Knapp viereinhalb Jahre nach Russlands Großangriff leben gut 1,35 Millionen Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine in Deutschland. Sie werden nach und nach auch in den Betrieben immer sichtbarer. Manchen Erhebungen zufolge hat die Beschäftigungsrate der hiesigen Ukraineflüchtlinge mittlerweile die 50-Prozent-Marke überschritten.Im Vergleich zu anderen Aufnahmeländern fällt Deutschlands Bilanz bei der Integration aber weiterhin mäßig aus. In einer aktuellen Studie für die Bertelsmann-Stiftung kommt der Politikwissenschaftler Dietrich Thränhardt zu dem Schluss, dass hierzulande viel Potential verschleudert wird. „Eine bessere Arbeitsintegration von Schutzsuchenden aus der Ukraine ist möglich und machbar“, schreibt er. Die Ursachen sieht er nur zum Teil in den Sozialleistungen. Stärker ins Gewicht fielen restriktive Berufszugänge und Arbeitgeber, die Qualifikationen von Ukrainern gering schätzten.Wie es besser geht, zeigen Deutschlands östliche Nachbarländer. Polen und die Tschechische Republik haben pro Kopf mehr Kriegsflüchtlinge aufgenommen und zugleich deutlich höhere Beschäftigungsquoten erreicht. Laut einem internationalen Vergleich, auf den sich auch Thränhardt bezieht, waren im ersten Halbjahr 2025 in Polen 68 Prozent der ukrainischen Flüchtlinge beschäftigt, in der Tschechischen Republik 66 Prozent. In Deutschland waren es damals lediglich 39 Prozent.Gar europaweite Spitzenreiter sind die beiden Nachbarländer in einem anderen Indikator der Integrationsqualität. In der Tschechischen Republik verdienen ukrainische Flüchtlinge durchschnittlich 85 Prozent des Medianlohns einheimischer Arbeitnehmer, in Polen 79 Prozent davon. Deutschland ist unter 16 europäischen Aufnahmeländern mit 50 Prozent das Schlusslicht. Das deutsche Versprechen einer langsameren, dafür nachhaltigeren Integration durch Sprachkurse und Qualifizierung trägt bisher wenig Früchte.Zu hohe Ansprüche an Deutschkenntnisse der UkrainerThränhardt schreibt: „Überall arbeiten die Flüchtlinge im Durchschnitt unterhalb ihres Ausbildungsniveaus, aber die Differenz ist in den östlichen Ländern deutlich geringer.“ Längst bringen die Ukrainer Polen und der Tschechischen Republik mehr Steuereinnahmen ein, als die im Vergleich mit Deutschland deutlich geringeren Sozialleistungen kosten.Nun könnte man einwenden, dass Polnisch und Tschechisch für Ukrainer leichter zu lernen sind als Deutsch. „Das stimmt“, sagt Thränhardt im Gespräch. Doch in den beiden Ländern seien früh nach der Ankunft der meisten Flüchtlinge im ersten Halbjahr 2022 „strukturelle Grundlagen“ geschaffen worden. Dazu zählt Thränhardt die digitalen Verfahren, die Zugänge zu Behörden deutlich erleichtern. Hinzu komme die weitgehende Anerkennung von Abschlüssen.Polen hatte 2022 mit einem Sondergesetz den Zugang für Ukrainer unterschiedlicher Berufsgruppen geöffnet. Bergleute konnten bei entsprechender Nachfrage ebenso unkompliziert in ihrem angestammten Beruf arbeiten wie Krankenschwestern. Ärzte wurden gezielt zur Versorgung ihrer Landsleute eingesetzt. Erst seit Mai dieses Jahres fordert Polen von allen im vereinfachten Verfahren zugelassenen Medizinern Polnischkenntnisse auf dem Sprachniveau B1. Zum Vergleich: Deutschland verlangt schon für die Anerkennung eines ukrainischen Krankenpflegediploms das Niveau B2.Der Schiffsführer darf nicht auf die SpreeMittlerweile jedoch hat sich in Polen die Stimmung gegen die ukrainischen Flüchtlinge gedreht. Präsident Karol Nawrocki rief im Frühjahr das Ende der „Ära der bedingungslosen Privilegien“ aus. Überdies steht die politische Debatte zwischen Warschau und Kiew im Zeichen eines Geschichtsstreits. In Polen kam es jüngst zu Fällen von Gewalt und verbalen Attacken gegen Flüchtlinge. Eine vor Kurzem veröffentlichte Recherche der Zeitung „Gazeta Wyborcza“ ergab, dass auch ukrainische Ärzte zunehmend Feindseligkeit erfahren. Die entzünde sich oft nicht am Fachlichen, sondern am Akzent. Zugleich betonen Klinikdirektoren, dass ohne Ukrainer viele Provinzkrankenhäuser in Personalnot gerieten.Derart aufgeheizt ist die Debatte in Deutschland nicht. Aber hierzulande sind es oft die Arbeitgeber, die vorhandene Qualifikationen nicht als gleichwertig betrachten. Oft übernehme sie für ukrainische Bewerber eine Garantie, um Vorbehalte auszuräumen, berichtet die selbständige Arbeitsvermittlerin Alla Belikova-Shoichet der F.A.Z. Sie kam in den Neunzigerjahren selbst aus der Ukraine nach Deutschland und weiß daher, mit welchen Schwierigkeiten Neuankömmlinge zu kämpfen haben.Als großes Problem schildert die in Berlin ansässige Arbeitsvermittlerin die formalen Zugangsbeschränkungen. Jeden Tag erlebe sie „absurde Hürden“, sagt Belikova-Shoichet. Sie erzählt von einem jungen Mann aus Mariupol, der von Beruf Schiffsführer ist und einen internationalen Seemannspass hat. Schiffsführer würden in der Sommersaison von Berliner Reedereien dringend gesucht. Das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Spree-Havel habe ihn jedoch nur als Decksmann anerkannt. Decksmänner stelle jedoch keiner ein. Also arbeite der Mann nun als Lagerist.Mehr als über diese Zugangsbarrieren ist die deutsche Debatte über die Ukraine aber von den Sozialleistungen geprägt. Migrationsforscher Thränhardt sieht in der Grundsicherung ebenfalls keinen Ausweg aus den Problemen der Arbeitsmarktintegration. „Arbeit ist ein ganz zentraler Zugang, der Anerkennung bringt“, sagt er. Sie sei auch der Schlüssel für die Zeit nach der vorübergehenden Aufnahme. Die wird nach einer Einigung der EU-Kommission mit den Mitgliedstaaten am Mittwoch noch einmal bis 2028 verlängert.