Die Bundeswehr wagt eine raschere Beschaffung von Waffensystemen, doch allein dadurch wird sie noch nicht kriegstüchtigWährend die Ukraine ihren Überlebenskampf durch rasante Innovationen bestreitet, reagiert nun auch Deutschland und kauft für Milliarden «Loitering Munition». Die wahre Herausforderung liegt aber im nächsten Schritt.Armin Arbeiter, Berlin07.07.2026, 06.00 Uhr4 LeseminutenDer deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius vor einer HX-2-Drohne des Herstellers Helsing.MaurizioxGambarini / ImagoEin stärkeres Rotorblatt hier, ein leichterer Akku dort – jeden Tag tüfteln Drohnenpiloten an der Front in der Ukraine an ihren tödlichen Werkzeugen, um sie noch präziser, noch weitreichender zu machen. Gelingt das, schicken sie die Erkenntnisse an ihre Kameraden sowie an eine übergeordnete Innovationsplattform und Entwickler im Hinterland. Innert kürzester Zeit werden die FPV-Drohnen der ukrainischen Streitkräfte adaptiert.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Diese sollen nach ukrainischen Angaben für etwa 60 Prozent der russischen Verluste sorgen – und sind günstig in der Herstellung: Rahmen, vier Motoren, Akku, Flugsteuerung, Kamera, Sprengladung. Ein Exemplar kostet etwa 500 Euro. Etwa zehn Millionen wollen die Ukrainer dieses Jahr produzieren – in eigenen Werkshallen wie in privaten Wohnungen. Wie sie dann eingesetzt, gesteuert und modifiziert werden, ändert sich im Wochentakt.Im rasanten Innovationswettlauf zwischen der Ukraine und Russland hält eine Neuerung meist nur wenige Wochen, ehe die Gegenseite geeignete Massnahmen gefunden hat. Rasche Anpassung und Weiterentwicklung sind für ein Land, das sich in einem Krieg ums Überleben befindet, entscheidende Faktoren.Deutschland setzt auf High-Tech-WaffenVon beidem ist Deutschland weit entfernt. Weder kämpft das Land um sein Überleben, noch hat es die Bereitschaft, einen so unregulierten Innovationszyklus ohne Prüfverfahren zu übernehmen. Und dennoch geht der Beschaffungsprozess durch das Verteidigungsministerium (BMVg) im Bereich der Drohnen für deutsche Verhältnisse durchaus rasant und mit einer bisher ungewohnten Flexibilität voran.Seit April hat das BMVg Verträge mit drei deutschen Herstellern abgeschlossen, die die Bundeswehr mit sogenannter Loitering Munition versorgen sollen. Im Gegensatz zu den ukrainischen FPV-Kamikazedrohnen verfügen diese Waffen über eine höhere Reichweite, können sich auf dem Gefechtsfeld länger in der Luft bewegen, «lauern» dort und erkennen mögliche Ziele automatisch. Daraufhin entscheidet im Regelfall ein Mensch, ob er das Ziel angreift oder nicht. Die Ukraine produziert also billige Wegwerfwaffen innert kurzen Zyklen, die Bundeswehr kauft teurere, reichweitenstärkere, softwareintensivere Systeme.6,7 Milliarden Euro könnte die Beschaffung insgesamt kosten. Doch anders als bei bisherigen langwierigen, kostspieligen und ineffizienten Grossprojekten hat sich im BMVg einiges getan. Denn ob das Geld überhaupt fliesst, hängt in diesem Fall von den Herstellern ab. Die Unternehmen Rheinmetall, Stark und Helsing sollen insgesamt 9000 Stück Loitering Munition in einer ersten Tranche produzieren. Dafür sind etwa 836 Millionen Euro vorgesehen.Bezahlt werden die Unternehmen jedoch nur, wenn ihre Produkte den Ansprüchen genügen. Die bisher ungewöhnliche Entscheidung für mehrere Anbieter soll sicherstellen, dass der Bundeswehr durch den Wettbewerb schnell ausreichend hohe Stückzahlen zur Verfügung stehen. Ausserdem soll dieser Prozess die deutsche Forschung und Entwicklung fördern. Die Truppe soll durch die Unterschiedlichkeit der bestellten Systeme widerstandsfähiger gegen feindliche Störmassnahmen werden.Die Zeit drängtBrisant an diesem Beschaffungsvorgang ist zudem, dass bisher langwierige Prozesse wie die Tests in der Truppe sowie die Ausbildung an den Waffen nicht mehr hintereinander ablaufen, sondern gleichzeitig. