zu Evergreens gewordenen Hits serviert. Einige davon finden sich auf der Setlist. Doch auf „Thunderball (007)“, „Help Yourself“ oder „She’s A Lady“ wartet die Fangemeinde vergeblich. Kommen die Hits, dann tönen sie in ungewöhnlichen Arrangements: „It’s Not Unusual“ und „What’s New Pussycat?“, beide von 1965, erklingen gedämpft mit Akkordeon. Als perfekter Flamenco mit spanischer Akustikgitarre arrangiert präsentiert sich „Delilah“ aus dem Jahr 1968.„Sex Bomb“ als gediegene Soul-NummerTom Jones verspürt keine Lust mehr, dem Soundkonzept seines einstigen Mentors und Managers Gordon Mills nachzuhängen. Den Rhythm-’n’-Blues-Sänger Thomas John Woodward taufte Mills in Tom Jones um, abgeleitet vom gleichnamigen Roman von Henry Fielding. Um möglichste breite Käuferschichten anzusprechen, führte Mills den gefälligen Dreivierteltakt in die Studioproduktionen ein. Mills zeigte sich auch für das zwiespältige Image verantwortlich: Privat galt Jones als treuer Ehegatte und Familienvater. Im Rampenlicht gab er mit sattem Hüftschwung eine schlüpfrige Bühnenfigur mit unerschöpflicher Virilität. Ein vor Testosteron strotzender Sexprotz, dem die Damenwelt zuhauf Unterwäsche zuwarf, über den es hieß, er habe zig Affären. Ein Image, das Jones selbst in Interviews befeuerte.In der Gegenwart füllt Tom Jones sein künstlerisches Œuvre mit Anspruchvollem wie Bob Dylans „Not Dark Yet“ oder Terry Calliers „Lazarus Man“ aus. Als die ersten Takte von „Sex Bomb“ anklingen, arrangiert als gediegene Soul-Nummer, kommt erstmals Bewegung ins Publikum. Man lässt die Hüften kreisen.Dazu liefert Jones auch so manche musikalische Überraschung: allen voran den gesprochenen Poetry-Slam von „Talking Reality Television Blues“, aber auch „I Won’t Crumble With You If You Fall“ und „This Is The Sea“. Randy Newmans „You Can Leave Your Hat On“ besitzt nicht ganz die Dramatik von Joe Cockers Version. Etwas bieder gerät das schlagerhafte „Pop Star“, ein Frühwerk von Cat Stevens. Dafür gelingt Bob Dylans „One More Cup Of Coffee (Valley Below)“ meisterlich.Eine Wundertüte ist der Zugabenteil: Countrystimmung kommt mit „Green, Green Grass Of Home“ auf, düster philosophisch gerät „One Hell Of A Life“. Zu guter Letzt noch eine legendäre Anekdote. In Las Vegas fragte Elvis Presley seinen Freund Tom Jones: „Möchtest Du den wahren King of Rock ’n’ Roll kennenlernen?“. Als Jones bejahte, führte Presley ihn zum Konzert von Chuck Berry. Aus dessen Feder stammt das perfekte Finale vom noch immer fauchenden „Tiger“: „Johnny B. Goode“.
Tom Jones in der Frankfurter Festhalle – Der Tiger faucht noch immer
Mit 86 Jahren weiterhin elektrisierend: Tom Jones begeistert in der Frankfurter Festhalle mit neu arrangierten Hits und musikalischen Überraschungen.










