Nach dem Aus für das deutsch-französische Kampfflugzeug bemühen sich Berlin und Paris um neue Gemeinsamkeiten in der Rüstungskooperation. Dazu finden seit Wochen hochrangige Gespräche statt. Ziel ist es, beim deutsch-französischen Ministerrat eine Liste gemeinsamer Projekte vorzulegen, darunter auch neue Vorhaben. Das Regierungstreffen findet diese Woche Freitag auf Schloss Augustusburg in Brühl bei Köln statt. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron wollen schon am Donnerstagabend zusammenkommen, ehe unter ihrer Leitung am Freitagmorgen auf dem Fliegerhorst Nörvenich eine Sitzung des Deutsch-Französischen Verteidigungs- und Sicherheitsrats geplant ist. Anschließend soll bis zum Nachmittag der Ministerrat tagen.Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) bezeichnete Ende Juni in der F.A.Z. die Entwicklung eines Frühwarnsystems gegen weitreichende Raketen als ein Beispiel für ein gemeinsames Projekt. Aber auch weitreichende Raketen selbst gelten als vielversprechendes Kooperationsfeld.Hersteller bringen sich in StellungSogenannte Deep-Precision-Strike-Fähigkeiten ermöglichen es, militärische Ziele weit im gegnerischen Hinterland zu zerstören. Das kann sowohl mit Marschflugkörpern als auch mit ballistischen Raketen erfolgen. Deutschland fehlen diese Fähigkeiten bislang weitgehend, während Frankreich hier über viel Know-how verfügt. Das spricht für ein Zusammenrücken – ungeachtet der Tatsache, dass Deutschland nun amerikanische Tomahawk-Marschflugkörper kauft. „Wir werden gleichzeitig daran arbeiten, eigene europäische Systeme zu entwickeln und in Europa zu stationieren“, betonte Merz vergangene Woche in seiner Regierungserklärung.Auf Industrieseite steht man bereit. Das gilt allen voran für MBDA, Europas größten Hersteller von Luftverteidigungs- und Lenkflugkörpersystemen, in Deutschland bekannt für den Marschflugkörper Taurus. Der Konzern hat mit dem Missile de Croisière Naval (MdCN) das derzeit einzige Produkt in Europa für Deep-Precision-Strike-Operationen im Sortiment, das leistungsmäßig mit Tomahawks vergleichbar ist. Eingesetzt wird dieser Marinemarschflugkörper auf französischen Kriegsschiffen und U-Booten.„Es ist notwendig, die europäischen Kapazitäten kurzfristig zu stärken“, mahnt Paul Houot, Produktlinienleiter Deep Strike bei MBDA, im Gespräch mit der F.A.Z. Der Konzern treibe deshalb ohnehin in Kooperation mit dem französischen Staat die Weiterentwicklung des MdCN voran. Der Auftrag dafür wird von der Rüstungsbeschaffungsbehörde noch in diesem Jahr erwartet. Die Indienststellung der weiterentwickelten Version ist für 2030 vorgesehen.Produktion auch in Deutschland möglichEs handele sich „um eine eigenständige europäische Lösung, die ohne Genehmigung der USA produziert und exportiert werden kann“, betont Houot: „Der Vorschlag von MBDA an die europäischen Staaten, die an einer Alternative zum amerikanischen System interessiert sind, besteht daher darin, sich Frankreich bei der Weiterentwicklung des MdCN anzuschließen.“ Denkbar sei eine Zusammenarbeit aber auch bei der Entwicklung der geplanten Variante dieses Marinemarschflugkörpers, des sogenannten Land Cruise Missile (LCM). Diese bodengestützte Rakete soll im Jahr 2029 einsatzbereit sein.Von einem Lastwagen aus abgefeuert, soll der LCM Ziele in einer Entfernung von „weit mehr“ als 1000 Kilometern erreichen können. „Dies wäre derzeit die einzige europäische Rakete mit einer solchen Durchschlagskraft und Reichweite“, sagt Houot. Die Produktion könne in den Abnehmerländern angesiedelt werden, also auch in Deutschland.MBDA ist eines der wenigen Beispiele europäischer Konsolidierung im Rüstungssektor. Der vor 25 Jahren gegründete Konzern befindet sich zu je 37,5 Prozent in den Händen von Airbus und BAE Systems aus Großbritannien, die übrigen 25 Prozent hält Leonardo aus Italien. Als Vorzug von MBDA gilt die Konzernstruktur, die den nationalen Tochtergesellschaften viel Autonomie lässt, um die jeweiligen militärischen Bedürfnisse zu