MeinungNeue Präparate in Pillenform kommen gut an und auch die Nachfrage nach Abnehmspritzen bleibt stark. Die US-Regierung übernimmt einen Teil der Behandlungskosten. Doch andere Aspekte der beiden Hauptprofiteure sollten Anlegern Sorgen bereiten, schreibt Jens Ehrhardt.Jens Ehrhardt17.07.2026, 03.53 UhrDer Markt für Abnehmmittel hat sich in den vergangenen Monaten stark gewandelt. Das Duopol zwischen Novo Nordisk aus Dänemark und Eli Lilly aus den USA besteht weiterhin. Aber die Dynamik zwischen Novo Nordisk mit seinen Semaglutid-basierten Blockbustern Wegovy und Ozempic sowie Eli Lilly, das mit dem noch wirksameren Wirkstoff Tirzepatid (vermarktet als Mounjaro und Zepbound) nachzog, hat sich weiter zu Gunsten der Amerikaner verschoben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ende Juli 2025 widmeten wir uns in der «Finanzwoche» ausführlich der Branche rund um die sogenannten Abnehmspritzen. Schon damals verwiesen wir darauf, dass Eli Lilly dem einstigen Pionier Novo Nordisk kontinuierlich Marktanteile abgenommen und sich als dominanter Player herauskristallisiert hatte. Ebenso thematisierten wir die hohen Bewertungen, die die Titel anfällig für Rückschläge machten, den einsetzenden Preisverfall von einem Listenpreis von 1350 $ auf einen Selbstzahlerpreis von 450 $ sowie den ausgelaufenen Patentschutz für Novo Nordisk in Kanada und Brasilien. Offene Fragen zu neuen Konkurrenten, zur langfristigen Kostenübernahme durch Versicherer und zur weiteren Ausweitung des Marktes standen im Raum.Abnehmpillen erweitern das AngebotDie entscheidende Neuerung ist die Ankunft der oralen Medikamente. Novo Nordisk hat mit der Wegovy Pill und Eli Lilly mit Foundayo jeweils eine Tablettenversion vorgelegt. Die Vorteile liegen dabei zunächst bei Novo Nordisk, da hinter der Wegovy Pill bereits eine etablierte Marke steht und das Unternehmen hier den First-Mover- Advantage für sich nutzen konnte. Betrachtet man die Wirkprofile, so erweist sich die Wegovy Pill auch inhaltlich als das stärkere Produkt mit einem Gewichtsverlust von ca. 13,5 % nach 64 Wochen gegenüber 11,5 % nach 72 Wochen bei Foundayo. Allerdings muss auch die Art der Einnahme berücksichtigt werden. Bei der Wegovy Pill darf der Patient nach der Einnahme 30 Minuten lang nichts essen oder trinken – ausgenommen Wasser. Foundayo hingegen kann unabhängig von Tageszeit und Mahlzeit eingenommen werden, was im Alltag ein nicht zu unterschätzender Komfortvorteil ist und die Therapietreue erleichtern dürfte.Bemerkenswert ist, dass beide Tabletten eine starke Nachfrage zeigen und sich diese bislang nicht kannibalisierend auf die Nachfrage nach den Injektionen auswirkt. Der Markt wächst also insgesamt, statt sich lediglich umzuschichten – ein Beleg dafür, wie tief die Nachfrage nach diesen Präparaten inzwischen reicht.US-Entscheidung kompensiert den Preisdruck zum TeilParallel dazu ist der Preisdruck weiter fortgeschritten. Nachdem wir bereits von einem Rückgang von 1350 $ auf 450 $ berichtet hatten, liegt man in den USA inzwischen bei 299 $ für die Injektionen und bei 149 $ für die orale Starter-Dosis, getrieben durch den Deal mit der Trump-Regierung im November 2025 . Der ausgelaufene Patentschutz für Semaglutid von Novo Nordisk in Kanada und Brasilien dient dabei als Blaupause für die weitere Entwicklung in den USA und im Rest der Welt nach Ablauf der Patente. Dr. Reddy’s Laboratories rechnet für Kanada Ende 2027 bereits mit einem Preis von rund 25 $. Bewegen sich diese Medikamente erst einmal in einer solchen Preisspanne, ergibt sich eine bemerkenswerte Konsequenz: Der Patient spart durch den Verzicht auf Lebensmittelkonsum oder Restaurantbesuche unter Umständen mehr Geld, als er für das Präparat ausgibt. Denkbar ist damit sogar das Szenario, dass gerade