Normalerweise haben die Mitglieder des Stadtrats stets große Worte parat, wenn sie beschließen, ein neues Bauprojekt zu ermöglichen. Sie preisen eine Architektur, die das Stadtbild bereichern werde. Oder sie würdigen, dass ein Unternehmen sich zum Standort München bekenne und mit dem Neubau die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt vorantreibe. An diesem Mittwoch war das anders.Punkt zwei der Tagesordnung im Planungsausschuss war der Billigungsbeschluss und vorbehaltliche Satzungsbeschluss für eine neue 61 Meter hohe Unternehmenszentrale der Unicredit-Bank am Leuchtenbergring für 1440 Beschäftigte, zusätzlich zur Zentrale der Unicredit-Tochter Hypovereinsbank im Hochhaus am Arabellapark. Mit diesem Beschluss würde der Stadtrat das Baurecht für die 35 400 Quadratmeter Geschossfläche, das einen Wertzuwachs des Grundstücks im dreistelligen Millionenbereich bedeutet, fest in Aussicht stellen, der Rest des Verfahrens wäre Formsache.Es gab heftige Kritik aus der Opposition an dem Vorhaben, das nahe dem Einkaufszentrum „Das Einstein“, auf einem Grundstück zwischen der Bahnlinie München-Rosenheim, dem Leuchtenbergring und der Bothestraße geplant ist. Von einem „Geschenk an den Investor“ sprach etwa Christian Schwarzenberger (Linke), „da werden die Sektkorken knallen“. Es waren Worte, die im Raum stehen blieben.Denn keine Stadträtin, kein Stadtrat aus der Regierungskoalition von Grünen/Rosa Liste, SPD und FDP/Freie Wähler meldete sich zu Wort. Auch die größte Oppositionsfraktion CSU blieb stumm, Volt und AfD ebenso. Und doch stimmten all diese Fraktionen für den Bebauungsplan und verschafften ihm damit eine breite Mehrheit. Neben der Linken stimmte nur noch ÖDP/München-Liste gegen das Projekt.Auffällig war das Schweigen insbesondere der Koalition wegen Punkt elf der Tagesordnung, da ging es nämlich um die millionenschwere Finanzierung einer neuen „Umbauagentur Gewerbe zu Wohnen“, ein Herzensprojekt des neuen grünen Oberbürgermeisters Dominik Krause. Die Agentur soll dafür sorgen, dass leer stehende Büroflächen in Wohnraum umgewandelt werden.Das prominenteste Beispiel für Büroleerstand befindet sich direkt gegenüber der geplanten neuen Unicredit-Zentrale auf der anderen Seite der Gleise: die Ten Towers. Seit mehr als drei Jahren stehen dort Flächen für 3000 Arbeitsplätze leer, ein Teil davon soll nun mit großem Aufwand in Appartements umgewandelt werden.Hier wird neu gebaut, während drüben riesige Flächen brachliegen: Auf den scheinbaren Widerspruch hatten während der Bürgerbeteiligung im Bebauungsplanverfahren schon Kritiker hingewiesen. Linken-Stadtrat Schwarzenberger machte ihn im Stadtrat noch einmal zum Thema. Er wies darauf hin, dass die Ten Towers sogar einem Fonds gehören, der von der Unicredit-Tochter Wealthcap verwaltet wird.Dessen Anleger, so ist anzunehmen, hätten sich gefreut, wenn Unicredit in die Ten Towers eingezogen wäre und dem Fonds wieder Mieteinnahmen aus der Immobilie verschafft hätte. Stattdessen darf die italienische Bank mit dem Plazet der Stadt nun mit großem Aufwand neu bauen, nach einem Entwurf vom Berliner Architekturbüro Sauerbruch Hutton und MDP Landschaftsarchitekten aus Paris.Die Ten Towers in der Nachbarschaft sollen zu Wohnraum umgewandelt werden. Peter Kneffel/dpaDie SZ hat der Unicredit mehrere Fragen geschickt, eine davon dazu, warum die Bank nicht in die Ten Towers ziehe und stattdessen neu baue und damit erhebliche CO₂-Emissionen produziere. Eine Unicredit-Sprecherin antwortete darauf, dass man sich „zu laufenden öffentlich-rechtlichen Genehmigungsverfahren nicht weiter äußern“ werde. Auf den Hinweis, dass die Frage nichts mit dem Genehmigungsverfahren zu tun habe, blieb Unicredit bei dieser Linie. Die Sprecherin schickte noch den Satz, dass es „derzeit keine Neuigkeiten“ zu vermelden gebe.Und aus der politischen Diskussion blieb der Eindruck, dass der Beschluss für das Unicredit-Projekt vor allem den Grünen und der SPD unangenehm war, sodass sie ihn lieber still und leise abhaken wollten. Ungewöhnlich war auch, dass die Stadt in ihrer täglichen Rathaus-Umschau keine Pressemitteilung zu dem Beschluss veröffentlichte, andere Entscheidungen des Planungsausschusses von Mittwoch hingegen kamen schon vor.Eine davon war noch ein Gewerbeneubau: der abschließende Satzungsbeschluss für ein knapp 70 Meter hohes Gebäude, das die Deutsche Bahn am Hauptbahnhof, an der Stelle des einstigen Starnberger Flügelbahnhofs errichten will – es ist ein Teilprojekt des gesamten neuen Hauptbahnhofs. Hier stimmten alle Fraktionen außer der Linken zu.Gesprächiger waren die Mitglieder der Rathaus-Koalition, als es am Ende der Ausschusssitzung dann endlich um die Umbauagentur ging. OB Krause erläuterte, warum es ihm so wichtig war, dass es schnell damit losgeht. Er habe in den vergangenen Wochen und Monaten mit den Münchnerinnen und Münchnern oft über den Wohnungsmangel gesprochen, „und der Leerstand von Büroraum ist da immer am allerschwersten zu erklären“.Die CSU schloss sich der „allgemeinen Zustimmung“ für die Umbauagentur an, wie der planungspolitische Sprecher Sebastian Kriesel sagte. „Aber die Geister scheiden sich an der Ausstattung.“ Statt trotz größter Haushaltsnot zwölf Stellen neu zu schaffen, solle die Agentur mit internen Kräften besetzt werden, schließlich habe allein das zuständige Planungsreferat 900 Beschäftigte. Ähnlich argumentierte Alexandra Lang (Volt).Die Leiterin des Planungsreferats, Stadtbaurätin Elisabeth Merk, aber betonte, sie könne keine Leute anderswo abziehen, alle würden an ihren Stellen gebraucht. CSU und Volt blieben mit ihren Änderungsanträgen zur Personalausstattung aber in der Minderheit. Der Gesamtbeschluss für die Umbauagentur bekam dann eine breite Mehrheit, die einzige Nein-Stimme kam von der AfD, die ihre Ablehnung aber nicht begründete.Johann Sauerer von der ÖDP band im Laufe der Debatte die Stränge Unicredit-Neubau und Umbauagentur auf eine spezielle Weise zusammen. Sollte das neue Bankgebäude eines Tages auch leer stehen und umgewandelt werden, „werde ich mich um eine Wohnung im obersten Stock bemühen“.
München: Stadt winkt Millionen-Büroturm der Unicredit durch – obwohl nebenan riesige Büroflächen leerstehen
Die Mango-Koalition macht den Weg frei für ein neues Hochhaus der Unicredit-Bank mit 35 400 Quadratmetern – aber ist dabei ungewohnt schmallippig.








