Tourismus-Weltmeister Spanien produziert neue Rekordzahlen. Das hat auch mit der instabilen Weltlage zu tunSpanien gilt als sicheres Reiseland. Deshalb entscheiden sich dieses Jahr noch mehr Touristen für Ferien auf Ibiza, Mallorca oder in Barcelona. Die Schweizer tun das besonders häufig.Florian Haupt, Barcelona15.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenSie wehren sich gegen die Massen: Schon Anfang Juli organisierten Aktivisten kleinere Proteste gegen den Tourismus auf Mallorca.Francisco Ubilla / ReutersWährend auf Mallorca jeden Tag Tausende Feriengäste landen, organisieren die Einheimischen den Widerstand. Ende Juli soll in der Hauptstadt Palma eine grosse Demonstration gegen den Massentourismus stattfinden. Im vergangenen Jahr hatten auf der Insel ähnliche Proteste mehrere zehntausend Menschen angezogen. Dieses Jahr haben Aktivisten in den sozialen Netzwerken gar ein «Aktionshandbuch gegen die Touristifizierung» veröffentlicht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In dem Handbuch berichten die Aktivisten detailliert, wie sie zur Tat schreiten wollen. So richteten sich die Proteste zum Beispiel gegen Maklerbüros und Wohnungen von Touristen, die Aktivisten wollen «Farbschmierereien» anbringen und Schlüsselboxen blockieren. Die kleinen Kästchen also, die von Airbnb-Gastgebern an Hauseingängen zur Schlüsselübergabe angebracht werden. Ob solche Aktionen wie von den Veranstaltern reklamiert als «gewaltfrei» durchgehen, lässt sich diskutieren.Dabei ist klar: Den Aktivisten geht es um die Macht der Bilder, die Reisenden verdeutlichen sollen, dass sie auf Mallorca unerwünscht sind. In den letzten Jahren griffen die Demonstranten dafür zu Wasserpistolen und schossen damit auf die Touristen. Nur: Die Abschreckung funktioniert bislang kaum. Im Gegenteil.Wieder ein Tourismus-RekordSpaniens Tourismusminister Jordi Hereu hat vorige Woche vielmehr Rekordzahlen verkündet. Allein für die Sommermonate werden 43 Millionen Besucher im Land erwartet, eine Steigerung von sechs Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Sie sollen 64 Milliarden Euro im Land lassen, das ist zehn Prozent mehr als noch 2025. Auf das ganze Jahr gerechnet dürfte Spanien erstmals die Marke von 100 Millionen Besuchern übersteigen. Im vergangenen Jahr waren es 97 Millionen. Und das bei einer Bevölkerung von knapp 50 Millionen. Im Verhältnis Touristen pro Einheimischem liegt Spanien damit vor Frankreich, dem knappen Spitzenreiter bei den absoluten Besucherzahlen weltweit.Die Zahlen für die nächsten Monate gelten dabei sogar noch als konservativ kalkuliert, weil sie die volatile Weltlage nicht berücksichtigen. In den vergangenen Monaten sorgte die Instabilität im Nahen Osten für einen Rückgang der Asienreisen und für zusätzliche Last-Minute-Buchungen in vergleichsweise sichere und leicht erreichbare Regionen wie Spanien. Laut spanischem Statistikamt reisten im Mai mit 10,3 Millionen letztlich 9,5 Prozent mehr Touristen an als im Mai vergangenen Jahres.Insgesamt besuchten in den ersten fünf Monaten 2026 über 36,8 Millionen Menschen das Land. Dabei reisten überproportional viele Schweizer an: Im Januar waren es acht Prozent mehr als im Vorjahr, im Mai gar 16 Prozent. Insgesamt bereisten in den ersten fünf Monaten des Jahres bereits knapp 900 000 Schweizer das Land. Mit Abstand die grösste Besuchergruppe bildeten mit 7 Millionen die Briten, vor den Franzosen (4,6 Mio.) und den Deutschen (4,5 Mio.).Für die spanische Wirtschaft bleibt der Tourismus damit wie gehabt ein Schlüsselfaktor. Rund 13 Prozent trägt er stabil zum Bruttoinlandprodukt bei, ähnlich gross ist seine Bedeutung für den Stellenmarkt. Die Bevölkerung weiss das. So generieren Aktionen mit Wasserpistolen oder Anti-Tourismus-Graffiti zwar abschreckende Bilder – doch die Mehrheitsmeinung dürfte das kaum widerspiegeln, so sehr fast jeder Spanier gern die Exzesse des Massentourismus stoppen würde.Angestellte können sich keine Wohnungen mehr leistenBesonders angespannt ist die Situation auf dem Wohnungsmarkt. Auf Mallorca oder auf Ibiza können sich Angestellte und Arbeiter oft kaum ein akzeptables WG-Zimmer leisten; die etwas besser Bezahlten pendeln im Extremfall per Flugzeug vom Festland, die Ärmeren wohnen in umgestalteten Schiffscontainern.In den Grossstädten Madrid und Barcelona kostet die Miete für ein Apartment im Zentrum durchschnittlich 74 Prozent eines Einkommens. Barcelona will bis Ende 2028 alle Lizenzen für touristische Vermietungen stornieren und so rund 10 000 Wohnungen auf den regulären Mietmarkt zurückführen. Im Nebeneffekt sollen die Besucher gezwungen werden, auf die teureren Hotels auszuweichen.«Qualitätstourismus» lautet das seit Jahren auch anderswo in Spanien beschworene Zauberwort. Die Mehrheit der rund 40 000 neuen Hotelzimmer, die landesweit bis 2030 prognostiziert werden, soll sich in diesem Segment bewegen. Momentan gibt es in ganz Spanien 670 000 Hotelzimmer.Für ihre eigenen Reiseplanungen nutzt den meisten Spaniern diese Ausweitung des gegenwärtigen Bestands aber wenig. Ein Grossteil der Bevölkerung muss wegen Betriebs- und Geschäftsferien die Hauptferienzeit im August nehmen – wenn zugleich Ausländer mit überlegener Kaufkraft an die Strände des Landes drängen. Die Hotelpreise sind dann rund dreimal so hoch wie sonst.Dieses Jahr wird der Wettkampf um freie Betten zeitweise noch ärger. Am 12. August steht die erste totale Sonnenfinsternis in Europa seit 20 Jahren an. Zu sehen sein wird sie in Gänze nur im äussersten Norden Sibiriens, im Westen Islands, in Grönland – und in weiten Teilen Spaniens. Unter anderem in Palma de Mallorca.Passend zum Artikel
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