PfadnavigationHomeRegionalesNordrhein-WestfalenArtikeltyp:MeinungZukunft der FamilieWarum die Familienpolitik die eigentlichen Probleme ausblendetStand: 10:00 UhrLesedauer: 5 MinutenQuelle: Getty Images/Tom WernerHeterosexuelle Ehe und traditionelle Aufgabenverteilung dominieren nach wie vor das Familienleben. Die Kinderzahl schrumpft. Im einwohnerstärksten Bundesland zeigt sich, wie wir wirklich leben. Doch die Politik versteckt das hinter Vielfalts-Rhetorik.Ist das alles schön bunt und vielfältig! Wenn wir jetzt auch noch mehr Kita-Betreuer, höheres Wohngeld und weniger Machos hätten – dann wäre es so richtig heimelig für die Familien. In etwa dieser Tenor prägt die bundesdeutsche Berichterstattung über Familienpolitik. Und das ist verheerend. Denn diese Vielfalts-Hymnen und Mehr-Geld-Parolen verdecken ebenso geschichtsmächtige wie konfliktreiche Entwicklungen. Und diese werden sich kaum so leicht entschärfen lassen, wie uns das die obige Schlagwort-Sammlung vorgaukelt. Hilfe, wir schrumpfen und schrumpfen!Einen aktuellen Beleg dafür liefert der Familienbericht NRW, eine umfangreiche Datensammlung, die nur alle zehn Jahre erhoben wird. Ihn legte die grüne NRW-Familienministerin Verena Schäffer vergangene Woche vor. Das heißt – nein, nicht der Bericht selbst belegt diesen grün-roten Grundton, sondern seine Präsentation durch die Ministerin. Lesen Sie auchSo weist der Familienbericht auf einen demografischen Sturzflug hin: 2024 lebten in NRW 1,79 Millionen Familien mit minderjährigen Kindern. Vor 30 Jahren waren es noch zwei Millionen. Und die Fertilitätsrate sank binnen weniger Jahre von 1,62 auf 1,38 Kinder pro Frau (also um rund 15 Prozent). Damit fällt sie immer deutlicher unter das Bestandserhaltungsniveau von rund 2,1 Kindern pro Frau. Würde unsere Wirtschaft um eine vergleichbare Rate schrumpfen, gäbe es Krisengipfel und Sonderprogramme. Aber bei unserem Nachwuchs – alles halb so wild? Dabei entscheidet die Zahl der Kinder langfristig nicht nur über Arbeit, Rente, Schulen und Infrastruktur, sondern letztlich über die Vitalität und Identität unseres Landes. Wir bräuchten also einen ministeriellen Warnruf: Hilfe, wir schrumpfen und schrumpfen!Mehr Betreuer, mehr Wohngeld – ein Machbarkeits-MärchenStattdessen empfehlen Grüne, SPD und teilweise die Union eine allzu schlichte Antwort auf diesen säkularen Trend: mehr Wohngeld, mehr Kita-Betreuer, dann wird das schon. Damit aber wird unsere Aufmerksamkeit auf – demografisch betrachtet – Zweitrangiges abgelenkt. Und letztlich auf ein wohlklingendes Machbarkeits-Märchen. Ja, stimmt: Kita-Betreuung ist in vielen Bundesländern für Eltern eine Zumutung. Und ja, stimmt: Wer dauerhaft mit finanziellen Sorgen lebt, bekommt laut Studien weniger Kinder (und umgekehrt).Aber: Nach allen vorliegenden Daten ist es unmöglich, den Einbruch der Geburtenrate durch ökonomische Anreize und außerfamiliäre Betreuung zu stoppen. Allenfalls lässt er sich dadurch verlangsamen. Denn: Frauen wollen überhaupt nicht so viele Kinder haben, wie nötig wären, um das kollektive Schrumpfen zu beenden. Die Anzahl gewünschter Kinder pro Frau liegt in Deutschland bei 1,76 (Männer wünschen sich im Schnitt noch weniger Kinder). Nötig wären mindestens 2,1. Gleichwohl ist nichts an dem Bemühen um bessere Kitas verwerflich. Es führt nur nicht zu bestandserhaltenden Fertilitätsraten. Heterosexuell und verheiratet – ein ungeschlagenes ErfolgsmodellIn die Irre führt auch ein weiterer Dauerslogan rot-grüner Familienpolitik. Demnach werden Familien „immer vielfältiger“ und regenbogenfarbiger. Seit