PfadnavigationHomePolitikFußball-BundesligaMonheim lehnt Leverkusen-Campus erneut ab – Bayer AG sieht „verheerendes Signal“ für UnternehmenStand: 21:20 UhrLesedauer: 7 MinutenSo soll der Campus nach den Plänen von Bayer 04 eines Tages aussehenQuelle: rendertaxi GmbH Alexander Pfeiffer und Felix VollandDie Monheimer Lokalpolitik lehnt erneut ab, überhaupt in das Planungsverfahren für Bayer Leverkusens Nachwuchscampus einzusteigen. Die Zeit für den Bundesligisten wird nun knapp. Es bleiben dem Klub nur noch wenige Optionen.Der Nachwuchscampus von Bayer 04 Leverkusen in Monheim am Rhein steht vor dem Aus. Der Monheimer Rat lehnte am Mittwochabend erneut ab, überhaupt in das formelle Planungsverfahren für das Projekt einzusteigen. Grundlage war ein Antrag von Bayer 04 als Vorhabenträger. In geheimer Abstimmung votierten 25 Ratsmitglieder dagegen, 19 dafür. Auch ein darauf aufbauender Antrag der Peto-Fraktion für den entsprechenden Aufstellungsbeschluss fand keine Mehrheit.Für den Klub ist die Entscheidung ein schwerer Rückschlag. Fernando Carro, Vorsitzender der Geschäftsführung von Bayer 04, teilte mit: „Dieses Votum ist für uns eine große Enttäuschung. Nach zehn Jahren Planung, zahlreichen geprüften Standorten und schmerzhaften Anpassungen unseres Konzepts hätten wir uns die Chance gewünscht, unser Projekt ab jetzt in einem geordneten Verfahren fachlich bewerten zu lassen.“Der Verein wolle die Entscheidung „der Monheimer Politik sorgfältig analysieren“ und „hartnäckig bleiben“. Auch Simon Rolfes, Geschäftsführer Sport, der selbst bei der Debatte vor Ort war, sprach von einer Enttäuschung. „Der Campus ist und bleibt das wichtigste Zukunftsprojekt von Bayer 04 Leverkusen. Ohne ein modernes Leistungszentrum wird es auf Dauer immer schwieriger, international wettbewerbsfähig zu bleiben“, sagte Rolfes.Lesen Sie auchDas knappe Ergebnis sowie die „zwischenzeitliche, öffentliche Unterstützung zahlreicher lokaler Sportvereine, Unternehmen und Initiativen“ bestärkten Bayer 04 auf seinem Weg, so Rolfes. Man wolle den Dialog fortsetzen und weiter dafür werben, „dass dieser Campus eine große Chance für Monheim, die Region und Bayer 04 ist“.Bayer AG spricht von „politischen Grabenkämpfen“Neben der sportlichen Führung äußert auch der Konzern sein Unverständnis: „Mit dieser Entscheidung sendet der Gemeinderat ein verheerendes Signal an alle Unternehmen in der Region und weit darüber hinaus“, teilte Frank Terhorst, Executive Vice President der Bayer-Division Crop Science in Monheim, WELT mit. Und weiter: „Unternehmen brauchen verlässliche Rahmenbedingungen und eine Politik, die die Interessen des Gemeinwohls in den Mittelpunkt ihrer Entscheidungen stellt, anstatt sich auf politische Grabenkämpfe zu fokussieren.“Lesen Sie auchAn der Alfred-Nobel-Straße soll ein Campus für rund 250 Nachwuchstalente und Profis entstehen. Ein Ort, an dem Bayer 04 die Spieler von morgen ausbilden will – junge Fußballer, die eines Tages vielleicht in der Bundesliga, in der Champions League oder um die Deutsche Meisterschaft spielen.Die Zeit für Leverkusen drängt. Die bestehende Infrastruktur des Vereins wird durch den geplanten Um- und Ausbau der A1 bedroht. Der Autobahnausbau soll nach aktueller Planung 2031 beginnen, mittelfristig sollen rund um die BayArena Trainingsflächen, Gebäude und Parkplätze wegfallen. Damit der Campus rechtzeitig fertig wird, müsste Bayer 04 spätestens 2028 mit dem Bau beginnen.