John Cassidy hat eine bemerkenswerte Serie kritischer Gegenwartsbeobachtungen über ökonomische Missstände vorgelegt. Sie erschien unter dem Titel „Der Kapitalismus und seine Kritiker“ im vorigen Jahr in den USA und liegt nun auch auf Deutsch vor. Der New Yorker Wirtschaftsjournalist lässt dabei kritische Stimmen vom späten achtzehnten Jahrhundert bis zur Gegenwart lebendig werden, die gegen mögliche Praktiken in der modernen Wirtschaft Einspruch erheben.Das beginnt bei den Debatten über das Vorgehen der East India Company auf dem indischen Subkontinent, geht über Adam Smiths Stellung zur Sklaverei, die Maschinenstürmerei im frühen neunzehnten Jahrhundert (Ludditen), den frühen Unmut über Materialismus und Geldgier bei William Thompson und die Lage weiblicher Arbeiter in der englischen Textilindustrie bis hin zum Chartismus und den Anfängen der Gewerkschaftsbewegung. Am Beispiel von Thomas Carlyle zeigt er, dass auch konservative Denker den modernen Materialismus verabscheuten. Er referiert Engels’ Schilderung der Lage der englischen Arbeiterklasse sowie Marx’ Überlegungen zu den Grundlagen der kapitalistischen Ökonomie, kommt über verschiedene Versuche, eine Art Partizipationssozialismus (Henry George) zu entwerfen, zu Thorstein Veblens Beobachtungen des Verhaltens „feiner Leute“, um sich dann vor dem Hintergrund der Tatsache, dass sich der Kapitalismus trotz aller Probleme stets behauptet hat, mit der Frage der Zeitgenossen zu beschäftigen, wie das möglich war.Der eingedämmte KapitalismusImperialismuskonzepte etwa von John Hobson oder Rosa Luxemburg werden vorgestellt, um dann bei John Maynard Keynes den Ansatz zu entdecken, den immer wieder zu Krisen neigenden Kapitalismus durch gezielte staatliche Eingriffe nicht nur zu stabilisieren, sondern auch sozial ausgeglichener zu gestalten. Wozu ein in die Krise taumelnder, sozusagen enthemmter Kapitalismus fähig sein kann, schildert Cassidy am Werk von Karl Polanyi, für den der Faschismus die logische Folge der Denaturierung der Gesellschaft durch ihre Unterordnung unter Marktlogiken war.John Cassidy: „Der Kapitalismus und seine Kritiker“PropyläenDann wendet sich der Autor Vorstellungen einer Art Alternative zu, geboren aus dem Geist der Erhaltung und Gestaltung der traditionellen indischen Wirtschaft, geht ausführlich auf die Vorstellungen ein, der Kapitalismus sei maßgeblich eine Folge der auf Sklavenarbeit basierenden Plantagenwirtschaft gewesen, um schließlich einen Blick auf die in Lateinamerika seit den Sechzigerjahren intensiv debattierten Dependenztheorien zu werfen, nach denen es gerade die Integration in die kapitalistische Weltwirtschaft war, die die seinerzeit so genannte Unterentwicklung nicht nur auslöste, sondern stabilisierte. Von da geht sein Blick zurück nach Europa zum Aufstieg des Neoliberalismus um Friedrich August von Hayek, den er nicht nur als Zeitphänomen der Siebzigerjahre interpretiert, sondern zugleich als den Versuch sieht, die bis dato vorherrschende „Hegemonie“ der Kapitalismuskritik auch kulturell zurückzudrängen. Interessante Blicke auf die frühe Umweltbewegung, eine hierzulande wenig bekannte Variante der Frauenbewegung (Lohn für Hausarbeit) sowie die Globalisierungskritik, die Finanzkrise und Pikettys Thesen von der wachsenden Ungleichheit runden das Buch ab, bevor Cassidy zu folgender Schlussfolgerung kommt: Auch wenn vieles dafür spreche, dass der Kapitalismus aufgrund seiner Widersprüche letztlich in den Abgrund führe, gebe es, zumindest, solange er existiert, viele Gründe, ihn politisch zu gestalten, einzudämmen oder zu begrenzen.Cassidy ist kein Revolutionär, seine Sympathien liegen eindeutig bei den keynesianischen Steuerungsvarianten der Nachkriegszeit, deren Niedergang für ihn die Folge einer Art neoliberalen Hegemonie war, die in die rezenten Probleme des „Hyperkapitalismus“ führte. Wie eine Einhegung aussehen könnte, bleibt bei Cassidy, zumal ihm die referierten Texte auch nicht helfen, überaus schwammig.Nicht nur radikale Gegner, auch Visionäre und PragmatikerDas Buch selbst ist jedoch gut lesbar, der Autor verbindet biographische Details zu den Autoren mit knappen historischen Rahmenanalysen, in die die zumeist prägnant vorgestellten Konzepte eingelagert werden. Dadurch wird ihre zeitdiagnostische Dimension ebenso sichtbar wie ihre Verknüpfung. Denn, das macht das Buch sehr klar, die jeweilige Kapitalismuskritik reagierte nicht nur auf die Volten ihres Gegenstandes, sondern ebenso auf die bestehende Tradition