Die neue Proliferation: Kann sich schon bald die ganze Welt mit militärischer Hochtechnologie versorgen?Vom Smartphone-Chip zum Präzisionsangriff: Die Bausteine moderner Kriegsführung stammen heute aus der zivilen Wirtschaft. Das macht klassische Rüstungskontrolle nahezu unmöglich.16.07.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenEine Mittelstreckendrohne der ukrainischen Brigade Ptachi Madjara wird im Morgengrauen des 26. Juni dieses Jahres im Raum Dnipropetrowsk für einen Einsatz gegen russische Nachschubrouten vorbereitet.Dominic Nahr / NZZNie zuvor war militärische Hochtechnologie so leistungsfähig. Und selten zuvor war sie so weit verbreitet.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Sudan. Das Rote Meer. Libanon. Der Persische Golf.Auf den ersten Blick haben diese Konflikte kaum etwas miteinander zu tun. Doch sie verbindet ein grundlegender Wandel. Alle Konfliktparteien dort verfügen über militärische Fähigkeiten, die vor wenigen Jahren noch den grossen Militärmächten vorbehalten waren.Die Rapid Support Forces greifen im sudanesischen Bürgerkrieg Flughäfen, Seehäfen und Militärstützpunkte mit Drohnen an. Die Regierungstruppen erwidern die Angriffe ebenso mit Drohnen. Die Huthi in Jemen greifen mit Raketen und unbemannten Flugkörpern Schiffe auf dem Roten Meer an und bedrohen damit eine der wichtigsten Handelsrouten der Welt. Der Hizbullah in Libanon trifft israelische Radaranlagen mit Präzisionswaffen. Und Iran greift weit entfernte Ziele mit Drohnen und Raketen teilweise mit chirurgischer Genauigkeit an.Wie verbreitet war Militärtechnologie früher?Teile einer Drohne, die Ende März dieses Jahres in al-Obeid im Sudan eingesetzt wurde. Der Bürgerkrieg im Sudan befindet sich inzwischen in seinem vierten Jahr.Faiz Abubakr / Los Angeles Times / GettyKeine dieser Gruppen verfügt über eine Luftfahrtindustrie wie die USA oder Russland. Keine baut eigene Navigationssatelliten oder entwickelt modernste Halbleiter. Trotzdem führen sie technologisch anspruchsvolle Kriege. Wie kann das sein?Die Erklärung dafür liegt tiefer als in der Verbreitung einzelner Drohnen und Raketen. Die Welt erlebt eine neue Form der Proliferation. Nicht mehr Waffen verbreiten sich. Sondern die technischen Grundlagen moderner Kriegsführung selbst.Früher war militärische Hochtechnologie exklusiv. Während des Kalten Krieges und noch lange danach konnten nur wenige Staaten moderne Präzisionswaffen entwickeln. Dafür brauchten sie eine leistungsfähige Luft- und Raumfahrtindustrie, eine Elektronikindustrie, staatliche Forschungsprogramme und milliardenschwere Investitionen. Sensoren, Navigation, Kommunikation und Fertigung wurden meist über Jahrzehnte entwickelt.Heute können diese Bausteine weltweit beschafft werden. Die Veränderung auf dem globalen Gefechtsfeld besteht deshalb nicht darin, dass mehr Drohnen fliegen. Sondern darin, dass immer mehr Staaten und sogar Milizen Zugang zu den Fähigkeiten erhalten, aus denen moderne Präzisionswaffen entstehen.Warum verändert die Aufklärung den Krieg?Dieses Satellitenbild zeigt den Persischen Golf mit der Strasse von Hormuz. Weitaus detailliertere Bilder als dieses werden heute auch von kommerziellen Unternehmen angeboten.Gallo Images EditorialDoch was ist es, was zu diesen Veränderungen geführt hat? Die Antwort liegt im Aufbau moderner Waffensysteme. Präzisionswaffen bestehen aus Aufklärung, Sensorik, Navigation, Präzision, Software, künstlicher Intelligenz und digitalisierter