Was an Volker Wörl sofort auffiel, das war sein besonderer Blickwinkel. Kam man in den 1990er-Jahren in die Wirtschaftsredaktion der Süddeutschen Zeitung, kreisten viele Artikel um Themen, die auch heute noch sehr gegenwärtig klingen: VW in der Krise, Lufthansa will hoch hinaus, Unternehmen fordern geringere Steuern. Dazwischen aber erschien immer mal wieder ein Stück von Volker Wörl, der zwischen all den Berichten über Firmenbilanzen eine andere Perspektive einnahm: Geht es in diesem Land sozial gerecht zu? Ist das ganze Vermögen, das hier erwirtschaftet wird, eigentlich fair verteilt?Wörl wurde 1930 im Sudetenland geboren. Nach Kriegsende musste er in der neuen kommunistischen Tschechoslowakei ein paar Monate lang zwangsweise auf dem Bau arbeiten, bevor er wie viele Vertriebene in Bayern landete, es folgten das Abitur, ein Volontariat beim Neuen Tag in Weiden, ein Studium der „Nationalökonomie“, wie es damals hieß. 1958 schließlich begann Wörl im Wirtschaftsressort der SZ. Und er blieb dort 37 Jahre lang, fast ein halbes Leben.In dieser Zeit schrieb Volker Wörl viel über die gängigen Wirtschaftsthemen wie Konjunktur, Bau, Immobilien und Luftfahrt, die den Lesern in diesen Jahrzehnten noch strenger präsentiert wurden als heute. Wer journalistisch mit Vertretern dieser Branchen und Forschern zu tun hatte, merkte, dass sich Wörl bei ihnen hohe Anerkennung erworben hatte. Und nach und nach mischte er in seinen Artikeln auch andere Themen ins Ressort.Fragen nach Gerechtigkeit etwa oder den Nöten mancher Menschen, weshalb er vielen Leserinnen und Lesern als soziales Gewissen der Wirtschaftsredaktion galt. Oder auch Umweltprobleme, die er schon thematisierte, als die Grünen noch als politische Außenseiter belächelt wurden. Wörl war dabei aber nicht parteipolitisch orientiert, in Vaterstetten amtierte der Vater von drei Kindern als parteiloser Gemeinderat. Und wenn er sich für ein Grünen-Lager hätte entscheiden müssen, wären es eher die Realos als die Fundis gewesen. Wörl war ein überzeugter Verfechter der Marktwirtschaft, der für ökologische Fragen Lösungen innerhalb des Systems suchte.Von 1976 an schließlich gehörte er der Leitung des Wirtschaftsressorts an, erst mit Franz Thoma, später mit Helmut Maier-Mannhart. Wörl amtierte, bis er 1995 aus dem Arbeitsleben ausschied. Aber auch anschließend schrieb er noch als freier Autor für die Zeitung, und manchmal kam er weiterhin in seiner Süddeutschen Zeitung vorbei. Auch nach dem Umzug der Redaktion aus dem Zentrum der Stadt in ein Hochhaus an deren Rand 2008 war er gelegentlich in der Wirtschaftsredaktion, dann er erkundigte er sich bei jüngeren Kolleginnen und Kollegen, welche Themen sie genau beackerten. Freilich nicht ohne zu sagen: „Entschuldigung, ich müsste das natürlich selbst aus der Zeitung wissen.“Nun ist Volker Wörl, der grün angehauchte Gentleman mit dem sozialen Gewissen, mit 96 Jahren gestorben.