PfadnavigationHomeRegionalesNordrhein-WestfalenArtikeltyp:MeinungDemografische EntwicklungDeutsch, verwöhnt, unfruchtbar?Veröffentlicht am 24.04.2026Lesedauer: 7 MinutenZu wenig für Deutschlands Zukunft: Aktuell werden hierzulande nur 1,35 Kinder pro Frau geboren. Dafür gibt es vor allem einen Grund: Wir wollen zumeist nicht mehr.Quelle: Waltraud Grubitzsch/dpa-Zentralbild/picture alliance; Montage: Infografik WELTDie deutsche Bevölkerung schrumpft – und die Politik antwortet darauf mit Kitaplätzen und flexiblerer Arbeitszeit. Den säkularen demografischen Prozess wird das nicht stoppen. Dafür wäre etwas nötig, das sich viel schwerer erreichen lässt: ein partieller Abschied vom individualistischen Lebensstil.Ganze 1,35 Kinder pro Frau wurden 2024 in Deutschland geboren. Seit bald anderthalb Jahrzehnten war das die niedrigste Geburtenrate im Land. Unterscheidet man zwischen deutschen und ausländischen Müttern, kommt man sogar nur auf 1,23 Kinder bei den deutschen und 1,84 Kinder bei den ausländischen Müttern. Und blickte man auch noch gesondert auf deutsche Mütter mit und ohne Zuwanderungsgeschichte, kämen die Alteingesessenen nicht einmal mehr auf ein Kind pro Frau. Je deutscher, desto kinderloser. Deutsch macht anscheinend unfruchtbar. In Bund und Ländern werkelt die Politik seit 20 Jahren an einer Antwort auf diesen Zusammenhang. Diese Woche zum Beispiel trafen sich im Landtag NRW Experten und Politik zur Frage, wie man Familie und Beruf besser vereinbaren könne, denn, wie der zugrundeliegende Antrag konstatierte: „Angesichts der Rahmenbedingungen dürfen niedrige Geburtenraten nicht überraschen“. Die meisten „Experten“ (genau genommen eher Vertreter von Interessengruppen) stimmten dem zu. Sie wollen vor allem Frauen früher und länger von der Familie lösen und für den Arbeitsmarkt gewinnen. Zu dem Zweck müssten Kita, Offene Ganztagsschule (OGS), flexible Arbeitszeit und finanzielle Hilfen weiter ausgebaut werden. Angesichts des Fachkräftemangels werde dies wirtschaftliche Leistungskraft erhalten, Frauen Selbstbestimmung ermöglichen und irgendwie zu mehr Kindern führen. Also: Alles wie immer.Bereit, von unserem Denk-an-dich-Wohlstand zu opfern?Welch Irreführung! Nach allen vorliegenden Daten ist es unmöglich, den Einbruch der Geburtenraten durch ökonomische Anreize und außerfamiliäre Betreuung zu stoppen. Allenfalls lässt er sich dadurch verlangsamen. Das heißt: Der säkulare Trend des Schrumpfens und Mutierens unserer Bevölkerung geht weiter — während unsere Aufmerksamkeit auf demografisch gesehen Sekundäres abgelenkt wird: auf Kita, OGS & Co (und nebenbei: Mancherorts stehen Kitas bereits wieder leer). Der entscheidenden Frage, die uns der demografische Trend stellt, weichen wir aus: Sind wir bereit, ein Stück unseres individualistischen Denk-an-dich-Wohlstands zu opfern, um wieder ein Land mit Zukunft zu werden? Zugegeben, das klingt schroff. Und klar: Nichts an den Bemühungen um mehr Vereinbarkeit und Geld für Familien ist verwerflich. Es führt nur nicht zur bestandserhaltenden Geburtenrate – also zu so vielen Kindern, dass die Bevölkerung aus eigener Kraft stabil bleibt. Die Deutschen wollen zu wenig Kinder, um zu überlebenManch informierter Skeptiker mag entgegnen, Vergleichsstudien zeigten doch, dass gute Kinderbetreuung und finanzielle Transfers den sogenannten „fertility gap“ (die Diskrepanz