In Chrupallas Weltbild verschwimmen die Grenzen zwischen links und rechts. Sein Auftritt mit dem Kabarettisten Uwe Steimle, der Angela Merkel und Friedrich Merz in eine Linie mit Adolf Hitler stellte, passt deshalb ins Bild.17.07.2026, 04.30 Uhr5 LeseminutenSachsen-Anhalts AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund, der AfD-Co-Vorsitzende Tino Chrupalla, der Kabarettist Uwe Steimle und die frühere Grünen-Politikerin Antje Hermenau bei einer Veranstaltung in Dessau-Rosslau (von links nach rechts).Jan Woitas / dpaEs sind wenige Minuten, die für Tino Chrupalla noch zum Problem werden könnten. Am Dienstag nahm der Co-Vorsitzende der AfD im sachsen-anhaltischen Dessau-Rosslau an einer Diskussionsveranstaltung mit dem sächsischen Kabarettisten Uwe Steimle teil, der sich als Schauspieler in der ARD-Krimiserie «Polizeiruf 110» einen Namen gemacht hat. Die Veranstaltung entglitt nach etwa zwanzig Minuten, als Steimle über das Angela-Merkel-Porträt sprach, das seit kurzem im Berliner Bode-Museum ausgestellt wird.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die frühere deutsche Kanzlerin hänge dort, «weil sie ahnt, sie wird bald sitzen», sagte er vor klatschendem Publikum. Und weiter: «Im Moment hängt sie erst mal, und wenn alle Stränge reissen oder der Nagel bricht, dann stellen wir sie an die Wand. Uns wird schon was einfallen.»Damit zitierte Steimle den Kabarettisten Werner Finck. Im Jahr der Machtübernahme der Nationalsozialisten stellte sich dieser mit einem Adolf-Hitler-Porträt auf die Bühne und fragte das Publikum, wie er es platzieren soll: «An die Wand stellen oder aufhängen?» Finck hatte seinerzeit Mut bewiesen, indem er über eine mögliche Hinrichtung des nationalsozialistischen Reichskanzlers witzelte. Steimle dagegen stellte die CDU-Politikerin Merkel satirisch in eine Linie mit Hitler. Er markierte somit eine politische Gegnerin der AfD als einen Feind, der zur Strecke gebracht gehört. Chrupalla hakte nicht ein.Dann kam Steimle auf den amtierenden christlichdemokratischen Kanzler Friedrich Merz zu sprechen. «Wo ist Stauffenberg, wenn man ihn mal wirklich braucht?», fragte Steimle. Er spielte damit auf das versuchte Attentat konservativer Kreise auf Hitler vom 20. Juli 1944 an, als sei der politische Mord an Merz gerechtfertigt. Chrupalla und Ulrich Siegmund, der dort ebenfalls anwesende sachsen-anhaltische Spitzenkandidat für die Wahl zum Landesparlament, grinsten einander zu. Auf den Videoaufnahmen von der Veranstaltung wirkt zwar Chrupallas Lächeln gequält, doch er widersprach auch hier nicht.Chrupalla rechnete offenkundig nicht mit der DDR-HymneWegen seiner Vergleiche zwischen Merkel, Merz und Hitler ermittelt inzwischen die Staatsanwaltschaft Dessau-Rosslau gegen Steimle. Sie verdächtigt ihn, den öffentlichen Frieden gestört und Straftaten angedroht zu haben. Dabei hatte der Abend eher harmlos begonnen. Steimle riss Witze über die politische Lage in Deutschland, die frühere Grünen-Politikerin Antje Hermenau moderierte die Veranstaltung. Chrupalla und Siegmund machten Wahlkampf für ihre Partei.Aufsehenerregend war Steimles Auftritt aber auch deshalb, weil Chrupalla und Siegmund auf dessen Anregung die erste Strophe der DDR-Hymne mitgesungen hatten. Deshalb warfen ihnen CDU- und FDP-Politiker die Verherrlichung der DDR vor. Chrupalla hat aber offenkundig an dem Abend nicht mit der DDR-Hymne gerechnet: Zum Abschluss der Veranstaltung forderte er zunächst Steimle auf, die deutsche Nationalhymne zu singen. Dieser stimmte aber die erste Strophe der Hymne der DDR an, woraufhin Siegmund und Chrupalla sie mitsangen. Erst danach sang Chrupalla die nach seinen eigenen Worten «gesamtdeutsche» Hymne, und auch der Saal sang mit.Tino Chrupalla bei einer Rede im Deutschen Bundestag. Alice Weidel und er stehen nicht nur der Partei, sondern auch der Bundestagsfraktion der AfD vor.ImagoZu der Partei, deren Politiker