WirtschaftsWoche: Frau Reiche, rudern Sie gerne?Katherina Reiche: Ich bin am See aufgewachsen. Ich rudere tatsächlich. Wir haben am Grundstück meiner Eltern bis heute einen Kahn, der heißt sogar „Kathi“. Das ist ein eher breites Boot, man muss aufpassen, die Richtung zu halten.Sie nutzen oft das Bild des Ruder-Achters, wenn Sie über Deutschland sprechen. Warum?Ein Achter muss absolut synchron funktionieren, wenn er gewinnen will. Dem Steuermann sollte man folgen, sonst verliert man wertvolle Sekunden. Es kommt auf Kraft an, auf Ausdauer. Hinten raus heißt es, so richtig die Zähne zusammenzubeißen. Auch das Material ist wichtig. Es muss also alles stimmen in so einem Boot. Die acht Männer oder Frauen müssen als Team eingeschworen sein und maximales Tempo geben.Diese Einstellung fehlt dem Land?Es beschreibt meinen Anspruch an uns alle. Deutschland wird wieder stark, wenn wir gemeinsam anpacken, Verantwortung übernehmen und uns als Land wieder mehr zutrauen. Wachstum und Fortschritt entstehen nicht von allein – sie sind das Ergebnis von Mut, Leistung und gemeinsamer Anstrengung.Foto: Andreas Chudowski Zur Person Katherina Reiche ist eine deutsche Politikerin (CDU) und seit Mai 2025 Bundesministerin für Wirtschaft und Energie. Vor ihrem Amtsantritt als Ministerin war sie seit Juni 2020 Vorsitzende des Nationalen Wasserstoffrats (NWR) der Bundesregierung. Zuvor war sie Mitglied des Deutschen Bundestags und eine der stellvertretenden Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.Wünschen Sie sich diese Haltung auch fürs Bundeskabinett?Eine Regierung kann nur dann wirklich etwas bewegen, wenn alle vom ersten Tag an gemeinsam in dieselbe Richtung arbeiten. Insofern passt das Bild vom Ruderboot für mich sehr gut: Entscheidend ist, dass die ganze Mannschaft im Takt zieht und gemeinsam Tempo aufnimmt.Haben wir uns zu lange ausgeruht?Um noch einmal beim Ruder-Achter zu bleiben: Während wir uns auf unsere bisherigen Erfolge verlassen und ein wenig ausgeruht haben, trainierten andere konsequent weiter, investierten und gewannen an Geschwindigkeit. Wer wieder ganz vorne mitrudern will, muss bereit sein, sich neu anzustrengen – mit Ehrgeiz, Tempo und Teamgeist.Der Bundeskanzler klang zuletzt zufriedener. Einige Reformen sind beschlossen. Was sagen Sie?Kanzler Friedrich Merz hat zu Recht auf die Beschlüsse und auf einige hoffnungsvolle Trends hingewiesen: Gerade entstehen viele neue Start-ups, in der Luft- und Raumfahrt sowie in der Verteidigungsindustrie sehen wir robustes Wachstum. Das ist eine gute Entwicklung. Gleichzeitig leben wir in einigen Bereichen noch immer von unserer Substanz. Wir sind nicht mehr Exportweltmeister, und unsere Wettbewerbsfähigkeit hat nachgelassen. Deshalb dürfen wir jetzt nicht nachlassen und müssen Reformen angehen. Mein Anspruch ist, dass Deutschland seine wirtschaftliche Stärke zurückgewinnt.Rund 14 Monate ist diese Regierung, sind auch Sie im Amt. Was fehlt Ihnen in der bisherigen Bilanz?Wäre Deutschland eine digitale Serviceplattform, auf der man zwischen Basis, Medium und Premium wählen kann, haben wir bisher vor allem die Basisversion notwendiger Reformen beschlossen. Ja, wir haben wichtige Grundlagen gelegt: eine erste Steuerreform, die Aktivrente und den Einstieg in die Kapitalrente. Wir haben Genehmigungen und Planungsverfahren beschleunigt. Und wir haben die Energiepolitik neu auf Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit ausgerichtet: Mit dem Bau von Reserve-Gaskraftwerken sorgen wir dafür, dass Strom auch zuverlässig verfügbar ist, wenn Wind und Sonne nicht ausreichen. Gleichzeitig schaffen wir die Voraussetzungen für mehr Investitionen in Netze, Speicher, flexible Erzeugung. Denn eine klimafreundliche Energieversorgung ist nur erfolgreich, wenn sie auch verlässlich und für Unternehmen wie Verbraucher bezahlbar bleibt.Krankenkassen-Spargesetz Ein erster Schritt fürs Gesundheitssystem – aber ein hart erkämpfter Erfolg für Warken Die Einsparungen für 75 Millionen gesetzlich Versicherte sind mehr, als ihnen in zwanzig Jahren zugemutet wurde. Doch der echte Umbau wartet erst auf Ministerin Nina Warken. Ein Kommentar. Kommentar von Cordula TuttAber für ein Upgrade auf Medium oder gar Premium braucht es mehr?Die Lohnkosten sind noch zu hoch, das gilt auch für die Energiekosten. Wir müssen alles daransetzen, Deutschland wieder wettbewerbsfähiger zu machen – mit mehr Effizienz, weniger Bürokratie und einer Wirtschaftspolitik, die Investitionen erleichtert statt erschwert.Die Beiträge für Krankenkassen, Rente und Pflege werden eher steigen. Arbeit wird noch teurer. Passt das zu einem