PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT2016Brexit-Gegner wähnten sich in Sicherheit – dann kam der große SchockStand: 17.07.2026Lesedauer: 5 MinutenBoris Johnson bei einer Pro-Brexit-Tour im Mai 2016Quelle: picture alliance/dpa/StrAm Abend des Brexit-Referendums 2016 waren sich Buchmacher sicher: Großbritannien werde in der EU bleiben. Doch es kam anders. Das lag auch am Charisma der Brexiteers Boris Johnson und Nigel Farage. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Bei britischen Buchmachern kann man auf beinahe alles wetten, was sich auf der Welt ereignet. Deshalb nehmen Journalisten ihre Quoten gern als Orakel her. Am 23. Juni 2016 waren mehr als 46 Millionen Briten aufgerufen, zu entscheiden: In der EU bleiben oder sie verlassen? Die Zahlen der Buchmacher ließen an Deutlichkeit keine Wünsche offen. Sie taxierten die Siegchancen der EU-Befürworter auf 86 Prozent. Damit sagten sie dem Lager um Nigel Farage und Boris Johnson eine krachende Niederlage voraus.Die Überraschung am nächsten Morgen war riesig – nicht nur für die Leute aus dem Wettgeschäft. Mit 51,9 Prozent zu 48,1 Prozent der Stimmen hatten die EU-Gegner gewonnen. Knapp zwar, aber das fiel nicht ins Gewicht. Der Konservative Boris Johnson, dessen Charisma als Londoner Bürgermeister auch politische Opponenten beeindruckte, wirkte wenig sortiert: Die Kontakte zum Kontinent werde man weiter pflegen und die Jugend werde dort Universitäten besuchen, sagte der Mann im stets unmöglich sitzenden Anzug. Lesen Sie auchProfessioneller war da sein Kollege von der populistischen UKIP-Partei. Über Monate hatte deren Chef Nigel Farage die Brüsseler Bürokratie für alles verantwortlich gemacht, was auf der Insel schief lief. Er verhöhnte die Idee eines Staatenbunds und bepöbelte dessen Repräsentanten. Um den Briten ein besonders verlockendes Angebot zu machen, fuhr ein roter Bus durchs Land. Auf dem stand: „Lasst uns die 350 Millionen Pfund, die wir jede Woche an die EU zahlen, in unser Gesundheitssystem stecken.“ Als das Ergebnis feststand, gab Farage ein TV-Interview. Auf die Nachfrage, was aus diesem Vorhaben werde, antwortete er froh gemut: Das sei selbstverständlich nicht wörtlich zu nehmen, dazu werde es nicht kommen. „Nebel über dem Ärmelkanal – Kontinent abgeschnitten.“ Diese Meldung war ab dem 19. Jahrhundert häufiger in britischen Zeitungen zu lesen; sie charakterisiert sehr gut das Verhältnis vieler Bürger des Vereinigten Königreichs zu den Bewohnern des Festlands. Eine rein europäische Identität hatten die Insularen nie ausgebildet, und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein waren die Kontinentalmächte Konkurrenten für das Empire. Nach dem Zweiten Weltkrieg war vor allem das Verhältnis zur Bundesrepublik schwierig: Gewonnen hatten die Briten, allerdings sich dafür so verausgabt, dass sie ihre Kolonien verloren und es noch Marken für Lebensmittel gab, als die Westdeutschen längst ihr Wirtschaftswunder feierten. Dazu war die Bundesrepublik schnell Partner der USA im Kalten Krieg und trieb die Versöhnung mit Frankreich voran. Die Montanunion mehrerer Länder auf dem Festland, die daraus entstand, gilt als Keimzelle der heutigen Europäischen Union. 