Frankfurt. Die staatliche Förderbank KfW will verstärkt private Investitionen für den Umbau der deutschen Wirtschaft mobilisieren. Andere Länder hätten zwar bessere Ökosysteme für Wagniskapital, doch keines dieser Länder habe einen Mittelstand, wie ihn Deutschland habe. „Diese Kombination kann die Deutschland-Formel für Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit sein“, sagte KfW-Chef Stefan Wintels im Interview mit dem Handelsblatt.Deshalb sei es für die KfW ein wichtiges Ziel, „Mittelstand und Wagniskapital stärker zusammenzubringen“, sagte Wintels. Das wird sich auch auf die Förderprogramme der KfW auswirken.Zu den Plänen der Bundesregierung, in den nächsten zwei Jahren einen Teil der Gewinne der KfW abzuschöpfen, befindet sich der KfW-Chef in Gesprächen mit der Bundesregierung. Es geht um die Frage, „ob es Alternativen gibt, um einen Beitrag zur Haushaltskonsolidierung zu leisten“, sagte Wintels. Denn für eine direkte Gewinnabschöpfung müsste das KfW-Gesetz geändert werden.Lesen Sie hier das vollständige Interview mit Stefan Wintels:Herr Wintels, Sie haben eine bessere Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands mal als wichtigstes Projekt für die schwarz-rote Bundesregierung bezeichnet. Ist das geglückt?Die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zu verbessern, ist fast schon eine Generationenaufgabe. Aber mit den nun vereinbarten Reformvorhaben ist der Regierung ein guter erster Schritt geglückt.Aus der Wirtschaft kommt eher das Feedback: Das reicht alles nicht. Ich finde, wir sollten mit dem Gemecker aufhören. Das Paket ist ein guter erster Schritt. Insbesondere von den Vorschlägen der Rentenkommission verspreche ich mir viel. Vita Stefan Wintels Seit Oktober 2021 leitet der gebürtige Niedersachse (Jahrgang 1966) die staatliche Förderbank. Sein Vertrag wurde Ende 2024 vorzeitig bis September 2029 verlängert. Seine Karriere in der Bankenbranche startete Wintels bei der Deutschen Bank. Danach arbeitete er mehr als 20 Jahre lang für die US-amerikanische Großbank Citi, zuletzt verantwortete er das globale Finanzinstitutsgeschäft. Zuvor war er sechs Jahre lang Deutschlandchef von Citi und hatte die Deutschlandtochter Citigroup Global Markets Europe AG zum EU-Standort der Großbank nach dem Brexit ausgebaut. Wegen seiner Expertise im Geschäft mit Finanzinstituten hatte Wintels schon vor seiner Zeit als KfW-Chef häufig Berührungspunkte mit der Politik.Die KfW ist die größte Förderbank in der Bundesrepublik und gehört zu 80 Prozent dem Bund und zu 20 Prozent den Bundesländern. Dank Staatsgarantie kann sich die Förderbank günstig Geld leihen – und es weiterverleihen. Staatliche Hilfspakete, wie sie während der Finanzkrise 2008 und der Coronapandemie geschnürt wurden, werden häufig über die KfW abgewickelt. Bei der Gewährung von Fördermitteln arbeitet sie mit Banken und Sparkassen zusammen.Also wird alles gut?Natürlich reicht dieses Paket nicht aus, um die Wettbewerbsfähigkeit von heute auf morgen zu verbessern. Die Modernisierung unseres Landes wird auch mit harten Einschnitten verbunden sein. Wir müssen im Ergebnis die Produktivität in Deutschland strukturell erhöhen, die steigenden Kosten in den Sozialversicherungen abmildern und den Arbeitsmarkt weiter flexibilisieren, vor allem aber müssen wir Innovationen und Technologie fördern. Internationale Investoren haben jedoch den Willen und die Bereitschaft zu Reformen in Deutschland sehr aufmerksam registriert.Ausländische Investoren blicken angeblich schon seit einem Jahr wohlwollend auf Deutschland. Bislang materialisiert sich dieses Interesse aber nicht in Form von Investitionen.Natürlich kämpfen wir mit einer strukturellen Investitionsblockade auf Ebene der Unternehmen und der Kommunen, und wir brauchen auch mehr Direktinvestitionen aus dem Ausland. Aber es gibt auch positive Trends: Im zweiten Quartal hat es Wagniskapitalfinanzierungen in Höhe von 3,4 Milliarden Euro in deutsche Scale-ups