Der renovierte Nordtrakt des Hauptbahnhofs dürfte bei den SBB die Kassen klingeln lassen – doch auf dem Dach lief etwas nicht nach PlanDer wichtigste Verkehrsknotenpunkt des Landes wird saniert und immer schöner. Nach dem Süd- soll ab 2027 auch der Nordtrakt in altem Glanz erstrahlen.Jana Kehl17.07.2026, 05.04 Uhr4 LeseminutenHandwerker arbeiten am Donnerstag an der Dachkonstruktion aus Glas auf dem Nordtrakt des Hauptbahnhofs.Claudio Thoma / KeystoneVon oben, von einem 25 Meter hohen Dach im nördlichen Teil des Zürcher Hauptbahnhofs, scheint die Hektik der Pendler und Touristen weit weg. Die Sonne prallt auf die weissen und grünen Baublachen, und Philipp Scherble, Leiter Bahnhofsprojekte bei den SBB, sagt: «Am Zürcher Hauptbahnhof pulsieren viele verschiedene Herzen.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Nordtrakt unter ihm sei ein solches Herz, sagt Scherble. In diesem Teilgebäude, das direkt an die grosse Wannerhalle angeschlossen ist, befinden sich etwa die Pausenräume sowie die Kantine der Lokomotivführer und Zugbegleiter. Die Kantonspolizei hat hier ebenfalls einen Sitz. Und letztlich gehen hier seit Monaten Bauarbeiter ein und aus.Arbeiter montieren Teile auf dem Dach des Nordtrakts.Claudio Thoma / KeystoneEin kleines Lager mit Bauteilen auf dem Dach des Hauptbahnhofs.Claudio Thoma / KeystoneNach dem Südtrakt werden derzeit auch das Erdgeschoss sowie das erste Obergeschoss im nördlichen Teil des Bahnhofs erneuert. Zudem sanieren die SBB das geschwungene Dach darüber. Wenn die Bauarbeiten abgeschlossen sind, sollen in diesem Gebäude neu auch die Bedürfnisse der Reisenden gestillt werden. «In erster Linie braucht es an einem Bahnhof Kafi und Gipfeli», sagt Scherble. Doch in diesen Räumen habe es auch Platz für andere Geschäfte.Trotz den grossen Versprechen dominieren derzeit aber noch blaue Schläuche, rote Kabel und grelle Baustellenlampen das Bild dieser Räumlichkeiten. Die Bauarbeiten, die ursprünglich bis 2025 andauern sollten, sind monatelang im Verzug. Schon zweimal mussten die SBB deren Ende vertagen. Derzeit ist die Eröffnung für 2027 geplant.Für Scherble sind diese Verzögerungen für die SBB weder überraschend noch gravierend. Hin und wieder gebe es unerwartete Hindernisse, die sich erst während der Sanierung offenbarten: «Ein Stück des Daches zum Beispiel, das zusätzlich abgedichtet werden muss», sagt Scherble während der Baustellenführung. Ausschlaggebend für die lange Dauer sei die Komplexität des Projekts. «Die Sanierung muss in Etappen erfolgen, weil der normale Arbeitsbetrieb hier im Gebäude grösstenteils weitergeht.»Hunderte Quadratmeter LadenflächeDie Herzen des Hauptbahnhofs sollen also weiterschlagen. Für die Grundinstandsetzung des Nordtrakts investieren die SBB 45 Millionen Franken. Verantwortlich sind die Zürcher Architekten Spillmann Echsle, die auch im Bahnhof Tiefenbrunnen für die SBB eine Überbauung errichten. Die Erträge aus zukünftigen Einnahmen bleiben laut Scherble bei den SBB und fliessen unter anderem in die Infrastruktur des Bahnbetriebs.Neue Einnahmen dürfte vor allem das sanierte Erdgeschoss generieren. In der alten Schalterhalle, in der zuvor das SBB-Reisezentrum untergebracht war, werden mit der Sanierung Hunderte von Quadratmetern für den Einzelhandel an einer Toplage frei.Bis zu 500 000 Personen gehen im Zürcher Hauptbahnhof täglich ein und aus – mehr als in jedem anderen Gebäude der Schweiz. Entsprechend bleiben Verkaufsflächen in diesem nicht lange leer, das zeigt sich auch im sanierten Nordtrakt. Bereits 2023 gaben die SBB bekannt, dass dereinst ein grosser Name hier einziehen soll: der amerikanische Sportartikelriese Nike. Mit einem sogenannten Flagship-Store soll dieser am Bahnhof «ein 360-Grad-Erlebnis» bieten, hiess es damals in einer Mitteilung.Durch das Glasdach soll mehr Tageslicht in das Innere der Räume kommen.Claudio Thoma / KeystoneWo einst die Schalterhalle der SBB war, soll im nächsten Jahr der Sportartikelriese Nike einziehen.Claudio Thoma / KeystoneNeben Nike soll auch der Parfumhersteller Douglas im Erdgeschoss einziehen. Die neue Glasfassade steht bereits, die ausgebaute Halle wirkt hell und geräumig. Doch noch riecht es nach Lack. Baustaub liegt in der Luft. Mit der Verzögerung der Eröffnung dürften den SBB in den vergangenen Monaten enorme Summen entgangen sein.Zu den Mietzinsen äussern sich die Bundesbahnen nicht. Branchenkenner gehen davon aus, dass die Nettomiete bei zwischen 10 000 Franken und 11 000 Franken pro Quadratmeter im Jahr liegen wird. Die finanziellen Einbussen sahen die SBB bisher aber gelassen, da es bis zur Sanierung gar keine Geschäftsflächen im Nordtrakt gab.Keine SolaranlagenFür «Bedauern» sorgt hingegen ein Interessenkonflikt auf dem Dach des Gebäudes. «Hier wollten wir ursprünglich Photovoltaikanlagen installieren», sagt die Gesamtprojektleiterin Sigrid Wittl. Allerdings habe sich herausgestellt, dass dies nicht möglich sei. Um die Solaranlagen anzubringen, hätte man das Dach des Nordtrakts umfassender erneuern müssen. «Leider», sagt Wittl, entspreche dies nicht den Vorgaben des Ortsbildschutzes.Der nördliche Teil des Hauptbahnhofs wurde 1996 eröffnet. Noch striktere Regeln gelten für die 1871 fertiggestellte Wannerhalle, in der einst die Züge abfuhren und heute die Figur des farbigen Schutzengels von Niki de Saint Phalle schwebt.Zwar befand die Planerszene das alte Gemäuer vor über sechzig Jahren als «architektonisch bedeutungslos» – und sah an dessen Stelle einen Neubau vor. Doch spätestens mit der Ölkrise wuchs die Skepsis. 1978 wurde die Bahnhofshalle schliesslich als ein Objekt von nationaler Bedeutung unter Schutz gestellt.Die Gesamtprojektleiterin Wittl blickt auf das Dach der Wannerhalle nebenan und auf das Moos, das auf diesem wächst. Bald schon sei auch hier eine Sanierung nötig, sagt sie. Deshalb werde man in einem nächsten Schritt prüfen, wie der Zugbetrieb und der Denkmalschutz bei diesem anstehenden Projekt berücksichtigt werden könnten.Passend zum Artikel