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundeswehr. Das soll die Zeit, bis die Systeme tatsächlich in der Truppe sind, massiv verkürzen. Der Grund dafür: Die Panzerbrigade 45 in Litauen soll bis Ende 2027 nicht nur personell vollständig aufgestellt sein, sondern auch über die bestmöglichen Fähigkeiten verfügen, um gegen einen etwaigen russischen Angriff gewappnet zu sein.Sollte es tatsächlich zu einem solchen Angriff kommen, wird die Drohnentechnologie viel weiter fortgeschritten sein als heute. Auch hier gibt es eine Neuerung im deutschen Beschaffungsvorgang: Das BMVg hat die drei Drohnenhersteller dazu verpflichtet, auf dem neuesten Stand des Drohnen-Wettrennens zu bleiben und zu «bestimmten Zeitpunkten definierte Leistungen nachzuweisen», heisst es aus dem deutschen Beschaffungsamt (BAAINBw). Erfolge dies nicht, könne der Vertrag mit dem Hersteller aufgelöst werden.Für einen Beschaffungsapparat, der bislang als sehr schwerfällig galt und der in den vergangenen Jahren mitverantwortlich dafür war, dass einige Grossprojekte viel teurer als erwartet waren, über Jahre verspätet in der Truppe ankamen oder tatsächlich scheiterten, ist all das ein Fortschritt. Das sieht auch Frank Sauer von der Universität der Bundeswehr München so.«Neue Verfahren sind notwendig»Ein Problem ortet er jedoch im Bereich der Erprobung und der Qualitätskriterien. Man habe in Deutschland «teils absurde Vorstellungen von Trefferquoten», sagt der Politikwissenschafter. Würde man mit Loitering Munition in einem realen Kriegseinsatz gegen einen sich mit allen Mitteln wehrenden Gegner 30 Prozent der Ziele treffen, sei das eine starke Leistung – in Deutschland würden bisweilen auf dem Übungsplatz in Friedenszeiten realitätsferne Erwartungen zu Trefferquoten von 99 Prozent geschürt.Auch die bisher üblichen Abnahmeverfahren und Qualifizierungsprozesse der Wehrtechnischen Dienststellen würden in einem sich rasant verändernden Feld wie der Drohnenkriegsführung nicht greifen. «Hier sind neue Verfahren nötig, denn für die alten entwickeln sich die Systeme einfach zu schnell weiter», sagt er der NZZ.Und wenngleich er im Bereich der Beschaffung inzwischen vieles vorangehen sieht, bleibt für Sauer ein Problem – die Lernfähigkeit der Bundeswehr. Nach wie vor existierten nicht die richtigen Einsatzkonzepte in der Truppe.Dass Nato-Streitkräfte mit der rasanten Entwicklung auf dem Gefechtsfeld derzeit nicht mithalten können, zeigen Militärübungen, bei denen ukrainische Drohnenoperatoren mit verhältnismässig geringem Aufwand ganze Bataillone lahmlegen können.Fehlende Konzepte für modernen KriegDer Bundeswehr würde laut Sauer aufgrund der fehlenden Konzepte ein angemessenes Verständnis für Angriff und Verteidigung im Rahmen der neuen Art der Kriegsführung fehlen – konkret stelle sich die Frage, wer die neuen Drohnensysteme ab 2027 auf welche Weise einsetzen solle.Entscheidend sei nämlich nicht nur die Beschaffung von Drohnen, sondern der Aufbau funktionierender Abläufe: Die Truppe müsse in den Waffen stets die aktuellste Software nutzen, Gefechtsfelddaten müssten schnell zu den Herstellern zurückfliessen, KI-Modelle laufend angepasst und wieder an die Soldaten weitergegeben werden, sagt Sauer. Diese «Arbeitsmuskeln» zwischen Streitkräften und Industrie seien die eigentliche Herausforderung. Der Politologe ist überzeugt: Die Ukraine überlebe, weil sie alte Regeln aufgegeben und Prozesse neu erfunden habe. Genau daraus müsse man lernen.Passend zum Artikel
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