Er lauert tief im trüben Baggersee, jederzeit zum Angriff bereit. Nähert sich ein Opfer, schnappt er blitzschnell zu. Fische, Muscheln und Krebse verschlingt er mit einem Biss, hin und wieder muss auch eine kleine Ente dran glauben. Und wenn es sein muss, greift er auch Menschen an.Ja, der Wels ist kein harmloses Fischlein, sondern ein Räuber. Größer als ein Mensch kann der Süßwasserfisch werden, drei Zentner schwer, und sein unvorteilhaftes Äußeres wecken in vielen Menschen offenbar Urängste. Der Wels, glauben sie, warte nur darauf, aus der Tiefe des Sees aufzutauchen und nach dem Bein zu schnappen. Allein die Vorstellung, dass man den Baggersee mit diesem Tier teilt, bietet den besten Stoff für sommerliche Gruselgeschichten – und sind manchen Menschen Grund genug, lieber ins Freibad zu wechseln.Für alle Schwimmer haben Forscher vom Bodensee jetzt eine weitere schlechte Nachricht parat: Silurus glanis, wie der größte reine Süßwasserfisch genannt wird, vermehrt sich prächtig – und breitet sich in immer mehr Gewässern aus. Aber ist der Europäische Wels wirklich ein Monster, das Hunde verschlingt? Frisst er ganze Ökosysteme leer und gefährdet andere heimische Fische?
Ein Monster ist der Wels jedenfalls nicht. Weder frisst er Hunde, noch zieht er badende Kinder in die Tiefe. Alle diese Geschichten gehören ins Reich der Ammenmärchen, wissen Ichthyologen, denn dazu ist er anatomisch gar nicht in der Lage. Sein Maul ist zwar groß, aber zu klein, um Menschen oder größere Säugetiere am Stück zu verschlingen, zudem ist es für blutige Bissattacken ungeeignet. Anders als der Hecht besitzt der Wels keine spitzen Zähne, sondern nur Zahnkissen, die allenfalls Kratzer hinterlassen. Kauen und zerlegen kann er seine Beute damit nicht. Der Wels ist ein Schlinger: Mit seinem riesigen Maul erzeugt er einen Unterdruck und saugt die Beute am Stück ein. In Amerika fangen manche Fischer Katzenwelse daher sogar mit der bloßen Hand. In Europa ist dieses sogenannte Noodling verboten.Die archaische Fangtechnik passt zum archaischen Äußeren des Welses. Sein riesiges Maul, seine schleimige Haut und seine langen Barteln sind wohl der Grund für sein schlechtes Image. Dabei muss der Mensch sich nicht vorm Wels fürchten: Der Fisch ist scheu und tagsüber selten aktiv. Der Einzelgänger verbringt sein Leben im warmen Wasser, liegt träge im Schlamm und wartet, dass potentielle Beute an ihm vorbeischwimmt. Er ist ein geduldiger Lauerräuber und frisst, was in sein Maul passt. Weil der Wels sein Leben lang wächst, wird er sehr groß und sehr alt, in Ausnahmefällen sogar 50 oder 60 Jahre. Ab einem Meter Körperlänge hat er keine natürlichen Feinde mehr.Man findet den Wels häufig in Ufernähe, in abgelegenen Höhlen und Kolken. Dort laicht das Weibchen im Mai und Juni. Allenfalls in dieser Zeit ist es denkbar, dass sich der Wels gegen den Menschen zur Wehr setzt, wenn er ihm zu nahekommt. Seine Laichplätze verteidigt das Männchen mit vollem Körpereinsatz.Starke Zunahme der PopulationsgrößeOb die Begegnungen mit dem Menschen zunehmen, lässt sich nicht seriös beantworten. Lange Zeit gab es kaum Forschung zum Wels in Deutschland. Jetzt zeigen aktuelle Untersuchungen der Fischereiforschungsstelle in Langenargen, dass die Wahrscheinlichkeit, auf einen Wels zu treffen, deutlich höher ist als noch vor Jahrzehnten. Denn