mittlerweile 35 Jahren erzählen Grüne und SPD uns das. Und tatsächlich: Alle paar Jahre sinkt die Zahl der Familien mit verheirateten heterosexuellen Eltern um wenige Prozent, während die Zahl sonstiger Familienformen um ebenso viele Prozent steigt. Doch nach all den Jahren, in denen das Augenmerk stets auf diese Minderheit gelegt wurde, steht die Frage im Raum: Stellt das Immer-vielfältiger-Gejubel die Verhältnisse nicht auf den Kopf? Müsste es nicht eher heißen: „Heterosexuelle verheiratete Eltern bleiben das ungeschlagene Erfolgsmodell“? Lesen Sie auchLaut Familienbericht bestehen immerhin 73 Prozent der Familien mit minderjährigen Kindern aus solchen verheirateten Paaren. Und die restlichen 27 Prozent sind mitnichten regenbogenbunt. Nur 11.000 gleichgeschlechtliche Paare befinden sich unter den 1,79 Millionen Familien mit minderjährigen Kindern – nicht einmal ein Prozent. Das ist kein Grund, dieser winzigen Minderheit den Respekt zu versagen. Nur sollte man sie nicht marktschreierisch zu „dem Trend“ hochjubeln.Unsere Zukunft hat Migrationsgeschichte – zu 50 ProzentNicht weniger beeindruckend wirkt ein weiterer historischer Prozess, der mit dem Begriff „bunt“ allzu knapp gekleidet ist: Fast jede zweite Familie mit minderjährigen Kindern hat laut Bericht Migrationshintergrund. Wo Kinder leben, sprich: wo unsere Zukunft liegt, hat die Hälfte ausländische Wurzeln. In der Gesamtbevölkerung gilt das nur für 31 Prozent. Der Blick auf die Familien verweist also auf dringliche Aufgaben: Wie sichert man in einer derart bunten Bevölkerung Verbundenheit mit unserem Land? Was eint diese Vielfalt? Was von unserer tradierten Kultur lässt sich noch weitergeben? Dass „bunt“ anregend sein kann, reicht als Antwort nicht aus.Lesen Sie auchEinfach nicht lassen können Grüne auch davon, sich in private Lebensentwürfe einzumischen – wie ja die gesamte Familienpolitik seit gut 20 Jahren versucht, Eltern mit finanziellen Anreizen dafür zu gewinnen, dass Väter weniger und Mütter mehr arbeiten. Doch die staatlichen Elternerzieher kommen einfach nicht ans Ziel. 91 Prozent der Väter, aber nur 73 Prozent der Mütter sind erwerbstätig. In 45 Prozent arbeitet nur der Vater Vollzeit, die Mutter Teilzeit. Und noch immer leisten Mütter weit mehr Hausarbeit. Für die Ministerin Grund genug, in deren Lebensgestaltung einzugreifen: „Ich möchte Väter ermuntern, die Hälfte der Hausarbeit zu tragen“, appellierte Schäffer. Und verwies auf finanzielle Nachteile für jene Mütter, die weniger Zeit in den Beruf stecken. Wie wär's mit treuen, stabilen Beziehungen?Die Frage grenzt ans Ketzerische, aber könnte Politik nicht einfach mal respektieren, dass Paare ihr Leben selbst gestalten? Vielleicht steckt hinter einer (trotz all des Gegenwindes) so beständigen Rollenverteilung manchmal ja reifliche Überlegung? Natürlich darf der Elternteil, der überwiegend die „Care-Arbeit“ leistet, nicht mit Altersarmut bestraft werden. Aber das ließe sich auch verhindern, ohne Eltern ein unerwünschtes Lebensmodell aufzunötigen – etwa durch Betreuungsgeld. Lesen Sie auchWenn sich die Ministerin aber so gerne in Privates einmischt, wollen wir ihr einen Tipp geben, zu wessen Gunsten sie wirklich mal intervenieren könnte: zugunsten von Alleinerziehenden und ihren Kindern. Sie leiden am stärksten unter Armut. Zugleich profitieren Kinder laut Forschung immens davon, mit zwei Elternteilen aufzuwachsen. Wie wäre es also mit einem Appell wie diesem: „Um Kinder zu schützen und Armut zu bekämpfen, müssen wir endlich über treue, stabile Beziehungen sprechen!“