die politischen Verhältnisse in der Bundesrepublik immer wieder mit jenen in der DDR vergleichen, schien das Mitsingen ihrer Hymne nicht recht zu passen. Hier kommt es allerdings auf die Feinheiten an. Der Text der DDR-Hymne war in der DDR ab den siebziger Jahren faktisch verboten und wurde erst ab 1989 von der Bürgerrechtsbewegung wiederentdeckt. Die SED-Elite nahm vor allem Anstoss am Vers «Deutschland, einig Vaterland», mit dem eine Wiedervereinigung unter sozialistischen Vorzeichen gemeint war. Nachdem die DDR dieses Ziel aufgegeben hatte, liess ihre politische Führung die Hymne nur noch ohne Text spielen. Dem eher älteren Publikum dürfte dieser Kontext bewusst gewesen sein.Ein anderer Vorwurf gegen die AfD verfängt eher. Die sachsen-anhaltische Spitzenkandidatin der Linkspartei Eva von Angern kritisierte, die AfD ziele auf eine «Querfront» aus links- und rechtspopulistischen Kräften ab. Der Begriff der Querfront entstand in den zwanziger Jahren, als linke und rechte Kräfte taktische Bündnisse im Kampf gegen die politische Führung der Weimarer Republik eingingen. In Bezug auf die gesamte AfD ist dieser Vorwurf zwar unpräzise und historisch irreführend. Doch zumindest Chrupalla weist tatsächlich eine starke Nähe zu den Positionen der heutigen populistischen Linken auf.Steimle war früher im Umfeld der Linkspartei aktivDie populistische Linke und die populistische Rechte überschneiden sich zunächst in ihrer Elitenkritik. Auch Chrupalla inszeniert sich als einfacher Mann aus dem Volk, der den abgehobenen Eliten in Berlin die Leviten liest. Dieses Image kann er deshalb glaubwürdig verkörpern, weil er vor seiner Zeit als Berufspolitiker als Malermeister in seiner sächsischen Heimat gearbeitet hatte. Für die AfD, der er seit 2019 als Co-Vorsitzender vorsteht, war das seinerzeit eine Neuerung. Ursprünglich war sie als eurokritische und liberalkonservative Partei angetreten, was ihr damals den Ruf einer «Professorenpartei» einbrachte.Aussenpolitisch sind Chrupallas Positionen mit jenen der deutschen Friedensbewegung vergleichbar. Chrupalla tritt für eine Verhandlungslösung mit Russland ein, das seit der Vollinvasion im Jahr 2022 einen erbitterten Krieg gegen die Ukraine führt. Die Verantwortung für den Krieg sieht er vor allem bei der Nato, die Russland mit ihrer Erweiterung nach Osten provoziert habe. Die deutsche Regierung sieht er inzwischen als Kriegspartei. Zudem fordert er, genau wie das linkspopulistische BSW, den sofortigen Abzug aller amerikanischen Soldaten und Atomwaffen aus Deutschland.Laut übereinstimmenden Recherchen der «Jungen Freiheit» und der Deutschen Presse-Agentur war es ebendiese Offenheit nach links, die Chrupalla in Konflikt mit seiner eigenen Fraktion gebracht hatte. Demzufolge habe Chrupalla versucht, die frühere Bundestagsabgeordnete der Linkspartei und Ex-BSW-Politikerin Zaklin Nastić als Grundsatzreferentin der AfD-Bundestagsfraktion zu installieren. Ihre Skepsis gegenüber den USA und der Nato dürfte ihm imponiert haben. Chrupalla sei aber am Betriebsrat der Fraktion gescheitert, der ein Veto gegen ihre Einstellung eingelegt habe. Auf Anfrage kommentiert die Fraktion den Vorgang nicht.Steimle, der bereits mehrfach mit Chrupalla aufgetreten war, stösst dagegen in der AfD auf keine nennenswerte Kritik. Dabei hatte er noch vor einiger Zeit dem Umfeld der Linkspartei angehört, die der direkte Rechtsnachfolger der SED ist. 2009 verhalf ihm die Linksfraktion im sächsischen Landesparlament in die Bundesversammlung, die den Bundespräsidenten wählt. Dieses Schwanken zwischen links und rechts ist für einen Ostdeutschen nicht ungewöhnlich; ein gewichtiger Teil der AfD-Wähler in Ostdeutschland wählte in der Vergangenheit die Linkspartei. Auch Steimle ist seinerzeit aus dem linken ins rechtspopulistische Lager gewechselt – ganz zur Freude der AfD.Passend zum Artikel
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