Der kolumbianische Fussballer Jáminton Campaz verharrt seit der WM-Niederlage gegen die Schweiz in Kanada – er fürchtet um sein LebenWegen einer vergebenen Torchance erhält Campaz Morddrohungen, die sein Verband als glaubwürdig einstuft. Der Fall weckt Erinnerungen an die Erschiessung von Andrés Escobar 1994.15.07.2026, 14.01 Uhr4 LeseminutenBleibt vorläufig zu seiner eigenen Sicherheit in Kanada: Jáminton Campaz.Albert Gea / ReutersDie Schweizer Fussballer wurden bei ihrer Rückkehr nach dem WM-Ausscheiden begeistert gefeiert. Sicher, viele Fans haderten mit dem Schiedsrichter, aber soweit bekannt, gab es keine Morddrohungen gegen ihn, den Videoschiedsrichter (VAR) oder gegen Breel Embolo, der die Unparteiischen mit seiner unüberlegten Schwalbe zum Eingreifen gezwungen hatte. Im Gegenteil, Embolo erhielt beim Empfang in Zürich viel tröstenden Applaus. Und rückt man alles in den richtigen Kontext, kann die Schweiz auf den Umgang mit ihrer Niederlage wohl noch stolzer sein als auf alle Siege zuvor.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Denn wie es auch sein kann, ist beim Achtelfinalgegner Kolumbien zu sehen. Aus der WM-Delegation des südamerikanischen Landes harrt der Stürmer Jáminton Campaz laut übereinstimmenden Presseberichten auch über eine Woche nach dem Ausscheiden noch am kanadischen Spielort Vancouver aus. Zu seiner Sicherheit.Campaz hatte in der 115. Minute gegen Gregor Kobel eine grosse Chance zum Siegtor vergeben. Kann passieren im Fussball, möchte man meinen. Doch im Fussball passieren auch Eigentore – trotzdem wurde der kolumbianische Verteidiger Andrés Escobar zehn Tage nach dem seinen bei der WM 1994 in Medellín erschossen. Der Vorfall traumatisiert den kolumbianischen Fussball bis heute. Und mahnt nun zur Vorsicht.Keine Leidenschaft rechtfertigt HassSchon kurz nach Spielende seien die ersten Morddrohungen gegen Campaz und Familienangehörige eingegangen, heisst es aus Kreisen des kolumbianischen Fussballverbandes FCF. Dort stufte man die Warnungen als glaubwürdig und gefährlich ein.In einem Communiqué forderte die FCF die Generalstaatsanwaltschaft Kolumbiens auf, «schnellstmöglich die nötigen Untersuchungen einzuleiten, um die Verantwortlichen dieser Vorfälle zu identifizieren, zu prozessieren und sie zu bestrafen». Im breiteren Sinne appelliert der Verband an eine scheinbare Selbstverständlichkeit: «Kein Athlet und kein Mitglied seines Umfelds sollte Ziel von Einschüchterungen werden, weil er sein Land in einem sportlichen Kontext vertritt.»Die Plage der Sündenbock-Kultur reicht an dieser WM weit über Kolumbien hinaus. Jüngst veröffentlichte die Partnerin des norwegischen Stürmers Alexander Sörloth einige Screenshots von Social-Media-Nachrichten, in denen er wegen seiner aus vermeintlichem Egoismus vermasselten Chance beim Ausscheiden gegen England dazu aufgefordert wurde, sich das Leben zu nehmen. Der Weltverband Fifa berichtete nach der Gruppenphase von rund 89 000 Hassbotschaften, die vom Überwachungssystem während der Vorrunde ermittelt wurden – eine Steigerung um das Dreizehnfache gegenüber der WM vor vier Jahren in Katar.Campaz, 26, äusserte sich auf Instagram. Er versicherte, den Schmerz des Landes über das Ausscheiden zu teilen, und betonte geradezu demütig, natürlich alles für die Nation gegeben zu haben. Im letzten Absatz bittet er um ein zivilisiertes Miteinander auch bei Rückschlägen und Niederlagen. «Mein Kolumbien, bitte lassen wir nie den Respekt beiseite», schreibt er: «Keine Leidenschaft rechtfertigt Hass und ein Leben in Angst.» Doch man muss bei den Reaktionen nicht weit scrollen, um Todesdrohungen von erschreckender