PfadnavigationHomeGeschichte„Schädelkult“Führte Himmlers Suche nach König Heinrich I. etwa zu einer Stiftsdame?Stand: 15:53 UhrLesedauer: 4 MinutenHeinrich Himmler (Mitte, mit schwarzem Stahlhelm) 1936 in Quedlinburg Quelle: Universal History Archive/Universal Images Group via Getty ImagesDie Untersuchung eines lange verschollen geglaubten Grabungsberichts zeigt: SS-Chef Heinrich Himmler ließ wahrscheinlich den Schädel einer Frau als Relikt des ersten deutschen Königs verehren.Der SS-Chef war unzufrieden. Zum 1000. Todestag des ersten deutschen Königs Heinrich I. im Juli 1936 klagte Heinrich Himmler in Quedlinburg: „Finsterer unversöhnlicher Hass politisierender Würdenträger“ hätte die sterblichen Überreste des seit 919 als König des Ostfrankenreiches amtierenden ehemaligen Sachsen-Herzogs „in alle Winde zerstreut“. Das wollte der „Reichsführer“, in der zweiten Hälfte der 1930er-Jahre bereits neben Hermann Göring und Joseph Goebbels einer der mächtigsten Männer nach Hitler im Dritten Reich, nicht hinnehmen: Er ließ angebliche Fachleute der SS-Unterorganisation „Das Ahnenerbe“, einer weitestgehend pseudowissenschaftlichen Einrichtung, nach dem Herrscher suchen. Ein knappes Jahr später, am 23. Juni 1937, meldete der „Völkische Beobachter“, die wichtigste NSDAP-Zeitung: „Auf Befehl des Reichsführers SS Heinrich Himmler wurden wissenschaftliche Untersuchungen nach dem Verbleib der Gebeine Heinrichs I. durchgeführt.“ Bei Ausgrabungen auf dem Schlossberg Quedlinburg, hieß es nun, seien die Gebeine des Königs gefunden worden. Näheres zu den Fundumständen berichtete die SS-Wochenzeitung „Das Schwarze Korps“ am 8. Juli 1937: „Im Untergrund der bisher leeren Grabstätte des Königs und seiner Gemahlin Mathilde wurden Skelette freigelegt, die nach den Beigaben, der Art des Bodens und der besonderen Fundumstände zu der Vermutung berechtigen, dass es sich um die Gebeine Heinrichs handelt. Neben einer Grabbeigabe war ein auf dem Schädel befindliches Stirnband mit Schmuckbesatz ein auffallendes und wertvolles Fundergebnis.“Passgenau hatte der studierte Geologe Rolf Höhne, zu dieser Zeit SS-Obersturmführer im Rasse- und Siedlungshauptamt, bei Ausgrabungen in der Krypta der Stiftskirche St. Servatii, besser bekannt als Quedlinburger Dom, einen Schädel gefunden. Und zwar in einem bekannten Grab unter einer anderen Bestattung.Lesen Sie auchDer Anatom August Hirt von der Universität Greifswald, später berüchtigt für seine „Straßburger Schädelsammlung“ und Menschenversuche in KZs, untersuchte den Fund. Hinsichtlich des Geschlechts wollte er sich nicht festlegen, suggerierte aber in seiner Zusammenfassung, dass eher ein Mann gefunden worden sei: „Die vorliegenden Schädelreste gehören einem Menschen an, der ein Lebensalter von um die sechzig Jahre erreicht haben muss, überwiegend nordisch und wahrscheinlich männlichen Geschlechts war.“ Daher fühlte sich Höhne in seiner Auffassung bestätigt, er habe den Schädel Heinrichs I. gefunden. 89 Jahre später widerlegt sehr wahrscheinlich gerade das Stirnband die von Himmler 1937 begrüßte Interpretation. Das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt teilte jetzt mit, dieses Textilstück mit Leder und Ösenringe an der Stirn gehöre zu einer spätmittelalterlichen oder frühneuzeitlichen Totenhaube. So etwas sei vor allem verstorbenen Frauen mit ins Grab gegeben worden. Darüber hinaus deuteten die im lange verschollenen Grabungsbericht dokumentierten Knochenfunde auf eine Frau. „Alle anthropologischen Merkmale sprechen für ein weibliches Individuum: Glabella und Arcus superciliaris sind nicht bzw. schwach ausgeprägt, das Kinn ist spitz, die Orbita rund und das Zygomaticum niedrig sowie wenig profiliert“, schreiben die Archäologen Donat Wehner, Andreas Stahl und Jörg Orschiedt in ihrem jetzt erschienenen Aufsatz in der aktuellen Ausgabe der „Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte“.Da bis zum Jahr 1878 die Grabplatte der Stiftspröpstin Anna von Tautenburg über der letzten Ruhestätte lag, sei es naheliegend, sie mit dem Schädel in Verbindung zu bringen. Absolute Sicherheit ließe sich nach Angaben des Landesamtes allerdings nur durch eine Nachgrabung und eine DNA-Analyse erzielen. Insgesamt sprächen aber alle Indizien dafür, dass Himmler die sterblichen Überreste einer Stiftsdame zum Mittelpunkt seines „Schädelkultes“ bei den König-Heinrich-Feiern inszenieren ließ.Zweifel hatte es übrigens schon 1940 gegeben. Der Mediävist und scharfe Hitler-Gegner Carl Erdmann berichtete, bei seinen Arbeiten zu dem Aufsatz „Das Grab Heinrichs I.“, der 1940 in der Fachzeitschrift „Deutsches Archiv für Geschichte des Mittelalters“ erschien, habe er „nicht erfahren, wo die Gebeine Heinrichs I. gefunden“ wurden. Erdmann, dessen wissenschaftliche Karriere das NS-Regime aus politischen Gründen 1936 beendet hatte, forderte kaum verhohlen die Veröffentlichung eines detaillierten archäologischen Berichts: „Was hier tatsächlich gefunden wurde, wird uns hoffentlich die Veröffentlichung über die Grabung von 1936 lehren.“Tatsächlich wollte Höhne seine Befunde publizieren, doch Himmler stoppte das 1940, da die Fachleute im SS-Ahnenerbe die Meinung vertraten, das Manuskript sei „leider über alle Erwartungen negativ ausgefallen“. Dem Autor wurden weitere Bearbeiter zur Seite gestellt, darunter der Archäologe und SS-Obersturmführer Peter Paulsen. 1942 vermerkte die SS, dass alle Bearbeiter sich im Kriegseinsatz befänden; deshalb wurde die endgültige Auswertung auf die Nachkriegszeit verschoben. Dazu kam es nicht mehr.Donat Wehner, Andreas Stahl und Jörg Orschiedt haben in den Beständen des Bundesarchivs den Rohdruck von Höhnes nie freigegebenem Bericht gefunden. Dessen Auswertung führte sie zu ihren Ergebnissen.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen schon seit seinem Geschichtsstudium neben der SED-Diktatur und dem linken wie rechten Terrorismus der Nationalsozialismus. Zu seinen mehr als 30 Büchern zählen „Hitlers ,Mein Kampf‘“ und „Die NSDAP“.