Gewitter: wie die gewaltigen Wolkentürme entstehen und wann sie gefährlich werdenBlitze, Hagel, Sturzregen und Orkanböen – von Gewittern gehen etliche Gefahren aus. Die Vorhersage bereitet immer noch Schwierigkeiten. Fragen und Antworten zu einem spektakulären Phänomen.15.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenGewitterwolken in der Nähe des Pilatus bei Luzern.Urs Flüeler / KeystoneWie bilden sich Gewitter?Oft wirkt es so, als entstünden die dunklen Wolken mit Blitz und Donner ganz plötzlich. In Wirklichkeit dauert der Vorgang ungefähr eine halbe Stunde oder länger. Gewitter bilden sich vor allem dort, wo feuchte Luft angehoben wird, die sich in der Höhe stark abkühlt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Den Anfang eines Gewitters macht eine gewöhnliche Cumuluswolke, auch Haufenwolke genannt. In ihr steigt ständig Wasserdampf auf und kondensiert zu winzigen Tröpfchen.Welche Arten von Gewittern gibt es?Meteorologen unterscheiden grob zwei Typen von Gewittern: die Wärmegewitter und die Kaltfrontgewitter.Wärmegewitter entstehen oft in schwülwarmer Luft ohne grosse Luftdruckgegensätze. Die Verdunstung des Regenwassers bringt ein wenig Erfrischung, aber sie ist nicht von Dauer. Denn durch ein solches Gewitter wird die Luft nicht ausgetauscht, sie bleibt feucht und warm. Nachts kühlt es kaum ab. Am nächsten Morgen kann sich die Luft genauso stark aufheizen wie am Vortag. Wärmegewitter bilden sich häufig mehrere Tage hintereinander.Kaltfrontgewitter sind hingegen mit dem Austausch von Luftmassen verknüpft: Dabei wird eine feuchtwarme Luftmasse durch eine kühlere verdrängt. An der Grenze zwischen den beiden Luftmassen – der sogenannten Kaltfront – kann es zu besonders heftigen Gewittern kommen, die mit Hagel und Orkanböen einhergehen. Danach ist die Luft spürbar kühler.In jedem Fall muss feuchte Luft zum Aufsteigen gebracht werden, damit ein Gewitter entsteht. Bei Wärmegewittern passiert dies typischerweise an Berghängen oder über Flächen, die sich besonders stark aufheizen. In Kaltfrontgewittern erzwingen grossräumige Luftströmungen das Aufsteigen.Wie entstehen die Blitze eines Gewitters?Während eine Gewitterwolke wächst, ist in ihrem Inneren eine Art Billardspiel im Gang. Die Wassertröpfchen und die Eiskristalle reiben sich aneinander, sie stossen zusammen, oder sie zerstäuben. Dabei tritt ein Phänomen auf, das Physiker Ladungstrennung nennen: Die verschiedenen Partikel der Wolke werden elektrisch aufgeladen – die Eiskristalle positiv, die Wassertröpfchen negativ.Dadurch wächst die elektrische Spannung zwischen dem hohen, vereisten Teil der Wolke mit positiver Ladung und dem Erdboden, der wie die Wassertröpfchen vorwiegend negativ geladen ist. Irgendwann kommt es zu einem Kurzschluss – dem ersten Blitz. Es gibt sowohl Blitze zwischen Wolke und Boden als auch Blitze innerhalb der Wolken.Die Luft in einem Blitz kann bis zu 30 000 Grad Celsius heiss werden. Sie dehnt sich dadurch explosionsartig aus, was Schallwellen erzeugt – den Gewitterdonner. Pro Sekunde legt Schall in der Luft eine Strecke von 340 Metern zurück. Daraus ergibt sich eine bekannte Faustregel: Die Zahl der Sekunden dividiert durch drei ergibt die Entfernung eines Blitzes in Kilometern.Die meisten Blitze in der Schweiz zucken im Kanton Tessin.Keystone / Ti-Press / Gabriele PutzuWann droht