Prominent, schnell, eloquent und laut: Sascha Ruefer ist Live-Kommentator und ReizfigurDie Schweizer Medien haben ihn während der WM reihenweise interviewt. Doch mit dem verbalen Ausflippen beim Platzverweis gegen den Schweizer Fussballer Breel Embolo ist Ruefer ins Fadenkreuz geraten. Wieder einmal. Er polarisiert wie kein anderer.16.07.2026, 16.00 Uhr5 LeseminutenLive hat er keine Zeit zu überlegen: Sascha Ruefer kommentiert während der WM ein Spiel aus dem Hotel.Toto Marti / FreshfocusDer Kommentator des Schweizer Fussball-Nationalteams spricht an Endrunden zu einem Millionenpublikum. Sogar zwischen 3 und 6 Uhr Schweizer Zeit, also mitten in der europäischen Nacht. Während des WM-Viertelfinals zwischen der Schweiz und Argentinien. Man hört ihn, man kennt ihn.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der 54-jährige Sascha Ruefer hat Prominentenstatus. Der Seeländer gehört zu den Aushängeschildern des Schweizer Fernsehens. Seit 1998 kommentiert er live Fussballspiele. 2008 trat er die Nachfolge von Bernard Thurnheer an, der während Jahrzehnten die Spiele der Schweizer Auswahl live begleitet hatte.Der frühere Radiojournalist Ruefer kann reden, sich erklären, sich verkaufen. Ohne Punkt und Komma. Er gibt in der Gesprächssendung «Persönlich» Einblicke in sein Leben. Er gibt während der WM in einer SRF-Expertenrunde Auskunft, ist in den USA in einem Tamedia-Podcast länglich zu hören und ist Gast beim SRF-Konkurrenten Blue Sport.Nach dem Kolumbien-Spiel befragt ihn der «Blick» und lobt ihn für seine Emotionalität («Ruefer geht am heftigsten ab»). Er wird von mehreren grossen Schweizer Medien interviewt. Seitenlang, als wäre er Captain der Schweizer Fussballer.Das Wort des Kommentators wird noch gewichtigerDie mediale Hochkonjunktur des Reporters hat auch damit zu tun, dass Schweizer Medien mit den Spielern während Endrunden nur beschränkt reden dürfen. Also spricht stattdessen Ruefer, das bekannte Gesicht, der Schnelldenker, dessen Wort noch gewichtiger wird. Man mag ihn ablehnen und seinetwegen den Sender wechseln. Zu viel Geschrei, zu heftige Amplituden, zu wenig Distanz. Eine Nervensäge. Aber langweilig ist er nicht.Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnierenNach dem WM-Aus der Schweizer Fussballer wird Ruefer wieder einmal durchs Dorf getrieben. Er füllt in den Medien Kommentarspalten. Man zeigt ihm die gelbe und die rote Karte, man lässt Pro- und Contra-Stimmen zu Wort kommen. Das Online-Portal «Inside Paradeplatz» will ihn sogar in den Ruhestand schicken. Zusammen mit Donald Trump und Gianni Infantino. Die Polemik zieht über 200 Leserreaktionen nach sich. Auch CH Media drischt zuerst auf ihn ein, eilt ihm aber am Tag danach zu Hilfe: «Sascha Ruefer, bleiben Sie, wie Sie sind.»Stein des Anstosses ist der Redeschwall Ruefers nach dem Platzverweis gegen den Schweizer Stürmer Breel Embolo im Viertelfinal gegen Argentinien. Embolo lässt sich theatralisch fallen und erhält die gelb-rote Karte, nachdem der Videoschiedsrichter das Schauspiel aufgedeckt hat. Ruefer kommentiert live, gerät ausser sich. Er spricht mehrfach von einem «absoluten Irrsinn», von einem «Witz im Quadrat», er wettert gegen den Videoschiedsrichter und sagt: «Was hier geschieht, hat skandalöse Ausmasse.» Und weiter: «Skandal. Absoluter Skandal. Totalversagen. Absolutes Totalversagen.» Später nimmt er die Worte teilweise zurück, aber der Schaden ist angerichtet.Ruefer ebnet den Weg für den anklagenden Murat YakinIn jenem Moment redet Ruefer voller Emotionen, wie ein Schweizer Teammitglied. Er schäumt über und legt den Soundtrack für den Nationaltrainer Murat Yakin, der nach dem Ausscheiden ohne auch nur eine Einschränkung