Unser Autor erfährt von einer Haushaltsauflösung, jeder darf sich mitnehmen, was er will. Nur: Wer war wohl der Mensch, dem all diese Dinge gehört haben?

Sie hieß Walfried. Diese Erkenntnis ereilt mich, während ich einen der drei Holzkleiderschränke im Schlafzimmer der Verstorbenen durchsuche. In der Hand wiege ich einen kleinen ledernen Anhänger, in dem hinter einem Sichtfenster Walfrieds Vor- und Nachname und ihre Adresse fein säuberlich notiert sind.

Die Adresse gehört zu eben dem viergeschossigen Mehrfamilienhaus, in dessen oberer Etage ich gerade im heiligsten Rückzugsraum einer mir völlig unbekannten, mutmaßlich alten und nun verstorbenen Frau stehe.

Später werde ich herausfinden, dass Walfried eigentlich ein männlicher Vorname althochdeutscher Herkunft ist. Haben mich in der Wohnung meine Geschlechterklischees benebelt, weil ich mir keinen Opa mit den Seidentüchern und Fellmützen vorstellen konnte, die jetzt mir gehören? Oder ist Walfried vielleicht der längst beerdigte Ehemann der jüngst gestorbenen Witwe? Für mich bleibt Walfried eine alte Dame, die bis zuletzt ihren Alltag in einer Obergeschosswohnung ohne Fahrstuhl verlebt hat.

Eine Freundin hatte auf Kleinanzeigen von der Haushaltsauflösung erfahren und mir eine Nachricht gesendet, da mein Partner und ich uns für Trödel begeistern. Walfrieds Wohnung ist nur wenige Querstraßen entfernt und der Verwüstung anheimgefallen: Überall liegt Styropor von einer abgerissenen Deckenverkleidung, Mülltüten stehen umher, im Wohnzimmer wird eine Schrankwand durch mehr oder weniger gezielte Tritte zerlegt.