„Starke Spaltung der Stadtgesellschaft“Bürgermeisterin Sonja Wienecke sprach schon zu Beginn der Sitzung von einem „sehr unzufriedenen Klima“ in der Stadt und einer „starken Spaltung der Stadtgesellschaft“ bei diesem Thema. Sie hoffe, dass es gelinge, langfristige Lösungen zu finden und die Stadt wieder zu befrieden. Für sie persönlich und für Monheim insgesamt sei es eine „sehr unschöne Situation“.Später forderte Wienecke, die emotional aufgeladene Diskussion wieder „auf eine sachliche Ebene“ zu holen. Der zuständige Stadtplaner Fabian Engel sei von Bürgern diffamiert worden, sagte sie. Ein solches Verhalten „verbitte“ sie sich. Als möglichen Ausweg brachte Wienecke einen Ratsbürgerentscheid ins Spiel – also eine Entscheidung der Bürger, die vom Stadtrat selbst angestoßen würde. Einen entsprechenden Antrag, dass der Stadtrat noch an diesem Abend über einen solchen Ratsbürgerentscheid abstimmt, brachte sie aber nicht ein. Somit bleibt es lediglich bei einem Vorschlag. Wie knapp die Mehrheitsverhältnisse waren, zeigte sich ebenfalls schon zu Beginn der Sitzung. Wienecke wies darauf hin, dass mehrere Ratsmitglieder fehlten.CDU, SPD und Grüne stellen sich gegen BürgerentscheidDas zentrale Argument der Campus-Gegner blieb wie im Juni auch diesmal der Klimaschutz. CDU, SPD und Grüne verwiesen erneut auf eine sogenannte „Kaltluftentstehungsfläche“ und auf die letzten verbliebenen Freiflächen in Monheim. Neu war allerdings die Frage, was auf dem Gelände überhaupt gebaut werden darf.Markus Gronauer von der CDU verwies auf das bestehende Gewerbeplanungsrecht für Teile des Geländes. Eine gewerbliche Entwicklung sei dort grundsätzlich möglich, eine Nutzung als Fußballleistungszentrum dagegen nicht ohne Weiteres vorgesehen. Auch die SPD begrüßte eine gewerbliche Nutzung durch Bayer und verwies auf mögliche Gewerbesteuereinnahmen.Besonders interessant: Bayer hatte vor kurzem eine Bauvoranfrage an die Stadtverwaltung gestellt. Sollte der Campus scheitern, könnte der Konzern auf dem Acker, der ihm zum Großteil ohnehin gehört, statt des Fußballzentrums andere Gebäude errichten. In der Bauvoranfrage ist von acht Gebäuden mit einer Höhe von 14 bis 22 Metern die Rede. Gewerbliche Nutzung wäre für Teile der Campus-Gegner also offenbar akzeptabel – Fußballplätze dagegen nicht.Einen Bürgerentscheid zum Campus, wie ihn die Bürgermeisterin ins Spiel brachte, bezeichnete Gronauer als falsch. „Wir sind eine repräsentative Demokratie. Das ist Teil unserer Verantwortung. Eine Bürgerbefragung kostet uns 90.000 Euro“, sagte er. Sonst könne man, so Gronauer spöttisch, gleich jede Entscheidung an die Bürger abgeben. Ein anderer CDU-Politiker verwies im Laufe der Sitzung plötzlich auf einen Streit, der fast 20 Jahre zurückliegt: die CO-Pipeline der früheren Bayer MaterialScience, heute Covestro. Die rund 67 Kilometer lange Leitung für hochgiftiges Kohlenmonoxid wurde 2007 genehmigt, Gegner klagten jahrelang wegen möglicher Gefahren für Anwohner. Auch in Monheim würden nie „zu 100 Prozent die Wünsche eines Eigentümers“ umgesetzt, sagte der CDU-Politiker. Am Ende gehe es um eine Abwägung zwischen wirtschaftlichen und ökologischen Interessen.Zur Erinnerung: Bei der Abstimmung am Mittwoch ging es nicht darum, ob Bayer den Campus schon bauen darf. Der Rat sollte lediglich entscheiden, ob die Stadt in das formelle Planungsverfahren einsteigt. Erst darin würden Klima, Verkehr, Umweltfragen und Bürgerbeteiligung detailliert geprüft. Die