zwischen Anzahl gewünschter und Anzahl geborener Kinder) verkleinerten. Das stimmt. Der Haken ist nur: Die Anzahl gewünschter Kinder pro Frau liegt in Deutschland bei 1,76 (bei Männern noch niedriger). Selbst wenn also alle Frauen so viele Kinder bekämen wie sie wünschen, wären das zu wenige, um den kollektiven Schrumpfprozess zu stoppen. Dafür müssten sie mindestens 2,1 Kinder pro Frau gebären. Das Ziel, den „fertility gap“ aufzulösen, ist ungenügend. Die Deutschen wollen einfach zu wenige Kinder haben – abgesehen davon, dass selbst dieses bescheidene 1,76-Kinder-Ziel klar verfehlt wird. Das Sozialtechniker-Basteln reicht nicht ausNatürlich, der Ausbau außerfamiliärer Kinderbetreuung erleichtert es Eltern, einer Arbeit nachzugehen. Nur wird ihr Effekt überschätzt. Das belegt die Geburtenrate hierzulande, die seit 20 Jahren zwischen 1,3 und 1,5 Kindern pro Frau dümpelt (Ausnahme: rund um das Rekordzuwanderungsjahr 2015) – obwohl in den vergangenen zwei Jahrzehnten so viel Geld in Kinderbetreuung und Familienhilfe gepumpt wurde wie nie zuvor. Ähnliches belegt der Blick nach Europa: Kein Land erreicht dort die 2,1-Marke. Auch nicht Frankreich (1,6), das bereits seit einem halben Jahrhundert seine viel gerühmte Kinderbetreuung anbietet. Und noch weniger die skandinavischen Länder (1,2 bis 1,6), obgleich sie jungen Familien mit hervorragender Betreuung und enormen Finanzspritzen unter die Arme greifen. Noch aus einem anderen Grund reicht das Sozialtechniker-Basteln an Kita, OGS und Elterngeld nicht aus, um die 2,1-Latte zu überspringen: weil es keinen Partner, keinen Bund fürs Leben, keine Durch-dick-und-dünn-Beziehung schafft. Genau da liegt aber ein zentrales Problem. Was vor allem Frauen oft von der Realisierung ihres Kinderwunschs abhält, sind laut Studien instabile oder fehlende Partnerschaften. Weil Politik an der Stelle ohnmächtig ist, geht sie über dieses Hindernis meist stillschweigend hinweg. Könnte ja am Mythos der Machbarkeit kratzen.Wir sind verwöhnter als jede frühere GenerationDie Grenzen ihrer Möglichkeiten werden der Politik auch durch einen weiteren Befund vorgeführt: Es stimmt zwar, dass wirtschaftliche Unsicherheit Kinderwünsche tendenziell dämpft. Aber: Was unter wirtschaftlicher Unsicherheit verstanden wird, unterliegt stetigem Wandel. Offenkundig ist unsere Erwachsenen-Generation materiell weit anspruchsvoller, man könnte auch sagen verwöhnter, als jede frühere (was natürlich nicht für ungewollt Kinderlose gilt). Nie war hierzulande die materielle Absicherung gegen Lebensrisiken besser – trotzdem lamentieren heutige Gebärfähige über finanzielle Unwägbarkeiten, die dem Kinderwunsch im Wege stünden.Wären unsere Großeltern und Urgroßeltern derart sensitiv (oder wehleidig?) gewesen, hätten sie zwischen Kriegen und Weltkriegen, zwischen Wirtschaftskrisen und existenzieller Armut niemals Kinder geboren, denn verhüten konnte man auch schon vor der Pille. Und wie um alles in der Welt kommen dann eigentlich die Milliarden im globalen Süden, in den Armuts- und Kriegsregionen der Welt an ihre Kinderscharen? Wenn die materielle Situation im heutigen Westen ein Argument für irgend etwas sein sollte, dann für das Kinderkriegen.Familie verlangt immer Opfer – dabei wird es bleibenTheoretisch könnte der deutsche Staat zwar die elterlichen Gesamtkosten bis zum 18. Geburtstag eines Kindes