Bis heute wird Hermann Löns vielfach als „Heidedichter“ und Vorkämpfer des Naturschutzes verehrt. Es gibt kaum einen Ort in der Lüneburger Heide, an dem nicht mit Denkmälern oder Straßennamen an den Schriftsteller erinnert wird, der 1914 als Kriegsfreiwilliger in Frankreich fiel. Vollkommen ausgeblendet wird dabei, dass Löns als Blut-und-Boden-Autor einen nicht unwesentlichen Einfluss auf das völkische und rechtsextreme Milieu der vergangenen hundert Jahre hatte, nicht zuletzt auch weil die Nationalsozialisten sich auf seine „völkische Sendung“ beriefen – so ein Buchtitel zu seinem Werk aus dem Jahr 1937.Hermann Löns wurde 1866 in Westpreußen geboren, verbrachte aber den größten Teil seiner Berufstätigkeit als Journalist und Schriftsteller in Niedersachsen. In seiner Lyrik und Prosa stellte er dem westlichen Liberalismus und dem rationalen Denken die „deutsche Seele“ und die „deutsche Natur“ entgegen und zeichnete das Bild einer organisch-gesunden romantischen Heidelandschaft, die durch Verstädterung und „kulturfremde“ Einflüsse bedroht werde. Eng fühlte er sich der Heimatkunst- oder auch Heimatschutzbewegung verbunden, die vor allem auf den Komponisten Ernst Rudorff zurückging.Heimatschutz versprach ArbeiterschutzDie Heimatschutzbewegung war eine Reaktion auf die Verunsicherung des Kleinbürgertums, das vor dem Hintergrund des rasanten technischen und sozialen Wandels um die Jahrhundertwende von Abstiegsängsten erfasst wurde – aber auch eine Folge realer sozialer Probleme in den Großstädten, der Verelendung der Industriearbeiterschaft und der zunehmenden Umweltzerstörung. Autoren wie Rudorff und Löns imaginierten die reine, deutsche Natur. Die historische Kulturlandschaft mit nach Naturgesetzen wirtschaftenden Bauern galt als Verkörperung des edlen und wahren Volkstums, dem die Heimatschützer das Zerrbild des städtischen Molochs mit einer entwurzelten und von der Krankheit des sozialistischen Materialismus befallenen Industriearbeiterschaft entgegensetzten – einen Mythos, der anschlussfähig war für antisemitische Verschwörungserzählungen, nach denen hinter dieser Entwicklung „der Jude“ stehe.„Weine nicht um mich, mein Schatz, und denke / für das Vaterland, da floß sein Blut“: das Grab von Hermann Löns in WalsrodeBernd Hartung / Agentur Focus, Bernd Hartung/OSTKREUZ Archiv1904 gründete Ernst Rudorff in Leipzig den „Bund Heimatschutz“. Da er selbst gesundheitlich angeschlagen war (er starb 1916), übernahm den Vorsitz Paul Schulze-Naumburg, einer der maßgeblichen Protagonisten des völkischen Denkens und später der wohl einflussreichste „Intellektuelle“ in der Thüringer NS-Bewegung.Ob Hermann Löns Mitglied des Bundes Heimatschutz war, ist nicht bekannt. Fest steht, dass er dessen Ziele teilte. Das war an erster Stelle die rassistische Aufladung des Heimat- und Naturschutzes. „Naturschutz“ sei „gleichbedeutend mit Rassenschutz“, schrieb er kurz vor dem Ersten Weltkrieg, und der „letzte und wichtigste Zweck des gesamten Heimatschutzes“ sei der „Kampf für die Gesunderhaltung des gesamten Volkes, ein Kampf für die Kraft der Nation, für das Gedeihen der Rasse“. Überhaupt war Löns, wie viele in seiner Zeit, Nationalist, bisweilen auch mit antisemitischen Ausschlägen. 1910 schrieb er: „Ich bin Teutone hoch vier. […] Wir haben genug mit Humanistik, National-Altruismus und Internationalismus uns kaputt gemacht, so sehr, dass ich eine ganz gehörige Portion Chauvinismus sogar für unbedingt nötig halte. Natürlich passt das den Juden nicht und darum zetern sie über Teutonismus. Das aber ist der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Chauvinismus: das deutsche Evangelium.Postume Entdeckung eines VorkämpfersTrotz dieser deutlichen antisemitischen und rassistischen Stellungnahmen und seines Platzes in der Heimatschutzbewegung galt Löns