So zerrüttet Dorothy Parkers Privatleben war, so unerbittlich streng war sie mit sich selbst, wenn sie schrieb. An ihren Geschichten arbeitete sie mit einer Akribie, die ans Manische grenzte. Jedes Wort wurde geprüft, jede Nuance gewogen, jede Formulierung so lange geschärft, bis sie ihre endgültige Gestalt gefunden hatte. „Big Blonde“, 1929 erschienen und im selben Jahr mit dem O. Henry Award ausgezeichnet, gilt als Parkers bedeutendste Erzählung. Auf engstem Raum entwirft sie darin das Porträt eines ganzen Lebens und eines langsamen Abstiegs.Die Titelfigur Hazel Morse trägt unverkennbar Züge ihrer Autorin, auch wenn man sie nicht mit ihr gleichsetzen sollte. Hazel, einst Mannequin, lebt von ihrer Wirkung auf andere. Sie ist heiter, gesellig und immer darauf bedacht, den Freunden das Leben leicht zu machen. Doch hinter dieser kunstvoll eingeübten Leichtigkeit lauern Erschöpfung und Verzweiflung. Hazel trinkt, und sie fürchtet nichts so sehr wie das Alleinsein. Männer kommen und gehen. Ein Selbstmordversuch misslingt. Aus der unheimlichen Nähe von Leben und Literatur bezieht die Erzählung ihre verstörende Kraft.In New York war ihre spitze Feder gefürchtet„Big Blonde“ ist autobiographisch grundiert, reicht aber über das Porträt einer einzelnen Frau hinaus. Berichtet wird von einer Existenz, deren Glanz den Absturz immer schon in sich trägt. Darin liegen die Größe und der Schrecken dieser Erzählung. Dorothy Parker selbst war und ist schwer zu fassen. Zu zahlreich sind die Anekdoten, Urteile und Selbstinszenierungen, die sich um sie ranken und die sie selbst mit Vergnügen beförderte. Nur an einer Sache bestand nie Zweifel. Dorothy Parker war – wie ihre Protagonistin Hazel – mit Leib und Seele New Yorkerin. Aufgewachsen an der Upper West Side Manhattans, als Jüngste von vier Kindern, erlebte sie eine freudlose Kindheit. Der frühe Tod der Mutter, die verhasste Stiefmutter und der baldige Verlust des Vaters hinterließen tiefe Spuren.Erstausgabe von Dorothy Parkers Short Story „Big Blonde“ in dem Band „Laments for the Living“, 1930ArchivAls sie 1917 Edward Parker heiratete, hatte sie sich längst jenen Spott auf die sogenannten besseren Kreise und jenen scharf geschliffenen Zynismus angeeignet, die später auch Texte wie „Big Blonde“ prägen sollten. Dorothy Parker verkörperte als New Yorker Schriftstellerin dabei vieles von dem, was man mit der Metropole verbindet: Rastlosigkeit und Moderne, Esprit und Erfolg, aber auch Härte, Grausamkeit und Einsamkeit. Bei „Vanity Fair“ machte sie sich als Theaterkritikerin einen Namen und wurde rasch berühmt und berüchtigt. Am Broadway und in den literarischen Milieus der Stadt war ihre spitze Feder gefürchtet. Über ein Werk von Natalie Colby schrieb sie etwa, es wimmele darin von so vielen Figuren, dass der Leser Gefahr laufe, „vom Mob totgetrampelt zu werden“.Parker gehörte zum legendären Algonquin Round Table, an dem sich während der Prohibitionszeit Schriftsteller, Journalisten, Schauspieler und Bohemiens trafen. Dort zählten Schlagfertigkeit und Eleganz mindestens so viel wie literarisches Talent. Parker, oft mit großen Hüten und in demonstrativer Stilsicherheit auftretend, war in diesem Kosmos eine Zentralfigur. Mit der 1922 erschienenen Erzählung „Such a Pretty Little Picture“ gelang ihr der Durchbruch als Prosaautorin. Die Kritik zeigte sich begeistert. W. Somerset Maugham rühmte ihr „wunderbar empfindliches Ohr für die menschliche Sprache“ ebenso wie ihren Humor, ihre Ironie, ihre Zärtlichkeit und ihr Pathos. Bald galt Parker als eine der besten Short-Story-Autorinnen Amerikas. Sie war ein Freigeist und eine Frau der Widersprüche.Ihre Geschichten und Kritiken gehören zum Klügsten, Schönsten und Grausamsten, was über die Zwanzigerjahre geschrieben wurde. Es sind Bestandsaufnahmen eines Lebensgefühls, in dem Eleganz und Elend untrennbar ineinandergreifen. Vielleicht liegt darin ihr literarisches Geheimnis. Dass Dorothy Parker niemals bloß geistreich sein wollte. „Wit has truth in it; wisecracking is simply calisthenics with words.“ Der Satz – Witz enthält Wahrheit, Schlagfertigkeit ist nur Wortakrobatik – ist nicht nur ein poetologisches Bekenntnis, sondern auch ein Schlüssel zu ihrem Werk, dessen Humor nie leichtfertig ist, weil er aus Schmerz gemacht ist.In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstages der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.
Dorothy Parkers Stories über Glanz und Elend der Zwanzigerjahre
Ihre Texte erzählen von der Härte hinter dem Zauber der Zwanzigerjahre: In „Big Blonde“ verdichtet Dorothy Parker ein ganzes Frauenleben zu einer Erzählung über Erschöpfung und Einsamkeit – 31. Folge unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“.