1973 traten die Briten der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) bei, 1975 stimmten 67,2 Prozent für einen Verbleib; eine Herzensangelegenheit war das damaligen Beobachtern zufolge keineswegs. Man versprach sich Zugang zu wichtigen Märkten. Der Weg zum Referendum von 2016 begann 2013. Da hielt der konservative Premierminister David Cameron eine Rede über das Verhältnis seines Landes zur EU. Einerseits lobte er den Staatenbund als Friedens- und Wohlstandsprojekt, andererseits sagte er, die Zustimmung sei auf der Insel nur noch „hauchdünn“. Deshalb wollte Cameron eine Neuverhandlung der Bedingungen für sein Land und danach ein Referendum. Nach dem Wahlsieg der Tories 2015 konnte der Premier sein Vorhaben umsetzen. Nun legte er sich fest: Großbritannien sei in einer reformierten Europäischen Union „safer, stronger and better off“. Für einen Verantwortlichen der Konservativen waren das ungewöhnliche Worte, über die Europa-Frage stritten die Tories seit dem Beitritt. Camerons Kalkül war simpel: Im eigenen Lager gab es EU-Befürworter, Labour und die Liberal Democrats waren als politische Linke ohnehin eher auf EU-Kurs. Nach einem klaren Referendum für Europa hätte Cameron in der eigenen Partei freie Bahn gehabt.Mehr von WELT in der Google-Suche: WELT als Medium bevorzugenDoch der Premier verschätzte sich. Er hatte Labour nicht genau genug dafür beobachtet, um die Stimmen zu erkennen, die Brüssel als Ort des internationalen Finanzkapitalismus geißelten. Er konnte sich auch nicht vorstellen, wie stark Boris Johnsons und Nigel Farages Charisma die Briten beeinflussen würde. Darüber hinaus sah er die Rolle nicht voraus, die vor allem die Boulevardpresse spielen sollte: Medien wie „The Sun“ oder „The Daily Star“ schufen mit Schlagzeilen wie „Beleave in Britain“ ein Klima, in dem viele Briten Warnungen seriöser Experten vor einem wirtschaftlichen Niedergang kaum mehr hörten.Im Kampf der Meinungen ging vor der Abstimmung teilweise auch unter, dass das Referendum einen Konstruktionsfehler hatte. Klar war, wie es weitergehen würde, wenn Großbritannien in der EU bliebe. Was aber nach einem Austritt geschehen sollte, wusste niemand. Es lagen keine Informationen über die Bedingungen vor, die die Briten verhandeln könnten oder nicht. Damit war das Brexit-Lager dazu in der Lage, alles und nichts zu versprechen und ansonsten mit Boris Johnson dazu aufzurufen, den Tag des Referendums zum „Independence Day“ zu machen.Nach dem Sieg der Brexiteers herrschte Einigkeit bei den Wahlanalysten: Die Prognose, dass das Remain-Lager deutlich gewinnen würde, habe dazu geführt, dass die EU-Befürworter sich zu sicher waren und zu viele von ihnen nicht teilgenommen hätten. Cameron trat zurück. Eine beliebte Figur, nämlich der Ex-Nationalstürmer und BBC-Sportmoderator Gary Lineker, sagte, das Referendum müsse wiederholt werden – die EU-Gegner hätten zu viele falsche Informationen verbreitet. Aber das brachte ihm nur Ärger mit seinem Arbeitgeber ein. Am Ende hatten die Engländer und die Waliser für den Austritt gestimmt, die Schotten und Nordiren wollten bleiben. Brexiteers fanden sich generell eher unter älteren Menschen in ländlichen Regionen; ein Indiz dafür, wie gespalten die britische Gesellschaft war. Es folgten quälende Verhandlungen und diverse Wechsel an der Spitze der Regierung, bis das Vereinigte Königreich am 31. Januar 2020 offiziell die EU verließ. Derzeit ist die Labour-Partei an der Regierung. Sie versucht, das Land wieder eng an die EU heranzuführen – viele Warnungen der Experten von vor dem Referendum sind Wirklichkeit geworden. Übrigens: Seit dem Brexit ist das britische Bruttoinlandsprodukt um sechs bis acht Prozent weniger stark gewachsen als erwartet.Als gebürtiger Hannoveraner ist Philip Cassier anglophil bis ins Mark. Deshalb würde er sich freuen, wenn die EU und das UK wieder besser zueinanderfinden.