der Wels ist ein Gewinner des Klimawandels. In den vergangenen Jahrzehnten hat er sich in Baden-Württemberg massiv vermehrt und ausgebreitet, zeigen aktuelle Daten. „Die Bestände im Land haben rasch zugenommen“, sagt Samuel Roch, Fischökologe an der Fischereiforschungsstelle. Die Nachweise in Flüssen haben sich im Einzugsgebiet des Rheins in den vergangenen vier Jahrzehnten beinahe verdreifacht, und auch im Einzugsgebiet der Donau wird der Wels häufiger gefangen als noch vor zwanzig Jahren. Allein im Bodensee hat sich die Menge der gefangenen Welse in nur vier Jahren fast verdoppelt. Im Jahr 2020 gingen 4,5 Tonnen Wels ins Netz, im Jahr 2024 waren es acht Tonnen. Zum Vergleich: Im Jahr 1990 betrug der Fang bloß 100 Kilogramm.Nicht nur am Bodensee kommt der Wels immer häufiger vor. Die Forscher aus Langenargen haben festgestellt, dass er neue Flüsse besiedelt. Der Wels breitet sich flussaufwärts aus, in Gebiete, wo es ihm bisher zu kalt war. Besonders gut sieht man das in Baden-Württemberg an der Donau, die östlich des Schwarzwalds entspringt. In dieser Höhenlage fühlt sich der wärmeliebende Fisch offensichtlich immer wohler. „Wir konnten klar zeigen, dass die Temperatur einen großen Effekt hat“, sagt Roch. Überschreitet die Jahresdurchschnittstemperatur zehn Grad, beginnt der Wels sich stark auszubreiten.Große Freude löst das nicht aus. Denn der Wels lauert in Flüssen anderen Fischen auf. Er positioniert sich häufiger vor Fischtreppen, wo Wanderfische entlangschwimmen – und frisst alles, vom Lachs bis zum Maifisch. Das ist problematisch, denn gerade erst haben Wissenschaftler und Behörden unter großem Aufwand Wanderfische an Rhein, Elbe und den Nebenflüssen wieder angesiedelt. Allerdings sehen Wissenschaftler wie der Ichthyologe Jörg Freyhof derzeit noch keine Gefährdung bedrohter Arten durch den Wels – bislang jedenfalls. Lokal könne er zwar jetzt schon Probleme bereiten, sagt Samuel Roch, Mageninhaltsanalysen zeigten, dass der Wels aber vornehmlich Schwarzmeergrundeln und Kamberkrebse frisst, von denen es reichlich gibt, und nur vereinzelt bedrohte Fische. Seine Jagd auf invasive Fische und Krebse sehen positiv: Der Wels könne die starke Ausbreitung wie die der Schwarzmeergrundeln kontrollieren, heißt es. Forscher wie Roch haben für diese Theorie aber bislang keine Belege gefunden.Langfristig machen sich die Wissenschaftler vom Bodensee aber Sorgen. „Die Ausbreitung des Welses ist noch lange nicht am Ende“, sagt Samuel Roch. Flüsse und Seen werden immer wärmer. Für bedrohte Fischarten ist das keine gute Nachricht. In Spanien, Südfrankreich und Italien, wo der nicht-heimische Wels in Seen und Flüssen absichtlich eingesetzt wurde, hat er sich bereits deutlich stärker ausgebreitet – und große Schäden angerichtet: Heimische, auch gefährdete Arten wurden sehr stark dezimiert.Schuld an dieser Ausbreitung ist der Mensch. Welse wurden vor Jahrzehnten absichtlich eingesetzt, damit der glitschige Gigant interessierten Anglern an den Haken geht. Gleich mehrere Anbieter am Po oder am Ebro bieten Wallercamps an, wie der Wels in Süddeutschland genannt wird. Erwachsene fangen Tiere, um sie danach wieder freizulassen. Der Angeltourismus bringt den Regionen viel Geld, aber das Ökosystem verarmt. Der Wels ist unschuldig. Er will eigentlich nur fressen und seine Ruhe haben.









