Am Morgen danach wird in England über die Entscheidungen eines Deutschen diskutiert. Auch in Brighton, wo der Fußballtrainer Fabian Hürzeler ans Handy geht. Er, der in München groß geworden ist, bereitet sich dort gerade mit der Mannschaft von Brighton & Hove Albion auf den Start der Premier League vor, es wird seine dritte Saison in der besten Liga der Welt sein.„Jetzt“, sagt Hürzeler, „stürzen sich wieder alle auf dasselbe: taktische Fehlentscheidung, Fünferkette. Ich schaue da aus einer etwas anderen Perspektive drauf.“Die Perspektive des deutschen Premier-League-Trainers ist diese: „Die Engländer wurden extrem passiv, auch schon mit der Viererkette. Trotzdem finde ich, dass zwei andere Faktoren eine große Rolle spielen, über die niemand diskutiert. Der erste Faktor ist der Kopf. Die Engländer, und das merke ich hier – seit fünfzig Jahren haben die nichts gewonnen, seit fünfzig Jahren warten die auf den nächsten WM-Titel. So, jetzt sind sie in Führung, jetzt sind sie dem Finale sehr nahe. Was passiert im Kopf eines Spielers? Jetzt hast du etwas zu verlieren, jetzt kommt auch die Angst zu verlieren. Du wirst verkrampfter, du bist nicht mehr so locker. In der ersten Halbzeit haben sie intensiv gepresst. Sie haben nicht nach hinten geguckt. Sie haben nach vorne verteidigt. Dann kam das Tor. Und dann kam der Gedanke: Jetzt können wir wirklich was verlieren. Ich hatte das Gefühl, dass sie das Finale erzwingen wollten und nur noch verteidigt haben. Das war der erste Faktor.“„Sie wurden mutlos mit dem Ball“Und der zweite Faktor? „Natürlich waren sie passiv gegen den Ball, aber was mir noch mehr aufgefallen ist, sie wurden mutlos mit dem Ball. Wenn du die Argentinier gesehen hast, auch in der ersten Halbzeit: unheimlich wenige lange Bälle, immer den Glauben gehabt, dass sie Situationen spielerisch lösen, mit zwei Kontakten. England hat nach dem 1:0 aufgehört, offensiv zu spielen. Da kommen wir zu dem Thema, das wir mit Spanien hatten: Die ziehen ihren Stil durch, die pressen weiter, die spielen offensiv, die haben ihre klare Struktur, die vertrauen ihren Fähigkeiten. Kurz: Die ändern nichts. Aber man muss auch sagen, dass Argentinien unfassbar schwer zu pressen ist. Messi läuft überall rum, dann haben sie ihre vier Mittelfeldspieler, die extrem flexibel sind. Klar, du kannst Mann-gegen-Mann pressen, aber schaffst du das Mann-gegen-Mann über 90 Minuten? Weiß ich nicht. Da sind so viele Aspekte, die man beachten muss. Jetzt ist es am einfachsten, auf Tuchel draufzuhauen und zu sagen: Seine Wechsel waren falsch! Im Nachhinein kann man das immer sagen. Aber aus Trainerperspektive hat das für mich eher mit fehlendem Mut zu tun. Mit Verkrampfung, die entsteht, wenn du so nah dran bist an einem WM-Finale.“Und dann fällt Hürzeler beim Diskutieren über das Spiel noch eine Begegnung mit einem der größten Trainer in der Geschichte des englischen Fußballs ein: „Wenn du dann Defensivspieler einwechselst, ist das ein Signal. Ich hatte einmal mit Sir Alex Ferguson ein super Gespräch, der hat zu mir gesagt, er habe sehr oft versucht, einen zweiten Stürmer einzuwechseln. Warum? Weil er auf das zweite Tor gehen, aber auch der Mannschaft ein Signal senden wollte: Wir spielen auf das zweite Tor! Das kann man diskutieren. Fest steht: Thomas Tuchel hat die Champions League gewonnen. Er weiß, was er tut. Aus Trainerperspektive verstehe ich, wie er gehandelt hat.“
Fußball-WM 2026: Fabian Hürzeler über Thomas Tuchel und England im Halbfinale
Wieder kein WM-Finale: In England wird über Thomas Tuchels Entscheidungen diskutiert. Der deutsche Premier-League-Trainer Fabian Hürzeler sagt: „Ich schaue da aus einer etwas anderen Perspektive drauf.“