Brutalität zu finden.Drohungen statt Willkommensgrüsse«Bitte lasst uns den Respekt beibehalten»: Ähnliche Zeilen hatte der später ermordete Verteidiger Escobar 1994 in seiner Zeitungskolumne für «El Tiempo» geschrieben, wenige Tage nach dem WM-Ausscheiden in den USA. Hinter der kolumbianischen Delegation lag ein nicht nur sportlich deprimierendes Turnier.Als Mitfavorit angereist, ging das Auftaktspiel überraschend gegen Rumänien verloren, was die Wettmafia in der Heimat einen fest eingeplanten Gewinn kostete. Die Nationalspieler wurden daraufhin massiv bedroht; sogar auf ihren Hotelbildschirmen sollen einschüchternde Nachrichten aufgetaucht sein, mit denen Hacker die üblichen Willkommensgrüsse ersetzten. Escobars Eigentor leitete dann im zweiten Spiel gegen die USA eine weitere Niederlage ein; der Sieg im abschliessenden Gruppenspiel gegen die Schweiz konnte am Ausscheiden nichts mehr ändern.Escobars Tod ereignete sich nach einem Streit vor einem Nachtlokal, der sich an dem Eigentor entzündete, aber auch tiefere Hintergründe hatte. Als Anstifter wurden zwei Brüder ermittelt, Juan und Pedro Gallón: Farmbesitzer und Drogenhändler, die vorher für das berüchtigte Medellín-Kartell von Pablo Escobar gearbeitet hatten, inzwischen aber für eine rechte Paramilitär-Einheit aktiv waren.Über einen Financier dieser Miliz, den späteren kolumbianischen Präsidenten Álvaro Uribe, tauchten die Gallóns und ihre Rolle bei der Ermordung des Fussballers auch bei den Wahlen im Juni in Kolumbien wieder auf – der neue Staatschef Abelardo de la Espriella, der während seiner vorherigen Anwaltstätigkeit auch Drogenhändler verteidigt hatte, wurde politisch unter anderem von Uribe aufgebaut. Die Brüder Gallón landeten derweil wiederholt auf amerikanischen und britischen Fahndungslisten. Juan wurde im Februar in Mexiko erschossen, wohl im Rahmen einer Rivalität zwischen Drogenbanden.Kontext der EnthemmungNarcos? Wettmafia? Alle beide? In den Spekulationen über die Urheber der Morddrohungen gegen Campaz tauchen Akteure aus ähnlichen Grauzonen auf wie einst bei Escobar. Umso mysteriöser und willkürlicher wirkt ihre Zielscheibe, als Campaz, der für den argentinischen Erstligisten CA Rosario Central spielt, kaum zu den Stars des Teams zählte und auch für das Ausscheiden nicht wirklich «verantwortlich» gemacht werden konnte.Vor seiner Einwechslung in der zweiten Halbzeit gegen die Schweiz war er an der WM nur zu 19 Spielminuten gekommen – hatte dabei allerdings im ersten Gruppenspiel gegen Usbekistan in der neunten Minute der Nachspielzeit das letzte Tor zum 3:1-Sieg erzielt. Im Penaltyschiessen des Achtelfinals, das Kolumbien dann nach einer – anders als 1994 – insgesamt starken WM aus dem Turnier beförderte, verwandelte er gegen Kobel.Über genauere Details des Falls ist wohl schon aus ermittlungstechnischen Gründen wenig bekannt. Von vorherigen Bedrohungen der Spieler während des Turniers ist so weit nichts überliefert. Doch wie 1994 und wie fast immer im letzten halben Jahrhundert lebt Kolumbien weiter mit zu viel Kriminalität, Gewalt und Waffen. Es ist dieser Kontext der Enthemmung, der Drohungen gegen Fussballer noch glaubwürdiger und gefährlicher macht als in anderen Ländern. Der Fall Escobar hat bewiesen, wie schnell es zum Äussersten kommen kann. Kolumbien möchte das nicht noch einmal erleben.Passend zum Artikel
Capaz verharrt seit der WM-Niederlage gegen die Schweiz in Kanada – der Kolumbianer fürchtet um sein Leben
Wegen einer vergebenen Torchance erhält Campaz Morddrohungen, die sein Verband als glaubwürdig einstuft. Der Fall weckt Erinnerungen an die Erschiessung von Andrés Escobar 1994.