Fertigung.Die Waffen sind ohne genaueste Informationen wirkungslos. Deshalb wird Aufklärung zur militärischen Schlüsseltechnologie. Früher benötigten Staaten eigene Satelliten, Aufklärungsflugzeuge und Nachrichtendienste. Das konnten sich nur wenige von ihnen leisten. Heute können Staaten Satelliten- und Radarbilder sowie Geodaten und fertige Lagebilder kaufen.Iran macht das vor. Nach amerikanischen Erkenntnissen erwarb das Regime bei chinesischen Unternehmen wie Changguang Satellite Technology Satellitenbilder, die den Revolutionswächtern präzise Schläge gegen Radarstellungen auf der anderen Seite des Golfs ermöglichten. Auch die russische Militärfirma Wagner in der Ukraine und die Huthi-Miliz in Jemen sollen von chinesischen Firmen mit Satellitenbildern beliefert worden sein.Aufklärungsdaten sind zu einem Exportgut geworden. Das gilt nicht nur für chinesische Firmen. Auch westliche Unternehmen verkaufen Satellitendaten, zum Beispiel Planet Labs und Maxar Intelligence aus den USA.Maxar Intelligence bietet etwa hochauflösende Bilder an. Das Unternehmen wurde zu Beginn des Krieges in der Ukraine bekannt, als es öffentlich russische Truppenbewegungen und Kriegsschäden dokumentierte. Seine Aufnahmen sind so scharf, dass sie sogar Einzelobjekte wie Flugzeuge auf einer Militärbasis sichtbar machen können.Kommerzielle Unternehmen sind zu sicherheitspolitischen Akteuren geworden. Ihre Produkte reichen von Rohbildern bis zu nahezu fertigen Lagebildern. Damit ist ein globaler Markt militärischer Information entstanden.Warum sind Sensoren für Waffen so breit verfügbar?Die Aufnahme zeigt eine Sting-Interceptor-Drohne im Flug während eines Trainings in der Region Mikolajiw in der Ukraine.Dominic Nahr / NZZSensoren sind die technischen Augen und Ohren eines Waffensystems. Infrarotsensoren, Wärmebildgeräte oder Laserscanner waren früher militärische Spezialtechnik. Heute haben Smartphones jedes Jahr bessere und kleinere Kameras. Sie passen auch in Drohnen, Raketen oder Marschflugkörper.Die grössten Innovationsschübe bei den Sensoren stammen neben den Smartphones aus der Automobilindustrie, der Robotik, der Medizintechnik und der industriellen Automation. Sensoren entscheiden darüber, ob eine Drohne nur fliegt oder militärisch nutzbar ist. Kameras und Mikrofone ermöglichen Aufklärung, Laser die Zielerkennung und die Navigation.Was für das autonome Fahren entwickelt wurde, bildet auch das Gehirn GPS-unabhängiger Flugkörper. Im Auto müssen Daten von Kamera, Radar, Lidar (Reichweitenmessung) und Ultraschall in Millisekunden zusammengeführt werden, damit das Fahrzeug weiss, wo es sich befindet. Drohnen und Raketen nutzen dieselbe Logik. Der Automobilbau hat die entscheidenden Komponenten verbilligt.Auch künstliche Intelligenz spielt eine wachsende Rolle. In autonomen Fahrzeugen sind KI-Chips verbaut, die helfen, Fussgänger von Mülltonnen zu unterscheiden. Das nutzt die Rüstungsindustrie auch für Kamikazedrohnen, damit die Flugkörper in der Endphase des Flugs nicht mehr auf menschliche Piloten angewiesen sind.Inzwischen sind erste Systeme in der Lage, selbständig die Silhouette eines Panzers, eines Schiffs oder einer Radaranlage zu erkennen und ihr Ziel autonom anzusteuern, selbst wenn die Funkverbindung zum Satelliten und zum Piloten abreisst. Drohnen und Raketen können dadurch unabhängig von Satelliten ihr Ziel erreichen.Warum sind selbst billige Drohnen so präzise?Startgerät einer ukrainischen Hornet-Kampfdrohne, von