GastkommentarPhilipp Bachmann und Diana IngenhoffWer Elon Musk verstehen will, sollte Ayn Rand lesenMit dem Börsengang von SpaceX wird Elon Musk zum ersten Billionär der Geschichte. Wer verstehen will, was diesen Mann antreibt, sollte auf seinen Umgang mit Twitter schauen – und eine Schriftstellerin lesen, die 1982 gestorben ist.16.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenMusks Konzern SpaceX dominiert bereits den Zugang zum All.Manuel Orbegozo / ReutersWer im Jahr 2023 der Pressestelle von Twitter eine Medienanfrage schickte, erhielt eine automatische Antwort. Sie bestand nicht aus Worten, sondern aus einem einzigen Emoticon: einem Kothaufen. Ausgeheckt hatte das der neue Eigentümer der Plattform höchstpersönlich: Elon Musk. Als die Sache für Aufsehen sorgte, spottete er, man werde die Kothaufen-Antwort demnächst durch eine Endlosschleife ersetzen: «We will get back to you soon.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Rund drei Jahre später hat derselbe Mann an der Nasdaq die Glocke geläutet. SpaceX, sein Raketen- und KI-Konzern, nahm beim grössten Börsengang aller Zeiten so viel Geld ein, dass Elon Musk als der erste Billionär gilt, den die Welt je gesehen hat. Zwei Szenen, ein Mann. Unsere These: SpaceX zeigt Musks aussergewöhnlichen Erfolg. Sein Umgang mit Twitter offenbart die Ideen, die ihn leiten. Und wer diese verstehen will, kommt an der 1905 in Sankt Petersburg geborenen und 1982 in New York verstorbenen russisch-amerikanischen Bestsellerautorin Ayn Rand nicht vorbei.Das Rätsel des kindischen BillionärsZwar hat Elon Musk vor einigen Jahren selber öffentlich gemacht, dass er am Asperger-Syndrom leide, einer Form von Autismus. Sein eigenwilliges Verhalten wird denn auch oft damit in Verbindung gebracht. Dennoch könnte das Kothaufen-Emoji auch Ausdruck einer moralphilosophischen Haltung sein.Nach der Übernahme von Twitter, das seither X heisst, baute Musk die Inhaltsmoderation radikal ab, worauf es zu einer Zunahme an Hassrede kam. Werbekunden zogen sich aus Sorge um ihre Marken zurück. Als ihn der Journalist Andrew Ross Sorkin Ende 2023 am DealBook-Gipfel der «New York Times» auf diesen Exodus ansprach, richtete Musk vor laufenden Kameras eine Botschaft an die ehemaligen Werbekunden: «Go fuck yourself.» Er wiederholte den Satz und verknappte ihn schliesslich zum Akronym: «GFY».Wie soll man solch exzentrisches, ja kindliches Verhalten deuten? Als kalkulierte Provokation? Dafür sind die Kosten zu real. Schlichtes Führungsversagen? Managementtheorien lehren seit Jahrzehnten, dass Unternehmen auf das Vertrauen ihrer Kunden, Mitarbeitenden, Investoren und der Öffentlichkeit angewiesen sind. Gemessen daran hätte Musks Gebaren ruinös sein müssen – bei X war es das in Teilen auch. Und doch steht am Ende dieser Geschichte kein Gescheiterter, sondern der reichste Mensch aller Zeiten. Was wie Trotz wirkt, ist Weltanschauung.Helden, die niemandem dienenDie Quelle dieses Prinzips ist eine Philosophie, die in Europa oft belächelt wurde, in den USA jedoch enorm einflussreich ist: der Objektivismus der eingangs erwähnten russisch-amerikanischen Schriftstellerin Ayn Rand. Im Zentrum stehen drei Ideen. Erstens die gefühlskalte Vernunft: Gefühle, so Rand, seien keine Werkzeuge der Erkenntnis. Zweitens ein radikaler Individualismus, der das eigene Glück zum höchsten moralischen Zweck erhebt und den Altruismus verwirft, weil er den Menschen zum «Opfertier» mache. Drittens ein kompromissloser Laissez-faire-Kapitalismus, der staatliche Eingriffe in die Wirtschaft als Bedrohung individueller Freiheit betrachtet.Ihre Wirkung verdankt Rand jedoch weniger ihren philosophischen Schriften als ihren Romanen und deren Verfilmungen. In «The Fountainhead» (1943) sprengt der Architekt Howard Roark einen nach seinen Plänen im Bau befindlichen Wohnkomplex, den von den Geldgebern hinzugezogene mittelmässige Architekten gegen die Abmachung verändert haben, lieber in die Luft, als den fremden Eingriff zu dulden. Vor Gericht erklärt er, der Schöpfer stehe allein gegen seine Zeit, er diene nichts und niemandem, er lebe für sich selbst – und treibe gerade dadurch die Zivilisation voran.Ayn Rand (1943)PDIn «Atlas Shrugged» (1957) führt John Galt die Produktiven in den Streik: Die schöpferischen Köpfe entziehen sich einer Gesellschaft, die ihnen mit Regulierung, Undank und Neid begegnet, und überlassen sie ihrem Niedergang. In einer vielzitierten amerikanischen Leserumfrage von 1991 rangierte «Atlas Shrugged» als einflussreichstes Buch gleich hinter der Bibel.Vor diesem Hintergrund verlieren Musks Auftritte ihre Rätselhaftigkeit: Sie erscheinen als Reinszenierungen von Ayn Rands Helden. Das «Go fuck yourself» an die Werbekunden ist Roarks Sprengung, übertragen auf die eigene Kommunikationsplattform: Lieber beschädigt der