Menschen mit geringem Einkommen zu diesen Mitteln greifen, um schlicht ihre Ausgaben für Essen zu senken – eine Vorstellung, die vor wenigen Jahren noch undenkbar erschien.Zusätzlichen Schub für den Zugang bringt die staatliche Kostenübernahme in den USA. Im Zuge des von Eli Lilly und Novo Nordisk ausgehandelten Deals mit der US-Regierung hat die zuständige Behörde CMS eine Aufnahme der GLP-1-Präparate in Medicare und Medicaid beschlossen. Über eine zum 1. Juli 2026 startende «Medicare-Brücke» erhalten berechtigte Versicherte – Betroffene mit Adipositas und mindestens einer Begleiterkrankung – die Mittel künftig für eine Zuzahlung von nur 50 $ im Monat, während der Staat rund 245 $ je Injektion trägt; abgedeckt sind Wegovy (Spritze und Tablette), Zepbound und Foundayo. Die Bundesstaaten können ihre Medicaid-Programme ab Mitte 2026 anschliessen. Damit öffnet sich der Zugang für Millionen von Patienten, die bisher aus eigener Tasche zahlen mussten – ein weiterer kräftiger Treiber für das Volumen, der die zuvor beschriebene Preiserosion mengenseitig zumindest teilweise kompensieren dürfte.Nutzen gegen Suchtkrankheiten und besserer PatentschutzEine weitere Entwicklung betrifft den möglichen Einsatz jenseits der reinen Gewichtsabnahme. Bei GLP-1-Agonisten wird vermutet, dass sie das Belohnungssystem des Gehirns dämpfen und auf diese Weise Suchtverhalten abschwächen – etwa bei Glücksspiel, Zigaretten oder Alkohol. Für die Behandlung von Suchterkrankungen stellen die Wirkstoffe damit eine noch oftmals ungenutzte Off-Label-Nutzung dar und sind ein weiteres Indiz für die Vielseitigkeit der Präparate.Auch die Grauzone der Compounding Pharmacies, die wir seinerzeit beschrieben hatten – jene spezialisierten Apotheken, die während des Lieferengpasses auf den Plan traten, als die US-Arzneimittelaufsicht FDA die Mittel auf die «Drug Shortage List» setzte –, ist inzwischen deutlich enger geworden. Hims & Hers, einer der führenden Distributoren in diesem Segment, hat es überreizt und die Wegovy Pill kurz nach deren Markteinführung als eigene Compounded-Version vertrieben. Die FDA reagierte darauf ausgesprochen deutlich und schob dem einen Riegel vor – andernfalls wäre das gesamte patentbasierte Geschäftsmodell der Pharmabranche in Gefahr geraten. Die Grauzone wurde daraufhin stark reglementiert. Compounding Pharmacies dürfen ihr Produkt nun nur noch in speziellen Fällen verkaufen, in denen eine nachweisbare, ärztlich verordnete Unverträglichkeit vorliegt. Hims & Hers beispielsweise vertreibt inzwischen die Markenprodukte von Eli Lilly und Novo Nordisk und hat sich damit vom Wettbewerber zum Vertriebspartner gewandelt.Wirkungsvollere Varianten in der EntwicklungAuch bei den Wirkstoffen selbst gibt es Fortschritte. Die von uns skizzierte Triple-G-Klasse hat geliefert. In der zulassungsrelevanten Phase-3-Studie TRIUMPH-1 (Mai 2026) erreichte Retatrutid rund 28% Gewichtsverlust nach 80 Wochen und bis zu gut 30% nach 104 Wochen – Werte, die denen eines operativen Eingriffs am Magen-Darm-Trakt zur Behandlung von krankhaftem Übergewicht nahekommen. Entscheidend ist: Die Studie umfasste auch eine niedrige 4-Milligramm-Dosis mit sehr sauberem Nebenwirkungsprofil. Ein Wirkstoff, der bislang eher für die extrem Adipösen gedacht war, wird damit plötzlich massenmarkttauglich. Gerade der Zusatz von Glukagon scheint dabei gezielt das gefährliche viszerale Bauch- und Leberfett anzugreifen – ein metabolischer Bonus über die reine Waage hinaus. Die FDA-Einreichung wird Ende 2026 oder Anfang 2027 erwartet.Doch die Pipeline endet hier nicht. Der nächste heisse Kandidat im Kampf gegen das Übergewicht sind die sogenannten Amyline – körpereigene Hormone, die das Sättigungsgefühl steuern. Wir haben Mitarbeiter von Eli Lilly in Miami getroffen