Premiumstandort?Die Beiträge dürfen deshalb nicht weiter steigen.Sie sollten sogar eher sinken.Sinkende Beiträge müssen unser Ziel sein. Mit der zusätzlichen kapitalgedeckten Altersvorsorge können wir die gesetzliche Rente mittelfristig entlasten. Gesundheitsministerin Nina Warken plant nach einer ersten Reform zur Begrenzung der Kosten eine weitere, tiefgreifende Strukturreform. Beides wird dazu beitragen, den Kostendruck zu verringern. Wir müssen aber auch über die Arbeitszeit sprechen. Ich höre von Unternehmen, die mit ihrer Belegschaft intensiv beraten, die Wochenarbeitszeit zu erhöhen. Das versucht zum Beispiel Ola Källenius bei Mercedes. Das geschieht nicht auf politischen Druck hin, sondern in den Betrieben. Es zeigt: Viele Beschäftigte und Unternehmen haben ein sehr gutes Gespür dafür, worauf es jetzt ankommt. Das stärkt den Wirtschaftsstandort Deutschland.Ärger gibt es auch wegen der neuen Attestpflicht vom ersten Tag. Schützt das die Ehrlichen, oder schafft man Chaos in Praxen?Wer krank ist, hat ein Recht, krankgeschrieben zu Hause zu bleiben. Aber wir müssen die Fakten sehen. Deutschland gehört in Europa zu den Ländern mit hohen krankheitsbedingten Fehlzeiten. Ich finde es zumutbar, zum Arzt zu gehen und sich eine Krankschreibung zu holen.Was tragen Sie als Wirtschaftsministerin bei, um das Land wieder flott zu bekommen?Wir kehren zuallererst vor der eigenen Haustür: Wir setzen die Sparvorgaben des Finanzministeriums um. Das heißt: Förderprogramme werden aufs Wesentliche fokussiert und Stellen so weit wie möglich eingespart. Ich sehe es auch als meine Aufgabe, die Vorhaben anderer Ressorts zu prüfen, ob sie zum Hauptziel der Regierung beitragen: Deutschland wieder wettbewerbsfähig machen. Und das betrifft die Lohnnebenkosten ebenso wie das Steuersystem oder die Bürokratie. Die Energiepreise in den Griff zu bekommen, ist meine Kernaufgabe.Das Gesetz, um neue Gaskraftwerke zu bauen, ist beschlossen. Aber modernisierte Regeln für den Zubau der Erneuerbaren und den Ausbau der Stromleitungen fehlen noch. Warum dauert das so lange?Einspruch. Deutschland baut erneuerbare Energien schnell und konsequent aus wie kaum ein anderes Land. Viele dieser Regelungen müssen wir in Brüssel erstreiten, wo es oft einen skeptischen Blick auf unseren Weg der Energiewende gibt. Bei Kraftwerken, Netzen und Speichern machen wir aber gute Fortschritte – und alle drei braucht es neben dem Ausbau der Erneuerbaren.Reformdebatte Diese Mini-GroKo hat geliefert Drei Abgeordneten von Union und SPD gelang eine Rentenreform aus einem Guss. Ihre Erfolgsformel könnte sich die Regierung abschauen. von Benedikt Becker, Sophie Crocoll und Max HaerderAber wie lassen sich die hohen Energiepreise in Deutschland senken?Sie sinken für Industrieunternehmen schon dieses Jahr spürbar. Wir haben einiges an Geld in die Hand genommen, um den Anteil der Abgaben an den Energiekosten zu dämpfen. Das spüren private Verbraucher zum Teil auch. Aber wir stärken energieintensive Unternehmen, weil es einen Industriestrompreis geben wird, der international konkurrenzfähig ist. Wir nähern uns der Zielgröße des Koalitionsvertrags von fünf Cent je Kilowattstunde. Auch hier gab es Tauziehen mit Brüssel.Was ändern Sie beim Ökostrom?Die Förderung der erneuerbaren Energien belastet den Bundeshaushalt inzwischen mit rund 16 Milliarden Euro im Jahr. Deshalb müssen wir sorgfältig prüfen, wie wir die Mittel effizienter einsetzen. Denn wir wollen unseren Sozialstaat sichern und gleichzeitig mehr in unsere Verteidigungsfähigkeit investieren.Die Erneuerbaren-Branche wirft Ihnen vor, Sie drosselten den Ausbau.Das Gegenteil ist korrekt. Ich will, dass die Energiewende gelingt. Aber sie gelingt nur, wenn sie kosteneffizienter wird. Wenn allerdings Solar- oder Windradbetreiber sehenden Auges Anlagen in Engpassregionen errichten und entschädigt werden, sobald ihre Anlage bei Überkapazität abgeschaltet werden muss, diskreditiert das die Energiewende. Die Erneuerbaren müssen marktfähig sein, die Kosten für Förderung und den Infrastrukturausbau müssen runter. Das bedeutet auch, dass neue Stromleitungen künftig wieder über der Erde und nicht mehr darunter verlegt werden. Die neue Regel lautet: Leitungen über Land, Ausnahmen gibt es nur in sensiblen Gebieten, in der Nähe von Dörfern und Städten. Fürs gleiche Geld können wir überirdisch die doppelte und dreifache Leitungslänge bauen.
Katherina Reiche: „Mein Anspruch ist neue Stärke“
Deutschland? Ist heute kein Premiumstandort mehr, warnt die Wirtschaftsministerin im Interview. Ihr Vorschlag? Kosten senken, anstrengen, härter trainieren.