übernehmen (nach Abzug des Kindergeldes sind das laut Berechnungen rund 230.000 Euro). Das würde manche Verarmungsparanoia deutscher Wohlstandskinder wohl besänftigen. Allerdings wäre dann auch bald der Staatshaushalt ruiniert. Denn 230.000 Euro für aktuell rund 680.000 Neugeborene pro Jahrgang – das wären bei zehn Jahrgängen 1,5 Billionen Euro.Lesen Sie auchNein, materielle Opfer kann der Staat den Familien nicht gänzlich ersparen. Um im Durchschnitt wieder bei mindestens 2,1 Kindern pro Frau zu landen, wäre also vor allem eines nötig: Die Deutschen müssten ihre Prioritäten, ihre Lebensentwürfe überdenken. Das belegen auch die absichtlich Kinderlosen, laut Studien 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung. Sie sagen offen, was sie von Nachwuchs abhält: Durch Kinder sehen sie ihre Wünsche nach Selbstentfaltung, Freizeit, Ungebundenheit allzu stark eingeschränkt. Nicht wegen schlechter Kita-Öffnungszeiten oder weniger Geld, sondern weil Familie immer Opfer verlangt. Wer pflegt gealterte kinderlose Hedonisten?Lassen wir uns von sozialtechnischen Verheißungen nicht einnebeln: Weite Teile der Gebärfähigen müssten erst zu einer neuen Entschlossenheit zugunsten der Familie zurückfinden – dann, aber auch erst dann, ließe sich alles andere regeln. Doch in unseren Breiten findet sich solch eine Einstellung überwiegend bei traditionell-konservativen und religiösen Bevölkerungsminderheiten. Deren Lebensentwürfen steht die deutsche Mehrheitsgesellschaft eher fern. Manche wagen es gar, diese überlebensnotwendige Familienfreundlichkeit der Traditionellen und Religiösen als rückständig zu verlachen. Auch hier gilt es, endlich klarzusehen.Unser Land ist zunehmend abhängig von genau solchen Minderheiten, seien es russlanddeutsche Evangelikale oder arabischstämmige Muslime. Längst kalkuliert die Bundesrepublik die Kinder-Dividende dieser Bevölkerungsgruppen fest mit ein. Irgendwer muss ja auch morgen noch Konsumnachfrage schaffen, Städte bevölkern und kinderlos gealterte Hedonisten im Heim füttern. Dafür aber muss irgendwer die gigantische Investition an Geld, Zeit und Lebenskraft namens Familiengründung auf sich nehmen – damit auch all jene zurechtkommen, die sich um diese Investition gedrückt haben.„Parasitäre“ Alteingesessene?Der Gesellschaftsdenker Meinhard Miegel nannte diese Erwartungshaltung der (oft alteingesessenen) Kinderarmen an die (oft zugewanderten) Kinderreichen übrigens „parasitär“. Und potenziell gefährlich. Eines Tages könnten die Kinderreichen dieses Parasiten-Urteil nämlich den Kinderarmen um die Ohren hauen – frei nach Brecht: Wär‘ ich nicht selbstlos, wärst du nicht selbstisch. Migrantisch, religiös, kinderreich gegen alteingesessen, gottlos, kinderarm – diese Frontziehung hätte sich gewaschen. Ausgerechnet den Kinderarmen bleibt da nur eine Hoffnung: dass Kinderreiche trotz Stress, Sorgen und schlaflosen Nächten viel zu überzeugt sind vom Wert des Familienlebens, um Kinderarmen daraus einen Strick zu drehen.
Demografische Entwicklung: Deutsch, verwöhnt, unfruchtbar? - WELT
Die deutsche Bevölkerung schrumpft – und die Politik antwortet darauf mit Kitaplätzen und flexiblerer Arbeitszeit. Den säkularen demografischen Prozess wird das nicht stoppen. Dafür wäre etwas nötig, das sich viel schwerer erreichen lässt: ein partieller Abschied vom individualistischen Lebensstil.