der Kritik, die jeweils bestätigt, verworfen oder weiterentwickelt wurde.Da Cassidy nicht allein die gut bekannten „üblichen Verdächtigen“ bespricht, sondern durchaus originelle und hierzulande eher unbekannte Autoren einführt, geht das Buch über die zu erwartende Aneinanderreihung von Untergangsszenarien weit hinaus, zumal Cassidy unter Kritiker des Kapitalismus keineswegs nur seine radikalen Gegner fasst, sondern auch „Utopisten“, Pragmatiker oder „Visionäre“, die es nicht auf die Beseitigung, sondern die Gestaltung und Erneuerung der Wirtschaft abgesehen hatten. Selbst Konservative kommen zu Wort, obwohl die konservative Kapitalismuskritik in dem Buch neben Carlyle und der gelegentlichen Erwähnung von John Ruskin vernachlässigt wird.Henry George im Kampf gegen Korruption und Monopol: Karikatur um 1886Wikimedia CommonsDas mag damit zu tun haben, dass die Kritik der modernen Wirtschaft in den USA sich jener konservativen Bilder vielleicht nicht bewusst war, die die alteuropäische Tradition seit Aristoteles und Luther in so reichem Maße zur Verfügung gestellt hatte. Aber viel eher liegt es wohl an der Anlage des Buchs, das einfach eine Epoche (in oberflächlicher Anlehnung an Jürgen Kocka) als kapitalistisch bestimmt, um dann die in dieser Epoche auftauchenden Problemdiskussionen ursächlich auf diese Bestimmung zu beziehen. Welche Substanz die jeweilige Kritik hat, ob sie sich in ihrem Ursprung und Gehalt überhaupt auf kapitalistische Zustände bezieht oder nicht völlig andere Wurzeln hat, bleibt unbesprochen.Die außergewöhnliche Wandlungsfähigkeit des KapitalismusDiese Unklarheit wird durch eine Art kategorialen Kurzschluss verstärkt. Bei Cassidy wird aus Gleichzeitigkeit mehr oder weniger unbesehen Ursächlichkeit, etwa wenn im Kapitel zu Eric Williams die Sklaverei ebenso als Bedingung und Folge des Kapitalismus wie der Kampf gegen moderne Maschinen als eine antikapitalistische soziale Bewegung hingestellt werden. Der Autor referiert die Debatten nicht nur, er glaubt ihnen. Das überzeugt nicht, denn weder hat jede Form der Sklaverei zum Kapitalismus geführt, noch hat der Widerstand bestimmter Gruppen gegen die Folgen neuer Maschinen für ihren Arbeitsalltag Aussagekraft über eine ganze ökonomische Ordnung. Auch ist der keynesianische Konsens der westlichen Nachkriegswelt nicht an einer „neoliberalen Hegemonie“ zerbrochen, sondern es haben – andersherum – seine Schwächen und Probleme die Durchsetzung dieser Hegemonie begünstigt.Für Cassidy ist alles, was während der Epoche des Kapitalismus als Vorwurf, Kritik und Distanzierung geäußert wurde, eine durch ihn erzeugte Reaktion. Das funktioniert mehr schlecht als recht, denn „der“ Kapitalismus kommt bei Cassidy streng genommen gar nicht vor. Was ihn ausmacht, seine Dynamik und Krisenhaftigkeit, aber auch seine Stärken, seine Varianten und seine außergewöhnliche Wandlungsfähigkeit werden zwar angesprochen, gelten aber doch stets eher als Merkmale eines letztlich krisenhaften Veränderungsprozesses, der über kurz oder lang in seinem Untergang enden wird.Für die Kapitalismuskritik ist das Buch daher nur bedingt nützlich; sein eigentlicher Wert liegt vielmehr darin, erneut deutlich zu machen, dass einer der größten Vorzüge einer als kapitalistisch beschriebenen Ökonomie gerade darin liegt, für Kritik, und sei sie noch so radikal oder an den Haaren herbeigezogen, offen zu sein. Dass diese Kritik, die den Kapitalismus von Anfang an bis in die Gegenwart begleitet hat, wirkungslos war, wird man nicht sagen wollen, egal ob sie zutraf oder nicht. Sie und ihre Folgen sind vielmehr einer der Gründe seiner steten Wandlungen, von denen er anders als seine sozialistische Alternative, die auf Kritik allergisch reagierte, letztlich sogar profitierte. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass der Massenverkauf von Büchern wie des vorliegenden das praktisch vollzieht, was in den Texten als verhängnisvoll kritisiert wird: die Marktwirtschaft.John Cassidy: „Der Kapitalismus und seine Kritiker“. Eine Geschichte von der Industriellen Revolution bis zur Künstlichen Intelligenz. Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt. Propyläen Verlag, Berlin 2026. 816 S., geb., 39,– €.
Kapitalismuskritik: John Cassidy hat Argumente aus 250 Jahren gesammelt
Gegen Materialismus und Profitgier protestierten nicht nur Sozialisten. John Cassidy versammelt 250 Jahre Kapitalismuskritik – und zeigt, wie das System gerade an seinen schärfsten Gegnern wachsen konnte.