befindet, dass die Schweiz in Kansas City gegen viele argentinische Zuschauer, gegen den Schiedsrichter und gegen den Videoschiedsrichter verloren habe. Ruefer flippt distanzlos aus und steigert sich in etwas hinein.Gleichzeitig bleiben David Lemos, der Kommentator des Westschweizer Fernsehens, und der Experte Léonard Thurre gefasst. Vor allem nennen sie während der Konsultation der Bilder schnell, was droht: Platzverweis gegen Embolo.Lemos und Thurre bleiben aber ein Beispiel dafür, wie Parteilichkeit auf der WM-Medientribüne gelebt wird. Schliesslich ist Thurre ein früherer Nationalspieler. Als Dan Ndoye gegen Argentinien den 1:1-Ausgleich erzielt, umarmen sich die zwei schreiend, als sässen sie in der Fankurve. Das Verhalten wird nicht einmal versteckt, sondern gefilmt und in sozialen Netzwerken präsentiert, als wäre es eine Auszeichnung. In einer anderen Videosequenz der Westschweizer ist im Hintergrund auf der Medientribüne der jubelnde Ruefer zu sehen. Das Schweizer Fernsehen ist Medienpartner des Schweizerischen Fussballverbands (SFV) und bedient Schweizer Emotionen.Dennoch: Schwer nachvollziehbar bleibt, warum in den SRF-Kanälen niemand der trockenen, ruhigen, witzigen und ironischen Art von Marcel Reif nacheifert, der früher im deutschen Fernsehen live Fussball kommentiert hat. Ruefer ist wie die Antithese zu Reif, dem es fernlag, ausser sich zu geraten. Hinterher weiss Ruefer selbst, dass er in der Szene mit Embolo viel zu weit gegangen ist.Ruefer war es auch, der an der WM 2018 die Doppeladler-Debatte so richtig lancierte, als die Schweizer Spieler Granit Xhaka, Xherdan Shaqiri und Stephan Lichtsteiner nach Torerfolgen gegen Serbien mit Handzeichen politische Signale aussandten. Ruefer verurteilte dies im Live-Kommentar scharf, was im SFV und unter einigen Spielern nicht gut ankam. Später stützte der SRG-Ombudsmann Ruefer.2023 folgte die Episode des vermeintlichen RassismusIm Zusammenhang mit der Dokumentation «Pressure Game», die vom Innenleben der Auswahl erzählt, kam Ruefer 2023 unter das Brennglas. Der Vorwurf: eine mutmasslich rassistische Äusserung, die er bei der Vorvision eliminieren liess. Es zeigte sich jedoch, dass die Aussage aus dem Zusammenhang gerissen worden war. Also Fehlalarm. Das Exempel «Pressure Game» steht dafür, wie Ruefer funktioniert und warum seine Meinung begrüsst wird. Er ist in dem mehrteiligen Film einer der wenigen, die Saft beisteuern, indem er problematische Züge der Multikulti-Auswahl andeutet.Manchmal bricht’s aus ihm heraus, wie beim Doppeladler oder bei der Embolo-Schwalbe. Oder wenn er während eines langweiligen WM-Spiels an einen Flitzer denkt, der die Szenerie etwas beleben könnte. Dabei sagt Ruefer in einem langen Interview mit CH Media ein paar Tage zuvor über seinen Job: «Jedes Wort wird gespiegelt und subito be- und verurteilt. Was das angeht, hat mein Rücken viele Narben. Das prägt.» Und er fügt an: «Ich überlege zweimal, wie ich es sage.» Doch in seinem Beruf kann er auf der Tribüne nicht zweimal überlegen, ehe er etwas sagt. Er redet live. Nach dem heftigen Echo zum Fall Embolo im Viertelfinal wollte Ruefer gegenüber der NZZ keine Stellung mehr nehmen.Nicht nur Sascha Ruefer, auch sein Vorgänger Bernard Thurnheer hat die Erfahrung gemacht, dass sich die Kommentierung besonders im Hagel der Kritik wiederfindet, wenn das Nationalteam nicht gut spielt. Oder eben: ausscheidet. Als müsste sich ein Ventil öffnen. Zwecks Entsorgung von Emotionen und Empörung. Als Frustbewältigung.Auch deshalb steht im Ratgeber: mehr Zurückhaltung. Aber die WM verlangt eben nach etwas anderem. Hitze, Wallungen und Offensive, nicht Temperierung, Analysen und Defensive.Passend zum Artikel