Kurz bevor das Konzert von Tom Odell eigentlich losgehen soll, reiht sich wohl gut ein Drittel der Besucher um den Kurweiher in Wiesbaden und wartet. „Das ist der schönste Ort, an dem ich je Schlange stand“, sagt eine Frau zu ihren Freundinnen. Unter den alten, mächtigen Bäumen, die wohltuenden Schatten spenden, lässt sich die Wartezeit tatsächlich leicht vergessen. Das denken sich offenbar auch jene, die nicht mal eben rund 70 Euro für ein Ticket des britischen Singer-Songwriters ausgeben wollten. Sie haben es sich auf Picknickdecken am Ufer des Weihers gemütlich gemacht, genießen die letzten Sonnenstrahlen des Tages.Vor dem Kurhaus wächst derweil die Ungeduld. Mit einer Viertelstunde Verspätung entert Tom Odell schließlich im übergroßen Anzug die Bühne. Lässig mit Sonnenbrille läuft er zu seinem Flügel und winkt dabei dem Publikum zu. Die ersten Reihen begrüßen ihn phonetisch, der 35 Jahre alte Sänger haut in die Tasten.Mit „Grow Old With Me“ eröffnet Odell den Abend kraftvoll. Begleitet von seiner Band, besingt er die Hoffnung auf eine Liebe, die ein Leben lang hält. Es ist ein emotionaler Auftakt für das Abschlusskonzert der diesjährigen Open-Air-Reihe des Rheingau Musik Festivals im Kurpark – und gleichzeitig ein Versprechen für einen Abend, an dem große Gefühle wichtiger sind als große Gesten.Zweifel und HoffnungDenn genau darin liegt Tom Odells Stärke. Seine Songs erzählen von Sehnsucht, Verlust, Zweifel und Hoffnung, ohne dabei jemals kitschig zu wirken. In „The End“ schlägt er leisere Töne an. Fast regungslos sitzt er am Klavier, singt stellenweise nur flüsternd. Der Song verarbeitet persönliche Kämpfe und den Schmerz einer Beziehung, die sich ihrem Ende nähert. Es geht um den Moment, in dem zwei Menschen erkennen, dass sie sich auseinandergelebt haben, obwohl die Gefühle füreinander noch nicht verschwunden sind. „Do you think we can be friends? Or maybe we have reached the end“, fragt Odell – eine Zeile, die das Publikum spürbar bewegt.Wer Tom Odell nur flüchtig kennt, könnte seine Musik vorschnell als traurig abstempeln. Doch hinter der Melancholie steckt immer auch Trost. Seine Lieder erzählen davon, dass Schmerz zum Leben gehört und dass selbst in den dunkelsten Momenten noch Hoffnung aufscheint. Ein Blick in die Gesichter der Fans genügt, um zu sehen, wie sehr sie sich in diesen Geschichten wiederfinden. Viele singen jede Zeile mit geschlossenen Augen mit, andere wischen sich Tränen aus dem Gesicht. Tom Odell lädt nicht zur ausgelassenen Party ein, er lädt zum Fühlen ein. Traurigkeit und Glück liegen an diesem Abend oft nur einen Atemzug auseinander.Zwischendurch lockert der Brite die Schwere mit kleinen Gesten auf. Ein kurzes Macarena-Tänzchen, ein schelmisches Lächeln – viel mehr Interaktion braucht es nicht. Auf lange Ansagen verzichtet Odell. Er lässt seine Musik sprechen.Als schließlich die ersten Klaviertöne von „Another Love“ erklingen, erhebt sich das gesamte Publikum. Bis in die letzte Reihe wird mitgesungen und getanzt. Der Song, mit dem Tom Odell 2012 seinen internationalen Durchbruch feierte, entfaltet auch nach mehr als einem Jahrzehnt seine Wucht. Tausende Stimmen übernehmen den Refrain.„Jetzt können wir nach Hause gehen“, sagt ein junger Besucher lachend zu seinen Freunden. Tatsächlich ist „Another Love“ nach rund 90 Minuten der Schlusspunkt des Abends. Das Licht geht an, Tom Odell verlässt die Bühne, und erstaunlicherweise fordert niemand eine Zugabe. Vielleicht, weil alles gesagt und dieser Song der perfekte Schlusspunkt ist.
Tom Odell in Wiesbaden: Alle singen gemeinsam "Another Love"
Wer Tom Odell live erlebt, bekommt keine große Show – sondern einen Abend voller Sehnsucht, Trost und leiser Momente. So auch in Wiesbaden.