der russischen Armee als Marsianer-2 bezeichnet, in der ukrainischen Region Charkiw. Diese Drohne benötigt kein GPS mehr zur Navigation, sondern orientiert sich autonom anhand von Geländemerkmalen, wie es auch westliche Marschflugkörper, etwa der Taurus, tun.Nikoletta Stoyanova / GettyDie Drohne besitzt zudem ein fortschrittliches elektrooptisches Zielerfassungs- und -erkennungssystem auf Basis künstlicher Intelligenz.Wer schon einmal mit seinem Smartphone und einer entsprechenden App durch eine Stadt navigiert hat, weiss, dass er in der Regel am Zielort ankommt. So ist es heute auch bei Flugkörpern. Sie sind in der Lage, die eigene Position zu bestimmen, eine Route zu fliegen und ein Zielgebiet zu erreichen.Früher waren genaue Trägheitsnavigation und militärisch gesicherte Satellitennavigation teuer und exklusiv. Kaum jemand verfügte darüber. Heute gibt es mehrere globale Systeme, die über Satelliten navigieren. Dazu zählen das amerikanische Global Positioning System (GPS), das europäische Galileo, das chinesische Beidou und das russische Glonass. Hinzu kommen billige Trägheitssensoren aus der zivilen Elektronik, die Bewegungen messen, digitale Karten, Geländevergleiche und künstliche Intelligenz.Die militärische Bedeutung dieser Entwicklungen ist gross. Drohnen oder Marschflugkörper können Wegpunkte abfliegen und bei Funk- oder GPS-Störungen eine Route halten. Sie treffen dann vielleicht nicht auf den Quadratzentimeter genau. Aber ihre Präzision reicht, um grosse Gebäude, Flugplätze oder Schiffe anzugreifen.Wie entsteht aus riesigen Datenmengen militärische Wirkung?Detailaufnahme von Bauteilen und Lagerstrukturen in der Fertigung des ukrainischen Drohnen-, Marschflugkörper- und Raketenherstellers Fire Point in Kiew.Dominic Nahr / NZZJeder Kommandant, der einen Angriff führen will, braucht zunächst ein präzises Lagebild. Satelliten, Drohnen, Radar, Funkaufklärung und Sensoren liefern heute eine kaum vorstellbare Menge an Informationen. Erst wenn diese Daten zusammengeführt, ausgewertet und in Echtzeit verarbeitet werden, entsteht daraus militärische Wirkung.Militärangehörige sprechen von einer Wirkungskette oder, drastischer, von einer «kill chain»: Ziele erkennen, identifizieren, priorisieren, bekämpfen und anschliessend das Ergebnis des Angriffs überprüfen. Früher konnte dieser Prozess Tage dauern. Heute läuft er oft innerhalb von Sekunden ab.Die Ukraine demonstriert das seit Beginn des russischen Angriffs täglich. Aufklärungsdrohnen, kommerzielle Satellitenbilder, digitale Lagebilder, Artillerie und Präzisionsmunition greifen zu einer digitalen Wirkungskette ineinander. Das ist eine Revolution der Waffentechnik. Dabei ist die Waffe selbst nur das sichtbare Endprodukt.Wer exportiert heute militärische Hochtechnologie?Auf einem Bildschirm ist die Explosion eines militärischen Ziels nach einem Drohnenangriff zu sehen. Der Einsatz von Drohnen prägt den Krieg in der Ukraine zunehmend. Die Aufnahme entstand im Juni dieses Jahres bei einer Schulung in der litauischen Hauptstadt Vilnius.Dominic Nahr / NZZFrüher dominierten die USA, Russland, Frankreich und Grossbritannien den Markt. Heute sind neue Akteure hinzugekommen. China exportiert industrielle Fertigung, die Türkei verkauft Plattformen (vor allem Drohnen), und kommerzielle Unternehmen in China, aber auch den USA und anderen westlichen Staaten bieten Aufklärungsinformationen an. Die Lieferketten sind international geworden.Iran ist hier ein zentraler