ein Blitzeinschlag?Blitze können weit ausserhalb eines Gewitterregens auftreten, in einer Entfernung von mehreren Kilometern. Ganz sicher vor einem Blitzeinschlag ist nur, wer sich schon lange vor Einsetzen des Regens in einem Innenraum befindet, der Strom auf seiner Aussenseite ableitet – einem sogenannten Faradayschen Käfig. Das kann etwa ein Haus oder ein Auto sein.Exponierte Punkte im Gelände sind zu meiden, denn genau dort ist die Gefahr am grössten. Immer wieder kommt es zum Beispiel zu Verletzungen auf Sportplätzen, weil ein Blitz in ein Fussballtor einschlägt und der Strom über den nassen Boden abgeleitet wird. Auch Bäume im Wald, ein Holzverschlag oder ein Zelt bieten keinen Schutz vor Blitzen.Welche weiteren Gefahren gehen von Gewittern aus – und wie schützt man sich davor?Windböen werfen Bäume um, heftiger Regen lässt Bäche zu reissenden Flüssen anschwellen und überschwemmt Keller, Hagelkörner verwüsten Weinberge und Obstgärten, können aber auch zu Kopfverletzungen führen. Die meisten Verletzungen und Todesfälle durch Gewitter lassen sich vermeiden, wenn man sich ausreichend informiert und rechtzeitig handelt.Doch weder das Regenradar noch der Blick aus dem Fenster liefern ausreichend Aufschluss über die mögliche Gefahr. Wichtig ist es, sich zusätzlich mehrfach am Tag die Vorhersagen und Warnhinweise von einem seriösen staatlichen oder privaten Wetterdienst anzusehen – und den gesunden Menschenverstand walten zu lassen: Wer bei einem aufziehenden Gewitter Sicherheit gewährleisten will, räumt den Zeltplatz, beendet die Kanufahrt, verlegt das Gartenfest in die Innenräume und pfeift die Fussballpartie ab.Typische Folge eines Gewitters: Ein Baum begräbt ein Auto unter sich.Polizei SGWie kommt es zu Sturzregen, wie zu Hagel?Gewitterregen kann sehr kräftig werden. Bei einem heftigen Gewitter fallen 30 Millimeter Regen pro Stunde oder noch mehr. Das liegt nicht nur an den riesigen Mengen an Wasser in den Wolken, sondern auch am starken Aufwind.Die Regentropfen werden durch den nach oben gerichteten Luftstrom lange in der Gewitterwolke gehalten und können grösser werden als in gewöhnlichen Wolken, weil sie sich während des Schwebens mit anderen Tropfen verbinden. Einen Durchmesser von mehr als 6 Millimetern erreichen Regentropfen aber nur selten, weil sie vorher zerstäuben.Der Aufwind in einem Gewitter vermag Eiskristalle in der Schwebe zu halten. Frieren Wassertröpfchen an solchen Eiskristallen an, können diese zu Hagelkörnern anwachsen. Sobald die Hagelkörner zu schwer für den Aufwind werden, fallen sie aus der Wolke heraus.Eiskörner mit einem Durchmesser von weniger als 0,5 Zentimetern heissen Graupelkörner. Alle grösseren Eiskörner sind Hagelkörner.www.imago-images.deAm Boden können Hagelkörner erheblichen Schaden anrichten, vor allem in der Landwirtschaft. In der Schweiz erreichen die Eiskugeln gelegentlich einen Durchmesser von Golfbällen oder von Aprikosen. In Norditalien und in den USA sind sogar schon Hagelkörner mit einem Durchmesser von mehr als 10 Zentimetern beobachtet worden.Warum erzeugt ein Gewitter starken Wind?Beim Fallen von Regentropfen verdunstet ein Teil des Tropfenwassers. Das kühlt die Luft ab. Weil kühle Luft schwerer ist als warme, sinkt sie ab. Dadurch entstehen in einem Gewitter heftige Fallwinde.Trifft dieser Fallwind auf den Boden, wird er