Der reichste Mensch der Welt wird heute, wenn seine Weltraumfirma SpaceX offiziell an der New Yorker Technologiebörse Nasdaq aufgenommen wird, wahrscheinlich zum ersten Billionär auf der Erde. Das ist eine Eins mit zwölf Nullen, vergleichbar mit dem Bruttoinlandsprodukt der Schweiz.Dass diese astronomischen Zahlen zunächst nur theoretisch sind und sich erst beweisen müssen, fällt bei dem aktuellen Gier-Irrsinn um den größten Börsengang aller Zeiten aber unter den Tisch. Wie so vieles im Leben von Elon Musk geht es hier vor allem um eines: eine gute Story. Der Mythos des spartanischen Lebens So ist auch der Zeitpunkt, den sich Musk ausgesucht hat, um sein Start-up an die Börse zu bringen, kein Zufall. Wenn sich Jupiter und Venus nahekommen, vereinigen sich laut Astrologie ihre Energien. Bedeutet: Liebe und Geld (Venus) treffen auf Wachstum und Erfolg (Jupiter). Ein tolles Bild, das sich Elon Musk, den man als erfolgreichsten Geschichtenerzähler der Welt bezeichnen kann, gerne zu eigen macht. Die Geschichten von Musk machen nämlich vor allem eines: Sie machen ihn reicher.Wie sieht das Leben des Mannes aus, der aus allem ein öffentlichkeitswirksames Drama macht? Will er prassenden Milliardären mit einer Yachten-Sammlung Konkurrenz machen oder bewegt er sich ohnehin in ganz anderen Sphären? Eine Musk-Statue am SpaceX-Testgelände in Brownsville, Texas. © Reuters/Joe Skipper Glaubt man seiner Mutter Maye Musk, dann lebt ihr Sohn ein geradezu bescheidenes Leben. So berichtet sie von einem Besuch in der Unterkunft von Elon Musk nahe der Raketenabschussrampe von SpaceX. Dieser habe sich für ihren Besuch nicht mal die Mühe gemacht, den Kühlschrank aufzufüllen. Spartanisch musste sie in der Garage des Hauses schlafen und bekam auch nur ein einzelnes Handtuch zur Nutzung.Spartanisch mutet auch der weitverbreitete Mythos an, Elon Musk würde auf den Büroböden seiner Firmen schlafen. Dieser bekam neues Futter, als Elon Büros bei X (ehemals Twitter) in Schlafzimmer für ihn und seine Mitarbeitenden umwandeln ließ. Musk bezeichnete sich lange als wohnungslos Musk selbst bezeichnete sich jahrelang als wohnungslos. Er sei nirgendwo gemeldet und sagte 2022 außerdem über sich, er sei ein Couchsurfer. Dem entgegen stehen allerdings Berichte, laut denen er in Austin, Texas mehrere Häuser gekauft haben soll, um daraus ein Anwesen für seine Kinder zu gestalten. Der Gesamtpreis soll jenseits von 35 Millionen US-Dollar liegen. Der sparsame und arbeitsame Billionär, der sich um seine Kinder kümmert? Vielleicht ein Bild, das für Musk am schwierigsten aufrechtzuerhalten ist. Laut Wall Street Journal zahlt er Schweigegelder an Mütter, monatliche Unterhaltszahlungen in sechsstelliger Höhe. Proteste gegen Elon Musk auf dem Times Square in New York. © imago/Starface Sein ältestes Kind Vivian Jenna Wilson, 22, stoppte den Kontakt mit ihm, nannte ihn ein „erbärmliches Mannskind“. Musk behauptete, sie sei vom „Woke Mind Virus“ befallen. Als trans Frau ist sie ein Model mit über einer Million Instagram-Followern. Nach offiziellen Angaben soll Elon Musk 14 Kinder haben. Auf die Frage, wie viele Geschwister sie habe, antwortete Vivian, sie wisse es nicht.Wenn sich Musk am öffentlichen Leben beteiligt, wird es oft prekär. Eine Zeit lang versuchte er, sich als Lebemann mit Coolness-Faktor zu positionieren. Seine unbeholfenen Auftritte auf der Met-Gala an der Seite der wirklich coolen kanadischen Sängerin Grimes oder seine wirren Tanzeinlagen und abgelesenen Reden als Tesla-CEO sind Belege dafür. „Geld gleich Macht“ – das hat er verstanden Dass