Akteur. Seit Jahrzehnten produziert es weit reichende Raketen, Marschflugkörper und Drohnen, teilweise an internationalen Sanktionen vorbei. Wie effektiv und wirksam sie sein können, bekommen die USA im Iran-Krieg bei der Abwehr von Angriffen im Persischen Golf oder auf Stützpunkte im Nahen Osten zu spüren.Iran exportiert seine Technologien einschliesslich der Produktionstechnik an die eigenen Verbündeten: an den Hizbullah, die Huthi und die Hamas. Oft sind es gar keine Raketen, die das Land weitergibt, vielmehr wird das Wissen über Raketen- und Drohnenbau von den Iranern verbreitet. Dazu liefert China Sensoren, Elektronikbauteile, Satellitenbilder und Geodaten.Neben Iran tritt vor allem China als Lieferant technologischer Komponenten moderner Waffensysteme auf. Der Durchbruch gelang dem Land mit dem Verkauf von billigen, bewaffneten Drohnen an Ägypten. Dann verkaufte China diese Fluggeräte an Konfliktgebiete wie Äthiopien, den Sudan und Kongo. Neben China ist vor allem auch die Türkei im Markt der bewaffneten Drohnen aktiv. Die USA und Israel haben ihr Monopol hier längst verloren.Warum geschieht das gerade jetzt?Die Aufnahmen einer Drohne werden während der Nato-Übung «Freedom Shield 26-I» im Juni dieses Jahres auf einem Bildschirm dargestellt. Drohnen liefern den Truppen Echtzeitinformationen, in diesem Fall über das litauische Militärübungsgelände in Pabrade.Dominic Nahr / NZZKeine einzelne Erfindung hat die neue Form der Proliferation ausgelöst. Entscheidend ist vielmehr, dass mehrere technologische Entwicklungen zusammentreffen. Halbleiter werden leistungsfähiger und billiger, Sensoren kleiner, Satelliten zahlreicher, und künstliche Intelligenz wird alltagstauglich. Hinzu kommen weltweite Datennetze, Cloud-Infrastrukturen und digitale, extrem beschleunigte Fertigungstechnologien.Nicht jeder Staat kann einen Tarnkappenbomber entwickeln. Aber immer mehr Staaten können technische Fähigkeiten kombinieren, die früher nur wenigen zur Verfügung standen.Welche Folgen dieser Wandel hat, zeigt sich bereits ausserhalb der klassischen Militärmächte. Vor allem Konflikte mit begrenzten wirtschaftlichen und industriellen Ressourcen demonstrieren, wie weit die technische Proliferation inzwischen fortgeschritten ist.In Mali setzen Rebellen und Terrorgruppen modifizierte, senkrecht startende Drohnen, FPV-Drohnen und durch Drohnen geführte Zielaufklärung gegen Regierung und Bevölkerung ein. In Burkina Faso töten von Drohnen abgeworfene Sprengsätze Menschen auf Märkten und an Beerdigungen. In Myanmar stürzen sich Drohnen in einen Helikopter der Regierungstruppen.Was heisst das für die Rüstungskontrolle?Juli 2026, ein ukrainischer Pilot steuert eine Drohne.Paula Bronstein / GettyIm Kalten Krieg fürchtete der Westen vor allem die Verbreitung von Kernwaffen. Solche Waffen oder auch etwa Kampfjets lassen sich kontrollieren, zählen oder durch Verträge begrenzen. So war es früher, und es bewahrte die Welt vermutlich vor dem dritten Weltkrieg. Heute entzieht sich ein weltweites System aus Sensoren, Halbleitern, Satellitendaten, Software und künstlicher Intelligenz weitgehend der klassischen Rüstungskontrolle.Die nächste grosse Herausforderung der internationalen Sicherheit wird daher nicht nur darin bestehen, neue, vielfach autonome Waffen zu kontrollieren. Sie wird darin bestehen, ein militärisches Ökosystem zu regulieren, dessen wichtigste Bausteine längst ein Teil der globalen Wirtschaft geworden sind.Passend zum Artikel