Erst Gluthitze, dann Donnergrollen: Bayern ist gerade wieder in jener Sommerlage, in der es vom Badesee, von der Bergtour oder aus dem Biergarten mitunter ziemlich schnell nach drinnen gehen sollte. Schon am Wochenende gab es kräftige Gewitter – der Sonntag war laut Daten des Blitz-Informationsdienstes Aldis/Blids mit 1459 Erdeinschlägen der an Blitzen zweitreichste Tag des Jahres. Höchste Zeit also, ein paar vermeintliche Gewitterweisheiten zu prüfen, die sich erstaunlich hartnäckig halten.Beim Deutschen Wetterdienst heißt es: Viele klassische Gewittermythen seien zwar in den vergangenen Jahren bereits richtiggestellt worden. Trotzdem gebe es noch Irrtümer, die gefährlich werden können – etwa die Vorstellung, dass man vor Blitzen sicher sei, solange es noch nicht regnet oder die Gewitterwolke nicht direkt über einem steht.SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnierenVon Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.1. „Buchen sollst du suchen, Eichen sollst du weichen.“Schöner Reim, aber schlechte Lebensversicherung. Blitze machen keine Baumkunde. Ihnen ist ziemlich egal, ob unter ihnen eine Buche, Eiche oder der Lieblingskastanienbaum am Dorfplatz steht. Entscheidend ist: Einzelne, hohe Objekte sind gefährlich. Wer bei Gewitter unter einem Baum steht, macht sich selbst also ein bisschen zum Teil des Blitzschutzkonzepts. Demnach: keine gute Idee.Der Reim hält sich übrigens wohl auch deshalb, weil Eichen nach einem Einschlag oft dramatischer aussehen als Buchen. Ihre raue Rinde kann dazu führen, dass Wasser im äußeren Stammteil schlagartig verdampft und der Stamm aufplatzt. Bei Buchen läuft Regenwasser an der glatteren Rinde leichter ab; der Blitzstrom findet dann eher über den Wasserfilm seinen Weg in den Boden, ohne den Stamm sichtbar aufzureißen. Der Reim taugt also nicht zur Überlebensregel.2. „Im Auto ist man immer sicher.“Fast richtig. In einem Auto mit geschlossener Metallkarosserie ist man in der Regel gut geschützt. Die Karosserie wirkt wie ein Faradayscher Käfig: Sie leitet den Blitzstrom außen um die Insassen herum ab. Für die Insassen wichtig: Fenster zu, Hände weg von Metallteilen und nicht aussteigen.Ebenfalls zu beachten: Besagter Faradayscher Käfig ist keine Vollkasko-Versicherung gegen Wetter. Das Auto schützt zwar vor dem Blitz, nicht aber vor Aquaplaning, abbrechenden Ästen, Hagel oder vollgelaufenen Unterführungen. Wer vom Gewitter überrascht wird, ist im Auto also meist gut aufgehoben – man sollte daraus aber keine Einladung machen, bei Starkregen noch schnell heimzufahren.3. „Erst wenn es direkt über einem kracht, wird es gefährlich.“Leider nein. Wer Donner hört oder Wetterleuchten sieht, sollte Schutz suchen, schreibt der Deutsche Wetterdienst. Denn gefährlich wird ein Gewitter nicht erst, wenn es direkt über einem steht. Blitze können auch weit abseits der Gewitterwolke einschlagen – Meteorologen sprechen dann auch von einem „Lightning bolt out of the blue“, also einem Blitz aus scheinbar heiterem Himmel.Wie weit es ungefähr entfernt ist, lässt sich grob abschätzen: Man zählt die Sekunden zwischen Blitz und Donner und teilt sie durch drei. Hintergrund: Licht ist unvorstellbar flink und praktisch sofort da, Schall braucht dagegen etwa drei Sekunden für einen Kilometer. Liegen zwischen Blitz und Donner also drei Sekunden, ist das Gewitter etwa einen Kilometer entfernt. Das klingt nach Abstand, ist für ein Gewitter aber noch gefährliche Nähe.Wichtig also: Blitze können auch einige Kilometer neben dem eigentlichen Gewitter einschlagen. Wer also am Badesee noch überlegt, die Brotzeit vorher fertig zu essen, hat meteorologisch schon verloren.4. „Bei Gewitter auf keinen Fall duschen.“Meistens ist das Risiko klein – vor allem in modernen Gebäuden mit gutem Blitzschutz und Kunststoffleitungen. Ganz pauschal stimmt der Satz aber nicht. In älteren Häusern oder Gebäuden ohne verlässlichen Blitzschutz können metallene Wasserleitungen im ungünstigen Fall Strom weiterleiten.Die pragmatische Lösung: Die fünf Minuten wartet man halt. Auch in Bayern ist noch niemand an aufgeschobenem Duschen zugrunde gegangen, höchstens im Regionalzug unangenehm aufgefallen.5. „Handys ziehen Blitze an.“Nein. Das Smartphone ist für Blitze ziemlich uninteressant. Gefährlicher ist eher, was Menschen damit machen: draußen stehen bleiben, das Gewitter filmen, noch schnell ein Foto vom Himmel verschicken – statt Schutz zu suchen.Ein kleiner Rest Wahrheit steckt nur im alten Festnetztelefon mit Kabel. Darüber konnten bei einem Einschlag Überspannungen ins Haus gelangen.Für den Mythos gilt also: Der Blitz wird nicht vom Handy angezogen. Höchstens der Mensch von der Idee, noch schnell ein spektakuläres Video zu machen. Daher gilt, frei nach Ferdinand von Schirach: Draußen ist es (bei Gewitter) nur von drinnen schön.6. „Gewitter sind überall gleich.“Ja, im Grundsatz ist das richtig: Ein Gewitter entsteht, wenn feuchte, warme Luft aufsteigt, abkühlt und zu mächtigen Quellwolken anwächst. In der Wolke geraten Luftmassen durcheinander, Wassertröpfchen und Eisteilchen stoßen zusammen, elektrische Ladung trennt sich – irgendwann blitzt und donnert es. So weit, so Wetterkunde.Aber gerade in Bayern spielt auch die Landschaft eine Rolle. Der Deutsche Wetterdienst verweist etwa darauf, dass Alpenrand und Voralpenland günstige Bedingungen für langlebige und organisierte Gewitter schaffen können, die dann mit Unwetterpotenzial am Alpenrand entlang nach Osten ziehen. Und auch der Föhn verändert die Lage: Mal hemmt er die Gewitterentwicklung, mal kann er dazu beitragen, dass sich Energie in der Luftmasse sammelt und später heftig entlädt.
Vom Handy bis zur Buche: Was bei Gewitter wirklich gefährlich ist
Buchen sollst du suchen? Von wegen. Über Gewitter kursieren viele Mythen. Manche sind falsch, manche nur halb richtig. Ein kurzer Realitätscheck.










