Nach dem Sieg im WM-Viertelfinale über Marokko schien es im Lager der französischen Reporterinnen und Reporter eine ernsthafte Sorge zu geben: Welcher Offensivstar ihrer Nationalmannschaft soll denn in diesem Jahr nur den „Ballon d’Or“, den „Goldenen Ball“ gewinnen? Die Auszeichnung wird von der französischen Fachzeitschrift „France Football“ verliehen – und ist damit von größerer nationaler Bedeutung als anderswo auf der Fußballwelt.Oh là là, die französische Qual der Wahl: Kylian Mbappé, der Ballermann und Kapitän, der trifft und trifft? Ousmane Dembélé, der Ballbeschleuniger und doppelte Champions-League-Sieger, der trifft und trifft? Oder Michael Olise, der elegante Ballstreichler und Aufsteiger vom FC Bayern, der zwar bei der WM nicht trifft, aber vorbereitet und vorbereitet?Die drei Fußball-Musketiere machen den „Goldenen Ball“ in dieser Saison unter sich aus, das schien ausgemachte Sache. Alle für einen? Darauf konnten sich die Franzosen angesichts der Weltklasse kaum einigen. Warum also nicht drei Ballons d’Or? Einer für alle!Die Spanier hörten von der Goldgräberstimmung bei den Franzosen. Vor dem Halbfinale, berichtete Trainer Luis de la Fuente nach dem Halbfinale, hätten Journalisten ihn erinnert, dass „wir gegen eine der besten Mannschaften der Welt antreten würden“. De la Fuente reichte die Botschaft an seine Spieler – mit einer Ergänzung: „Dass wir selbst die beste Mannschaft haben würden.“Was er sagen wollte: Es gibt einen Unterschied zwischen einer Mannschaft, die die besten Spieler hat, wie wohl Frankreich, und einer Mannschaft, die die beste Mannschaft ist, wie nach eigenem Verständnis Spanien. Und nicht nur im Fußball gilt: Eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied.Die Franzosen boten im Halbfinale zwar ihre drei Fußball-Musketiere auf, plus Bradley Barcola plus Désiré Doué plus Rayan Cherki – aber auch die zwei schwächsten Glieder: Linksverteidiger Lucas Digne, der den Elfmeter zum 0:1 verursachte, und das defensive Mittelfeld, das bisweilen so viel Raum bot, dass der Eiffelturm nicht nur in der Höhe unter das Dach der imposanten Arena in Arlington, sondern fast auch in der Breite auf den Platz gepasst hätte.Die spanische Elferkette hält fest zusammenDie bisher so starken und nun so schwachen französischen Offensivglieder wirkten losgelöst, die spanische Elferkette hielt indes fest zusammen. Es war kein Zufall, dass Rechtsverteidiger Pedro Porro das zweite Tor erzielte. Es entstand aus einem Plan, einem, der nicht allein für dieses Spiel entwickelt wurde, sondern über Jahre bearbeitet worden ist. 2013 übernahm De la Fuente die U 19, später die U 21, dann die Olympia-Auswahl, 2022 die Nationalmannschaft. Viele Spieler des WM-Kaders trainiert er seit Jahren.Jedes Detail seines Plans sollte das Ganze verbessern, eine Stärke ergänzen, eine Schwäche ausgleichen. De la Fuente hatte seine Mannschaft auf alles vorbereitet: Nach dem Anstoß schlagen die Franzosen den Ball weit weg ins Aus, um ihn dort gleich wiederzugewinnen. Doch ein Assistent mit einem Ball stand parat, gab ihn Marc Cucurella, der ganz schnell einwarf. So schnell, dass die Franzosen bis dahin gar nicht nach vorne geeilt waren.Das führte dazu, dass dieses Halbfinale ein anderes Bild zeichnete als von vielen erwartet. Frankreichs Leistung war schwächer als die Summe ihrer Teile, Spaniens stärker. Die zwei größten Namen stehen für den spanischen Gemeinsinn: Rodri hält alle Glieder zusammen, Lamine Yamal sagte, dass er mit nur einem eigenen Tor Europameister geworden sei, weswegen das auch bei der WM kein Problem sei.Anders übersetzt: Den goldenen Ball, die wichtigste Individualauszeichnung dieser Mannschaftssportart, können die Franzosen gerne unter sich aufteilen. Auf den goldenen WM-Pokal hat in diesem Jahr das Team die beste Aussicht, das auch die beste Mannschaft sein möchte. Auch das ist Teil des Plans von Luis de la Fuente.