endgültige Entscheidung über den Campus wäre damit noch gar nicht gefallen.Bayer-Campus spaltet Monheimer PolitikBayer plant den Campus seit rund zehn Jahren und hat das Projekt mehrfach angepasst. Die Fläche wurde von ursprünglich rund 30 Hektar auf 14,8 Hektar reduziert, auch die Zahl der Trainingsplätze wurde verkleinert. Entstehen sollen neben Sportflächen und Gebäuden auch Grünflächen für Anwohner sowie rund 150 neue Arbeitsplätze.Doch seit der Kommunalwahl 2025 wird das Projekt politisch blockiert. Zuvor hatte es lange Rückhalt durch die Peto-Partei gegeben, die rund 16 Jahre an der Macht war. Die FDP, die als Mitglied des Regierungsbündnisses den Stopp zunächst mitgetragen hatte, unterstützt inzwischen die überarbeitete Planung. Oppositionsparteien werfen der Regierung vor, das Projekt aus Prinzip abzulehnen. Peto spricht von Symbolpolitik.Zuletzt hatte auch der Bayer-Betriebsrat die Pläne befürwortet. Claudia Schade, Betriebsratsvorsitzende in Leverkusen, sagte: „Da das Thema auch bei unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern diskutiert wird und ich persönlich Anhängerin der Werkself bin, habe ich mich mit dem Campus-Projekt auseinandergesetzt. Mein Fazit: Ich unterstütze den Campus an dieser Stelle ausdrücklich.“ In einer Zeit, in der Investitionen längst keine Selbstverständlichkeit mehr seien, könne das Projekt auch für Monheim positive Effekte haben.Auch der globale Bayer-CEO Bill Anderson hatte sich zuletzt erstmals in die Debatte eingeschaltet und ein klares Signal an die Lokalpolitik gesendet: „Ob Verein oder Unternehmen: Wir sind auf ein gutes Miteinander an unseren Standorten überall auf der Welt angewiesen. Deswegen beobachten wir bei Bayer natürlich sehr genau die aktuellen Aussagen, Entwicklungen und Entscheidungen in Monheim, die wir jeweils entsprechend bewerten.“ Der Konzern ist in Monheim der größte Arbeitgeber.Letzter Ausweg Bürgerbegehren?Bayer bleiben jetzt nur noch wenige Möglichkeiten. Nach der erneuten Ablehnung kann der Rat das Thema grundsätzlich nach einigen Monaten erneut auf die Tagesordnung setzen. Nach der erneuten Ablehnung kann ein gleichlautender Antrag nach der Monheimer Geschäftsordnung frühestens nach sechs Monaten erneut gestellt werden; vorher nur, wenn sich der Sachverhalt wesentlich geändert hat. Eine solche Änderung könnte etwa eine deutlich angepasste Planung oder eine neue politische Lage sein.Die zweite Option wäre ein Bürgerbegehren. Das müsste aus der Bürgerschaft heraus angestoßen werden. Ein entsprechendes Bündnis gibt es in Monheim bereits. Oder aber der Rat leitet selbst ein solches Verfahren ein, wie Bürgermeisterin Wienecke vorschlägt. Die nächste Ratssitzung findet am 30. September statt.Lesen Sie auchDas Verfahren birgt jedoch ein Risiko: Ein Bürgerentscheid hätte die Wirkung eines Ratsbeschlusses. Würde der Campus dabei scheitern, wäre das angesichts des Zeitdrucks wohl gleichbedeutend mit dem Ende des Projekts.Carro hatte den Ausgang der Sitzung offenbar schon befürchtet. Im Karrierenetzwerk Linkedin schrieb der Vorsitzende der Geschäftsführung von Bayer 04 zu Beginn der Woche: „Kann die Zukunft eines europäischen Fußballklubs von einer Abstimmung im Stadtrat einer Kommune beeinflusst werden?“ Seine eigene Antwort darauf: „Ja.“Wir sind das WELT-Investigativteam: Sie haben Hinweise für uns? Dann melden Sie sich vertraulich – per E-Mail oder über den verschlüsselten Messenger Threema (X4YK57TU).