gegeben, also in junge Wachstumsunternehmen. Das ist das stärkste Quartal seit vier Jahren. Die Finanzierungsrunde des Rüstungsunternehmens Helsing ist darin noch nicht einmal enthalten. Das zeigt doch, dass internationale Investoren dem Standort Deutschland einiges zutrauen.Die Realität in der Breite der deutschen Wirtschaft ist aber eine andere. Selbst der deutsche Mittelstand investiert, wenn überhaupt noch, dann im Ausland. Es stimmt ja, die Lage ist schwierig. Um Unternehmensinvestitionen in der Breite zu stimulieren, benötigt Deutschland weitere, tiefgreifendere Reformen, etwa bei Steuern, Arbeitsmarkt, Bürokratieabbau und der Anwerbung von Fachkräften. Und als rohstoffarmes Land brauchen wir eine Weltklasse-Infrastruktur. Vor allem im Bereich der Digitalisierung und der Anwendung von Künstlicher Intelligenz (KI) ist der Aufholbedarf enorm.US-Konzerne investieren Hunderte Milliarden Dollar in KI-Infrastruktur, in Europa ist es nur ein Bruchteil davon. Machen Ihnen die Zahlen keine Sorgen? Der Abstand der USA im KI-Bereich ist gigantisch und ich glaube nicht, dass wir diesen Wettbewerb kurz- oder mittelfristig für uns entscheiden können. Aber wir sind in einem Feld stärker als die USA, und zwar in der industriellen Anwendung von KI. Ohne industrielle Anwendung sind die amerikanischen KI-Modelle deutlich weniger wert. Statt über unsere Lücken zu lamentieren, sollten wir auf die Felder setzen, in denen wir vorn sind. Denn wir haben Stärken, um die uns jedes andere Land der Welt beneidet.Gastkommentar Europas globale Technologieführer brauchen einen „German Deal for Innovation“ Trotzdem wandern junge Hightech-Firmen oft in die USA ab, weil sie in Europa nur schwer Investoren finden. Diese Diagnose ist nicht neu.Umso schlimmer ist es, dass sich nichts daran geändert hat. Ein weiterer Baustein für die Therapie ist die kapitalbasierte Rente.Aber hier stehen doch Aktien und Anleihen im Fokus, nicht Wagniskapital. Zunächst ja, aber durch diesen Systemwechsel im Rentensystem werden große institutionelle Investoren in Deutschland entstehen, die später einen Teil des Kapitals auch in junge europäische Wachstumsfirmen investieren werden. Und auch wir als KfW tragen unseren Teil dazu bei. Unsere Tochter KfW Capital hilft mit ihren Investitionen zusammen mit privaten Fonds, ein Ökosystem für Wagniskapital in Deutschland und Europa zu schaffen.Länder wie die USA, Israel oder Großbritannien haben seit Jahren Finanzierungs-Ökosysteme für ihre Hightech-Firmen aufgebaut, in denen neue Ideen schnell zu großen Firmen werden. Lässt sich das hier überhaupt aufholen?Natürlich sind andere Länder weiter, aber auch die haben irgendwann angefangen. Vor allem müssen wir uns auf unsere Stärken konzentrieren. Keines der genannten Länder hat den Mittelstand, den wir haben. Diese Kombination kann die Deutschland-Formel für Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit sein. Deshalb ist es für uns ein wichtiges Ziel, Mittelstand und Wagniskapital stärker zusammenzubringen.Also eine Art „Tinder“ für Mittelständler und Wagniskapitalgeber?Der Begriff Ökosystem trifft es besser. Es wäre gut, wenn Mittelständler mit innovativen Ideen, denen das nötige Eigenkapital fehlt, in Kontakt mit Investoren kämen, die diese Idee finanzieren. Oder wenn Mittelständler, die ein Problem haben, bei einem Start-up die innovative Lösung finden.Welchen Beitrag kann die KfW dazu leisten?Wir wollen zum Beispiel bestimmte Förderprogramme, mit denen wir bislang vor allem Start-ups mit Eigenkapital und eigenkapitalähnlichen Instrumenten finanziert haben, ab Mitte nächsten Jahres auch für innovative Mittelständler öffnen. Und wir legen jetzt ein neues Programm mit einem Volumen von 400 Millionen Euro aus Eigenmitteln der KfW auf, mit dem wir neue, innovative Eigenkapitalfonds als Ankerinvestor mit Seed Capital (Anm. d. Red.: Frühphasen-Kapital für ein junges Unternehmen oder eine Geschäftsidee) unterstützen können.