in die Horizontale umgelenkt. Die entstehenden Windböen können in heftigen Gewittern Orkanstärke erreichen, was einer Windgeschwindigkeit von mindestens 120 Kilometern pro Stunde entspricht. In extrem starken Gewittern erreicht der Wind bei sogenannten Downbursts sogar eine Geschwindigkeit von mehr als 150 Kilometern pro Stunde.Ein Spezialfall sind die sogenannten Tornados. Das sind rüsselförmige Gebilde aus rotierender Luft, die sich unter Gewittern bilden können. Tornados gibt es nicht nur in den USA, sondern auch in Europa. Die Windgeschwindigkeit kann die Orkanstärke weit überschreiten. In der Schweiz ist das Phänomen vergleichsweise selten – von Wasserhosen auf Seen einmal abgesehen.Warum lassen sich Gewitter so schwer vorhersagen?Gewitter spielen sich auf relativ kleinem Raum ab, und das erschwert ihre Prognose enorm. Vor allem die schmalen Aufwinde und Abwinde in den Wolken sind ein Problem. Sie fallen gewissermassen durch die Lücken des dreidimensionalen Gitters, das Vorhersagemodelle über die Atmosphäre spannen.Auch fehlen in den Vorhersagemodellen die feinen Details der Mikrophysik. Wie schnell wachsen Tropfen in einer Wolke? Entwickeln sie sich zu Hagelkörnern? Die gegenwärtigen Modelle können das nur sehr grob berechnen.Ausserdem mangelt es an Messungen. Zwar werden die Temperaturen, die Luftfeuchtigkeit und der Wind am Boden registriert, aber in höheren Luftschichten passiert das nur vereinzelt. Drohnen sind zu sensibel, als dass man sie mitten in ein heftiges Gewitter schicken könnte.All dies bedeutet, dass sich Wärmegewitter oft erst ein paar Stunden vor ihrem Auftreten prognostizieren lassen – manchmal sogar noch später. Bei Kaltfrontgewittern sieht es ein wenig besser aus, einfach weil es sich um ein grossräumiges Phänomen handelt. Diese Gewitter bilden einen viele Kilometer langen Bogen, welcher sich in den Prognosekarten manchmal Tage zuvor abzeichnet.Wie oft gibt es Gewitter in der Schweiz?Besonders häufig blitzt und donnert es im Tessin. Kein Wunder, schliesslich wird die feuchtwarme Luft aus der Poebene häufig an der Alpensüdseite zum Aufsteigen gebracht. In diesem Kanton verzeichnet Meteo Schweiz bis zu 30 Gewittertage im Jahr.In den Trockentälern des Alpeninneren, etwa im Rhonetal, kommt es eher selten zu Gewittern, dort ist die Luftfeuchtigkeit zu gering. Anders verhält es sich im Jura und in bestimmten Regionen auf der Alpennordseite. Als bevorzugte Gewittergebiete gelten laut Meteo Schweiz etwa das Napfgebiet und das Entlebuch. Die meisten Gewitter gibt es in der Schweiz von Mai bis August, wobei der Monat mit der höchsten Anzahl der Juli ist.Wie verändert der Klimawandel die Gewitter?Je wärmer die Luft ist, desto mehr Wasserdampf kann sie speichern: Pro ein Grad Celsius Erwärmung sind es ungefähr sieben Prozent mehr. Ist dieser Wasserdampf erst einmal in der Luft, kann er bei Gewittern auch wieder als Regen niedergehen.Zwar wird es in Zukunft nicht in jedem Gewitter stärker regnen als früher. Denn die Bedingungen müssen optimal zusammenpassen, damit es zur heftigstmöglichen Entwicklung kommt. Der Klimawandel bedeutet für Gewitter aber, dass heftigere Extremregenfälle auftreten können. In einer Stunde kann dann so viel Regen vom Himmel kommen, wie es früher unmöglich schien.Passend zum Artikel
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