Schöpfer sein Werk, als sich fremden Ansprüchen zu beugen. Dass ihn diese Geste Umsatz kostete, spricht nicht gegen diese Lesart, sondern für sie – auch Roark zerstörte sein eigenes Gebäude.Wenn Musk bei Joe Rogan, dem meistgehörten Podcaster der Welt, die Empathie zum «bug» der westlichen Zivilisation erklärt – zum «empathy exploit», der geradewegs in den zivilisatorischen Suizid führe –, wiederholt er Rands Verdikt über den Altruismus, der die Leistungsträger opfere und am Ende niemandem nütze. Bisweilen wird das Bekenntnis sogar explizit. Als ein Nutzer twitterte, allein Ayn Rand habe erkannt, dass der Neid auf die Exzellenten das eigentliche Übel der Gesellschaft sei, antwortete Musk knapp: Rand hatte recht.Kritik gilt in diesem Denken nicht als Anlass zur Selbstprüfung, sondern als Neid der Mittelmässigen – und damit als Bestätigung des eigenen Genies. Eine verführerische Erzählung für eine Branche, die sich, wie der Literaturwissenschafter Adrian Daub gezeigt hat, seit langem um den Mythos des missverstandenen Genies organisiert. Das Kothaufen-Emoji für Journalisten und das «Go fuck yourself» an die Werbekunden erscheinen vor diesem Hintergrund nicht als Ausrutscher. Sie folgen derselben Logik: Der Schöpfer schuldet der Welt weder Höflichkeit noch Rechtfertigung.Ideologie als InfrastrukturMan könnte das alles für die Obsession eines exzentrischen Mannes halten, wäre sie nicht längst in die Architektur von X und Grok eingebaut. Unter Elon Musk gilt auf X die Formel «freedom of speech, not freedom of reach»: Jeder darf reden, doch niemand hat Anspruch auf Verstärkung. Das ist beinahe wörtlich Rand, die 1964 schrieb, das Recht auf freie Rede schütze vor staatlicher Unterdrückung, verpflichte aber niemanden, dem Sprecher «einen Hörsaal, einen Radiosender oder eine Druckerpresse» bereitzustellen.Was bei ihr ein Argument gegen den Staat war, wird auf der Plattform zur Rechtfertigung des Eigentümers, Sichtbarkeit nach eigenem Ermessen zu gewähren oder zu entziehen.Peter Thiel, Steve Jobs und Travis Kalanick: Musk ist nur der sichtbarste Vertreter einer langen Reihe bekennender Rand-Bewunderer in der Tech-Branche. Alan Greenspan, der frühere Notenbankchef, gehörte einst zu Rands engstem Zirkel. Der Medientheoretiker Douglas Rushkoff spricht von «Ayn-Rand-Phantasien», die es Tech-Eliten erlaubten, sich als schöpferische Ausnahmen von Regeln und Verpflichtungen zu begreifen.Hier kollidieren zwei Wertesysteme frontal. Das eine – die Welt der Lehrbücher – begreift Unternehmen als eingebettet in Beziehungen; Legitimität und langfristiger Erfolg entstehen aus Dialog und Verantwortung. Das andere begreift das Unternehmen als Insel des Schöpfers: sich selbst genügend, nur den eigenen Zielen verpflichtet, jeder fremde Anspruch ein Übergriff.Musks Verachtung für Journalisten, Mitarbeitende und Werbekunden ist kein Mangel an Ethik. Sie ist eine andere Ethik – eine, in der Verantwortung gegenüber anderen als illegitim gilt.Musk hat mit Twitter einen der wichtigsten Kommunikationsräume der Gegenwart übernommen und den Prinzipien dieser Philosophie unterworfen. Man kann darüber den Kopf schütteln. Doch das greift zu kurz. Eine der wichtigsten Kommunikationsplattformen der Welt – den KI-Dienst Grok eingeschlossen – nach Rands Idealen umzubauen, ist das eine. Mit dem Börsengang von SpaceX rückt nun eine Infrastruktur ganz anderer Ordnung hinzu: der Weltraum.Musks Konzern dominiert den Zugang zum All, ohne den selbst staatliche Raumfahrt kaum noch auskommt, und betreibt mit Starlink ein Satellitennetz, auf das inzwischen auch Armeen angewiesen sind. In einer Hand bündeln sich damit die Macht über Kommunikation, Kapital und kritische Infrastruktur.Die Welt starrt derweil auf das Vermögen des ersten Billionärs; in Rands Koordinaten bedarf er keiner Rechtfertigung, denn verdienter Reichtum gilt dort selbst als moralische Leistung. Die interessantere Frage lautet jedoch: Was bedeutet es, wenn nicht mehr nur zentrale Kommunikationsräume, sondern auch kritische Infrastrukturen unserer Zeit einem Wertesystem gehorchen, das fremde Ansprüche grundsätzlich unter Verdacht stellt?«Wer ist John Galt?», fragt Rands Roman wie ein Mantra. Die Antwort des Jahres 2026 ist beunruhigender als die Fiktion: Er hat sich nicht in ein verborgenes Tal zurückgezogen. Er kontrolliert Kommunikationsräume, Satellitennetze und den Zugang zum All.Philipp Bachmann ist Professor am Institut für Kommunikation und Marketing der Hochschule Luzern; Diana Ingenhoff ist Professorin für Kommunikationswissenschaft an der Universität Freiburg i. Ü. Ihre Studie «Ayn Rand and leadership in the tech industry: The Twitter takeover and the disdain for communication and stakeholder principles» ist soeben open-access im «Journal of Communication Management» erschienen.Passend zum Artikel