zu seinen Lebzeiten aber noch nicht als einer der Hauptprotagonisten völkischen und nationalistischen Denkens. Das änderte sich erst in der Weimarer Republik, als ihn dezidierte Rechtsextreme als ideologischen Vorkämpfer und vaterländischen Helden entdeckten – und, das muss gerechterweise hinzugefügt werden, auch instrumentalisierten. So wurde etwa sein Matrosenlied „Wir fahren gegen Engeland“ von 1910, dessen antibritische Ausrichtung eher metaphorisch gemeint war (in dem Sinne, dass das Kaiserreich seinen kolonialen „Platz an der Sonne“ beanspruchte), zu einem der bekanntesten Marschlieder der nationalsozialistischen Marine im Zweiten Weltkrieg.Der Lönsstein in Betzhorn im Landkreis Gifhorn wurde erst 1984 errichtet.Wikimedia Commons / CC0 1.0Das Schlüsselwerk für die Lönsrezeption durch die Völkischen und die politische Rechte in der Weimarer Republik war aber etwas anderes: der Blut- und Bodenroman „Der Wehrwolf“, veröffentlicht wie das Engeland-Lied im Jahr 1910 und in einer ähnlichen Tradition stehend wie der Roman „Die Dithmarscher“ des Heimatkunst-Autors und radikalen Antisemiten Adolf Bartels. Völkisches Gemeinschaftsethos verbreite der Lönsroman, urteilt der Germanist Wilhelm Kühlmann, und bezeichnet das Buch zu Recht als „Gewaltromantik“. Es handelt von wehrhaften Heidebauern, die sich im Dreißigjährigen Krieg, zusammengeschlossen als sogenannte Wehrwölfe, mit dem Schlachtruf „Schlagt sie tot“ gegen Eindringlinge wehren. Das sind vor allem Sinti und Roma, aber auch andere vermeintlich „Fremde“. Mitgedacht waren, davon kann man ausgehen, auch die Juden.Der „Wehrwolf“ war für die Völkischen und die Nationalsozialisten ohne Zweifel das wichtigste Werk von Hermann Löns. Im Machwerk „Künder des Dritten Reiches. Hermann Löns und seine völkische Sendung“ von Ulf Thorstein von 1937 heißt es: „In diesem bäuerlichen Heldenepos eines eisernen Volkes, das den unbestrittenen Höhepunkt des Löns’schen Schaffens bildet, finden sich all die Gedanken und Anschauungen, die wir bei Löns herausgearbeitet haben – das Bekenntnis zu Volk, Rasse und Stamm, die Erhebung des Bauerntums zum wichtigsten Stand eines Volkes, die Betonung der Notwendigkeit der Erhaltung von Volkstum und Tradition, das Bekenntnis zu germanisch-heldischer Lebensauffassung und Religiosität, die leidenschaftliche Abwehr alles Artfremden, die Verurteilung des Partei- und Parlamentsunwesens, die Forderung nach Einigkeit und Wehrhaftigkeit, das Bekenntnis zur Führeridee.“Ergänzung der UnterschriftNicht nur vom Inhalt, sondern auch von der politischen Symbolik her war der „Wehrwolf“ ein Schlüsselroman für die extreme Rechte: Als Symbol germanischer Wehrhaftigkeit zieren in dem Buch die christliche Kapelle in dem fiktiven Heidedorf zwei Wolfsangeln. Etwa seit Erscheinen des Buches pflegte Löns auch in seiner Korrespondenz seine Unterschrift durch eine Wolfsangel zu ergänzen. Diese ist ein jahrhundertealtes Symbol, das wohl auf eine Wolfsfalle zurückgeht. Seit dem Mittelalter tauchte sie in Stadt- und Adelswappen auf, und im neunzehnten Jahrhundert wurde sie als Grenzmarkierung sowie zur Kennzeichnung von Forstbeschäftigten genutzt. Bis dahin war die Verwendung der Wolfsangel politisch unbelastet. Das änderte sich zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Die neu entstehende völkische Bewegung entdeckte das Runenalphabet als Beweis für die Kulturleistung einer angeblich jahrtausendealten germanischen Rasse. Anhänger des völkischen Denkens deuteten die Wolfsangel als eine mit einem Querbalken versehene Siegrune. Ob dies der Grund ist, warum Löns in seinem Roman auf dieses Symbol zurückgriff, ist nicht bekannt.Sicher ist aber, dass sich die nationale Rechte nach dem Ersten Weltkrieg und damit nach dem Tod von Löns des Wehrwolf-Mythos (geschrieben übrigens mit „h“ und damit allenfalls indirekt Bezug nehmend auf die germanisch-mythologische Figur des Werwolfs) und des Symbols der Wolfsangel annahm. Bald schon prangte auf den Buchumschlägen neuerer Ausgaben des „Wehrwolfs“ die Wolfsangel. Und eine der größten völkischen Organisationen der Weimarer Republik war der paramilitärische „Wehrwolf“-Verband, gegründet 1923. Er rekrutierte sich vor allem aus Mitgliedern rechtsextremer Freikorps und hatte zeitweise 30.000 bis 40.000 Mitglieder. Dass der Name der Organisation sich auf den Roman bezog, zeigt sich deutlich am Hamburger Landesverband. Dieser führte seine Arbeit, nachdem er wegen Waffenfunden bei Mitgliedern verboten worden war, als „Löns-Verband“ fort. Das Abzeichen der Jugendorganisation des Wehrwolf-Verbandes war die Wolfsangel, die spätestens seit dieser Zeit ein Erkennungssymbol der extremen Rechten war. Der Hauptverband wiederum hatte als Erkennungszeichen wie die spätere SS einen silbernen Totenkopf auf schwarzem Grund. Aggressiv trat der Wehrwolf gegenüber der Weimarer Demokratie auf, propagierte einen radikalen Antisemitismus und die Eroberung von Lebensraum im Osten. Zentral waren Blut- und Boden-Narrative und Bezüge auf germanische Mythen.Hermann Löns, um 1900Wikimedia1933 wurde der Wehrwolf in die SA überführt. Vorher waren etliche seiner Mitglieder allerdings schon zur SS gewechselt. Als Mythos blieb der Wehrwolf aber präsent. 1944 griff ihn SS-Chef Heinrich Himmler auf und gründete den Jugendverband „Werwolf“ – zwar ohne „h“, aber doch deutlich in der Tradition der nationalsozialistischen Lönsrezeption stehend: Der Hitlerjugend wurde im letzten Kriegsjahr das Lönsbuch als Pflichtlektüre verordnet, und das Abzeichen des Werwolf-Jugendverbandes war ein schwarzer Winkel mit weißer Wolfsangel. Weil das Buch genutzt wurde, um die Jugendlichen zum Untergrundkampf gegen die Alliierten aufzurufen, wurde es von diesen nach der deutschen Kapitulation im Mai 1945 auf den Index gesetzt.Hitlerworte als GrabbeigabenMit dem Wehrwolf-Roman popularisierten die Adepten von Löns auch die Wolfsangel als rechtsextremes Symbol. Spätestens in den Zwanzigerjahren war sie ein vor allem von Völkischen und Nationalsozialisten genutztes politisches Erkennungszeichen. Gern wurde sie auf Findlingen angebracht, jenen angeblich urgermanischen und unzerstörbaren Steinen, die in der Kunstgeschichte als die Kennzeichen schlechthin für die völkische Memorialkultur gelten. Dutzende, vermutlich sogar Hunderte Findlinge erinnern in Deutschland an Hermann Löns. Fast immer ist auf ihnen auch eine Wolfsangel abgebildet. Manche dieser Denkmäler wurden erst in der Nachkriegszeit geschaffen. Auch das Grab von Hermann Löns wurde 1935 mit dem Zeichen geschmückt. 1934 waren die angeblichen Gebeine von Löns, der 1914 an der Westfront gestorben war, in Frankreich entdeckt und nach Deutschland gebracht worden. Sein Begräbnis nutzten die Nationalsozialisten für propagandistische Zwecke. Die Reichswehr ließ die Gebeine bei Fallingbostel bestatten und die Grabplatte – natürlich einen Findling – mit dem Symbol der Wolfsangel versehen. Mit ins Grab gegeben wurde eine Kapsel mit Hitlerworten.Das Wappen des Landkreises BurgdorfWikimedia CommonsMit dem Begräbnis in Fallingbostel erreichte der Lönskult der Nationalsozialisten seinen Höhepunkt. Das gilt auch für die politische Verwendung der Wolfsangel, die bald als Kennzeichen für diverse NS-Organisationen genutzt wurde, etwa für die SS-Division „Das Reich“ oder für Verbände der Hitlerjugend. Auch die offizielle Zeitschrift der deutschen Polizei trug die Wolfsangel im Titel. Zudem wurde die Wolfsangel auch von Kommunen gern genutzt, beispielsweise im ehemaligen Kreis Burgdorf bei Hannover, der sie 1935 mit Bezug auf den Roman in sein Wappen aufnahm. Als der Kreis 1974 aufgelöst