Musk auch von der Gaming-Szene belächelt wird, ist ein weiteres weniger bekanntes Detail. Um Werbung für sein Satelliten-Startup Starlink zu machen, startete er aus seinem Privatjet (den er nur besitzt, um noch mehr arbeiten zu können) einen Gaming-Livestream. Doch die Community bekam schnell heraus, dass sein absurd erfolgreicher Charakter im Spiel gekauft war. Manche Dinge kann man dann eben doch nicht erwerben. Das bedeutet aber nicht, dass Elon Musk es nicht versucht. Die Gleichung „Geld gleich Macht“ hat er aber verstanden und perfektioniert. US-Präsident Donald Trump und Elon Musk (links) bei einem Raketenstart von SpaceX in Texas. © Reuters/Brandon Bell Twitter ist in dieser Hinsicht sein wohl bisher bestes Investment, auch wenn es ihn zwischenzeitlich zum Gespött der Wall Street machte. Erst einigte man sich auf einen Kaufpreis, dann folgte ein Kampf vor Gericht. Musk wollte aus dem Vertrag herauskommen, konnte aber nicht. Ein Richter entschied gegen ihn und er musste den Social-Media-Dienst weit über Wert kaufen. Für stolze 44 Milliarden US-Dollar war er nun Besitzer eines strauchelnden Medienunternehmens. Am Ende der Geschichte ist es jedoch das Asset, das Elon Musk in den Macht-Olymp befördert hat. Um Twitter zu übernehmen, ohne dabei pleitezugehen, überlegte Musk sich ein kompliziertes Geflecht aus Darlehen, Co-Investoren und Tesla-Aktienverkäufen. Die Co-Investoren, darunter auch reiche Freunde von Musk, steuerten rund 7,1 Milliarden US-Dollar bei. Musk bilanziert nicht in Dollar In der Folge entließ er Tausende Mitarbeiter, restrukturierte das Unternehmen und firmierte es um. Fortan hieß es X. Die Plattform ließ er 2025 von xAI, seinem KI-Startup schlucken. So konnte er den Wert wieder aufblähen und sammelte neues Investorengeld ein – dem KI-Boom sei Dank. Anfang des Jahres überführte er dann xAI in SpaceX. Es war die größte Unternehmensverschmelzung der Geschichte. Und jetzt, mit dem SpaceX-Börsengang, wird er den Verlust, den er damals beim Kauf eingefahren hat, mehr als wettmachen. Und den seiner Co-Investoren auch. Dabei hilft, dass die Nasdaq auf Drängen von SpaceX ihr Reglement ändert und die Weltraumfirma dadurch kurzfristig in ihren Aktien-Index, den Nasdaq-100, aufgenommen werden kann. Elon Musk im Jahr 2004 an seinem Arbeitsplatz. © Getty Images/PAUL HARRIS Warum das wichtig ist: Indexfonds, dazu gehören auch viele ETFs, sind dann verpflichtet, die SpaceX-Aktie zu kaufen. Das kommt vor allem den Altinvestoren, darunter auch Musks Freunden, zugute. Dank ungewöhnlicher Regelungen ist es ihnen möglich, schon nach wenigen Wochen ihre Beteiligung zu liquidieren. Also dann, wenn der Aktienwert durch die vielen Pflichtkäufe womöglich aufgebläht ist. Musk selbst hat sich ein volles Jahr Verkaufsverbot auferlegt, so will es die Story.Geld ist für den reichsten Mann der Welt nur Mittel zum Zweck. Denn Musk bilanziert nicht in Dollar. Er bilanziert in Macht. Und in dieser Währung hat sich X längst amortisiert: eine Plattform mit globaler Reichweite, ein Wahlsieg, an dem er mit Hunderten Millionen Dollar Spenden beteiligt war, ein eigener Schreibtisch in der US-Regierung. An der Börse würde man sagen: Musk ist long auf Macht und short auf Geld. Jeder Dollar, der nicht in Einfluss verwandelt wird, ist schlecht investiert.Wenn heute Millionen Menschen Teil der SpaceX-Story werden, dann zementieren sie Elon Musks Macht damit weiter. Der erfolgreichste Geschichtenerzähler der Welt hat jetzt schon mehr Geld, als er je ausgeben kann. Und dafür brauchte er offensichtlich nicht mal das Glück der Sterne.