und das Unternehmen zeigt sich sehr überzeugt von ihrem Amylin-Wirkstoff Eloralintide. Das Unternehmen bestätigte darüber hinaus die grösste Phase-3-Studie seiner Firmengeschichte. Amyline überzeugen durch ein gutes Verträglichkeitsprofil und ihre Kombinierbarkeit. Sie sind damit auch für jene Patienten nutzbar, die mit den GLP-1-Wirkstoffen Probleme haben. Novo Nordisk, Eli Lilly und – über Zealand – auch Roche arbeiten an Amylinen, wobei Eloralintide von Eli Lilly bislang am vielversprechendsten erscheint und den strategischen Vorsprung des Unternehmens weiter untermauert. Damit deckt Eli Lilly perspektivisch die gesamte Bandbreite ab – von der kosmetischen Gewichtsoptimierung über die klassische Adipositas-Behandlung bis hin zur Therapie extremer Fälle.Ein Dauerthema bleibt die «Quality of Weight Loss», also der Erhalt der Muskelmasse. Allerdings ist zu beobachten, dass Patienten im Lifestyle-Segment weniger daran interessiert sind, über ein Jahr hinweg 10% Körperfett zu verlieren, als vielmehr in kurzer Zeit spürbar abzunehmen – um zur Hochzeit, im Urlaub oder zu Weihnachten gut auszusehen. Für die Hersteller bedeutet dies, dass hoher absoluter Gewichtsverlust in kurzer Zeit weiterhin ein zentrales Verkaufsargument bleibt, auch wenn die medizinische Fachwelt zunehmend auf die Zusammensetzung des Körpers (Fett, Muskeln, Knochen) schaut.Pharma-Branche im Umbruch?Entwarnung gibt es bei der Forderung der US-Regierung, dass Pharmakonzerne ihre Medikamente in den USA nicht teurer anbieten sollen als anderswo. Das «Most Favored Nation»-Dekret fällt bislang milder aus als befürchtet. Alle 17 angeschriebenen Konzerne haben inzwischen einen Deal mit der Trump-Regierung geschlossen und dafür eine dreijährige Zollpause gesichert. Die Vereinbarungen greifen vor allem bei Medicaid und im Selbstzahler-Kanal, während die tatsächlichen Nettopreise im kommerziellen Geschäft weitgehend unverändert bleiben. Als Extra erhielten zudem viele Firmen einen «Fast Pass» der Medikamenten-Zulassungsbehörde FDA, der die Zulassung beschleunigt. Foundayo profitierte bereits davon.Der Druck verlagert sich damit auf Europa, wo die Preise eigentlich steigen müssten: Der Deal zwischen den USA und Grossbritannien hebt die britischen Nettopreise bereits um rund 25%. Einzelne Hersteller erwägen, Produkteinführungen in Europa zu verzögern oder auszulassen, um ihr US-Preisniveau zu schützen.Ein Megatrend bedeutend noch kein gutes InvestmentEin intakter Megatrend und eine attraktive Aktie sind zweierlei. Eli Lilly hat sich als der klarere Qualitätsführer positioniert: breiteste Pipeline, stärkster Wirkstoff, laut Experten die überzeugendste Amylin-Perspektive. Auf den aktuellen Bewertungsniveaus dürfte diese Qualität jedoch weitgehend eingepreist sein.Novo Nordisk trägt den Verdienst des First Movers, sieht sich aber einer strukturellen Belastung gegenüber: Die Patentabläufe für Semaglutid sind keine abstrakte Zukunftsgefahr mehr. Kanada und Brasilien zeigen bereits konkret, wohin die Preise wandern können. Die aktuelle Bewertung des Unternehmens spiegelt dieses Risiko möglicherweise noch nicht vollständig wider.Dieser Artikel ist ein Auszug aus der «Finanzwoche», dem seit 1974 erscheinenden Investmentbulletin von Jens Ehrhardt.Jens EhrhardtJens Ehrhardt ist Gründer, Hauptaktionär und Vorstandsvorsitzender von DJE Kapital. Nach fünfjähriger Partnerschaft in der seinerzeit grössten deutschen Wertpapier-Vermögensverwaltungs-Gesellschaft promovierte er 1974 über «Kursbestimmungsfaktoren am Aktienmarkt». Im selben Jahr legte er den Grundstein für den Aufbau seiner Firmengruppe, die er von Beginn an leitet. Ehrhardt verantwortet neben seiner Rolle als Vorstandsvorsitzender noch die Bereiche Risikomanagement und Unternehmens-/Anlagestrategie.