wurde, übernahmen die Stadt Burgwedel und die Gemeinde Wedemark das Zeichen in ihre neuen Wappen. Eine Diskussion über die Fragwürdigkeit dieser 1935 eingeführten völkischen Tradition gab es nicht und gibt es bis heute nicht.Nach 1945 nutzten Neonazis die Wolfsangel als Erkennungszeichen, etwa die 1982 verbotene „Junge Front“. Seit dem Verbot dieser Organisation ist die Verwendung der Wolfsangel als Symbol im politischen Kontext verboten. Ansonsten hat sie Bestandsschutz und darf etwa in Wappen, auf Steinen oder in der Forstwirtschaft verwendet werden. Trotz des Verbots ist die Wolfsangel bis heute bei deutschen und europäischen extremen Rechten beliebt, auch wenn vermutlich die wenigsten Neonazis, die sie sich auf die Haut tätowieren lassen, wissen, auf welchem Weg dieses Zeichen in die völkische und rechtsextreme Szene gekommen ist.2013 wurde die bislang letzte Gruppe aufgelöstAuch der Mythos des Wehrwolfs (mal mit, mal ohne „h“) ist bei Rechtsextremen nach wie vor beliebt. Besondere Bekanntheit erlangte die Wehrwolf-Gruppe um den bekannten Neonazi Michael Kühnen, die 1978 einen Anschlag auf das zentrale Mahnmal in der Gedenkstätte Bergen-Belsen sowie die Ermordung von Serge und Beate Klarsfeld plante. Wegen der Bildung einer terroristischen Vereinigung wurden die Mitglieder der Gruppe 1979 in Bückeburg zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Die bislang letzte We(h)rwolf-Gruppe wurde 2013 aufgelöst. Unter der Bezeichnung „Werwolf-Kommando“ hatten Neonazis um den fünfundzwanzigjährigen Schweizer Sebastien N. in Norddeutschland, aber auch mit Verbindungen in die Niederlande, eine geheime Terrorgruppe gegründet, Bombenanschläge geplant und bereits Kontakte zu Waffenlieferanten aufgebaut, bevor die Polizei einschritt.Bucheinband aus dem Jahr 1939Theo Schneider/WikimediaAngesichts der Bedeutung, die Löns, sein Wehrwolf-Roman und das Symbol der Wolfsangel seit mehr als hundert Jahren für die extreme Rechte und das völkische Milieu haben, ist es mehr als befremdlich, dass der Lönskult auch in der Mitte der Gesellschaft bis heute vielfach fortgeschrieben und in der Lüneburger Heide zu Marketingzwecken genutzt wird. Stolz werden etwa in Celle Touristen vor das ehemalige Wohnhaus von Löns in der Mauernstraße geführt. Unkommentiert prangt dort eine Gedenktafel aus dem Jahr 1941 an der Hauswand – natürlich mit Wolfsangel und Gewehr. Und als vor wenigen Wochen bundesweit der „Dichter-Rosentag“ begangen wurde, lud der Förderverein „Historisches Altencelle“ zur Blumenniederlegung für Löns und seine zeitweilige Lebensgefährtin Hanna Fueß ein – Letztere war Schriftführerin und spätere Ehrenvorsitzende des Lönsbundes sowie Mitglied in Alfred Rosenbergs „Kampfbund für deutsche Kultur“ und der NS-Frauenschaft.Zum Erfolg der NS-Propaganda und zur breiten gesellschaftlichen Akzeptanz der von den Nationalsozialisten propagierten „Volksgemeinschaft“ haben ihre ideologischen Vorreiter ganz erheblich beigetragen. Und nach 1945 wirkten Teile dieser Ideologie nach. Auch dafür stehen die Wolfsangel und der Lönskult exemplarisch. Umso mehr sollte man heute kritisch mit solchen Symbolen umgehen – ganz im Sinne eines reflexiven Geschichtsbewusstseins, das, wie der ungebrochene Lönskult zeigt, ausbaufähig ist.Jens-Christian Wagner ist Leiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. Sein Artikel ist die gekürzte Fassung seines Beitrags zur Vortragsreihe „Fake History – Geschichtsbilder unter der Lupe“ der Thüringer Landeszentrale für politische Bildung im Forschungszentrum Gotha.
Der rechte Kult um den Heimatdichter Hermann Löns
Je wölfischer er aussieht, desto besser: Der Dichter Hermann Löns wurde von der rassistischen Rechten postum als Vorkämpfer entdeckt. Diese Traditionspflege hat in der Landschaft ihre Zeichen hinterlassen.