erfüllen. Wo politisch gewollt, offeriert MBDA aber auch europäische Lösungen. Man entwickle zudem „neue Fähigkeiten, um Ziele in einer Entfernung von mehr als 2000 Kilometern zu treffen“, so Manager Houot.Die zunehmende Unsicherheit über die Liefertreue der Amerikaner dürfte europäischen Lösungen einen Schub verleihen. „Wir stellen heute ein reges Interesse seitens der europäischen Länder und der NATO am MdCN und seiner Landvariante fest, da Bedenken hinsichtlich der Verfügbarkeit der amerikanischen Bestände bestehen“, sagt Houot. Das gelte auch für andere europäische Alternativen zu US-Produkten.Letztlich sei eine „‚High-Low‘-Kombination“ verschiedener Systeme, die zusammenwirken und unterschiedliche Reichweiten sowie Fähigkeiten aufweisen, auch die Lehre aus Konflikten wie denen in der Ukraine oder Iran. „In einem solchen Mix lassen sich Marschflugkörper mit Drohnen für Sättigungsangriffe kombinieren, die die feindlichen Verteidigungssysteme überlasten und so die Erfolgschancen des darauf folgenden Angriffs erhöhen“, erklärt Houot. MBDA plant, monatlich mehr als 1000 Einheiten der konzerneigenen Deluge-Drohne für Sättigungsangriffe zu produzieren.„Wir führen mit Frankreich und Deutschland Gespräche“Auch andere Akteure bringen sich im Ringen um neue Deep-Precision-Strike-Fähigkeiten in Stellung. Dazu gehört der französisch-deutsche Raketenhersteller Ariane Group. Wie MBDA wirbt er mit Erfahrung und ausgereifter Technik, in dem Fall mit ballistischen Raketen – Flugkörpern, die nach dem Start steil ins All aufsteigen, ehe sie mit rasanter Geschwindigkeit auf ihr Ziel auf der Erde schießen. In puncto Reichweite und Durchschlagskraft haben sie ein hohes Abschreckungspotential. Die Technik gilt als anspruchsvoll und wird für sehr große Reichweiten bislang nur von Nuklearmächten beherrscht.Ariane Group ist derzeit der einzige europäische Hersteller ballistischer Raketen. Der Konzern, der vor allem bekannt ist für Weltraumträgerraketen, ist Hauptauftragnehmer für die ballistischen M.51-Raketen der französischen strategischen Ozeanstreitkräfte. An Bord von U-Booten bilden sie das Rückgrat von Frankreichs nuklearer Abschreckung.Ariane Group wirbt dafür, diese jahrzehntelange Expertise in konventionelle Fähigkeiten zu transferieren – und stößt damit nach eigenen Angaben auf Interesse, auch in Berlin. „Wir führen mit Frankreich und Deutschland Gespräche über die mögliche Entwicklung konventioneller ballistischer Raketen“, bestätigt Vincent Pery, der die Verteidigungsprogramme bei Ariane Group leitet, der F.A.Z. Die konventionellen Raketen würden auf einer anderen technologischen Grundlage gebaut als die M.51. Dem Vernehmen nach will man so auch sicherstellen, dass sich keine Rückschlüsse auf Frankreichs nukleare Abschreckung ziehen lassen. „Wenige Jahre Entwicklungszeit wären realistisch“, erklärt Pery. Die Reichweite könne zwischen 1000 und 2500 Kilometern betragen. Abhängig vom politischen Willen seien verschiedene industrielle Optionen denkbar.„Wir bieten eine souveräne europäische Lösung an“, betont Pery. Eine US-Genehmigung zur Produktion und zum Export soll es ebenso wenig wie bei MBDA-Marschflugkörpern geben. Ariane Group wirbt dabei mit einem dezidiert deutsch-französischen Ansatz. Man habe vier Produktionsstätten in Deutschland, und „wenn es eine politische Entscheidung gibt, könnten wir konventionelle ballistische Raketen auch in Deutschland herstellen“, so Pery. Ammoniumperchlorat, das eine Schlüsselrolle für den Treibstoff für ballistische Raketen spielt, produziert Ariane Group in Toulouse. Der Bau einer zweiten Fabrik für Raketentreibstoff wird auf dem Standort Trauen in Niedersachsen geprüft. Das Genehmigungsverfahren dafür läuft.
Wie sich Deutschland und Frankreich um neue Raketen-Projekte bemühen
Deutschland und Frankreich bemühen sich um gemeinsame neue Projekte in der Rüstung – auch in einer bislang nur von Nuklearmächten beherrschten Technik. Zwei europäische Konzerne bringen sich in Stellung.














