Arme Engländer! Hochsommerhitze in Atlanta, trotzdem müssen sie sich warm anziehen: Argentinien wartet im Halbfinale. Das ist das Team, das neben dem Alleinunterhalter der US-Soccer-Liga, Lionel Messi, offenkundig auch die Fifa-Schiedsrichter auf seiner Seite hat. Was haben sie dem Land in diesem Turnier jedenfalls nicht schon Gutes getan! Messis Foul zum Auftakt gegen Algerien, identisch zum Rot-Sündenfall des US-Stürmers Balogun: blieb straffrei. Das Führungstor gegen Österreich: erwuchs direkt aus einem ungeahndeten Foulspiel. Gegen die Kapverden, Ägypten und die Schweiz: halfen großzügig verteilte Gefälligkeiten. Gelbe Karten sahen die knochenharten Südamerikaner auch fast nie: sechs in sechs Spielen. Wird nun England die mysteriösen Kräfte der Fifa-Schiedsgerichte kennenlernen?Die Schleier fallen in jedem Fall bei dieser WM, bei der Donald Trump bei Fifa-Boss Johnny Infantino den Telefonjoker zieht. Argentinien, letzte Hoffnung Amerikas neben den unvermeidlichen Europäern, muss den Titel kriegen, so sieht es zumindest das Drehbuch in den Köpfen vieler Fifa-Granden vor. Und dass Europa das obsessive Feindbild Infantinos ist, dessen sportliche und finanzielle Vormacht im Weltfußball leider nicht zu brechen ist, ist nur einer von mehreren handfesten Gründen.Fifa:Gianni Infantino und der Kampf um EuropaTrumps Anruf bei der Fifa und die Folgen erhitzen weiter die Gemüter: Jetzt fordert die Politik Aufklärung. Inzwischen scheint auch Infantinos Wiederwahl gefährdet zu sein. Wie verhält sich der DFB?Argentiniens Verband AFA wird von Claudio Tapia regiert, einem Geschäftsmann, der viel Ärger mit der heimischen Justiz und besonders mit Staatschef Javier Milei hat. Dass er im fernen Miami mit AFA-nahen Firmen zugange ist, zieht jetzt sogar das Augenmerk der Geldwäschefahnder des FBI auf sich. Beste Fußballkreise also, ergänzt durch Alejandro Domínguez, den Boss des Südamerika-Verbandes Conmebol aus Paraguay, dem ebenfalls die heimische Justiz zusetzt. Das Gesamtszenario erinnert an die Fifa-Gate-Ära vor gut zehn Jahren, als der organisierte Fußball erschüttert wurde. Aber wir wollen nicht vorgreifen. Domínguez und Tapia, deren Heimatländer Schauplätze der WM 2030 sind, brachten schon vor Monaten ihren Conmebol in Stellung: als lärmenden Befürworter von Infantinos Wiederwahl im März 2027.Zurück nach Miami, wo sich – eine Autostunde von Donald Trumps Privatresidenz – das neue Machtzentrum des globalen Fußballs herausschält. Dort firmiert nicht nur die AFA, sondern seit Jahren auch Tapias Schützling Lionel Messi; jener Mann also, der als künftiger Doppelweltmeister alle Fußballhelden überstrahlen und diesen Glanz auf seine Freunde in Florida abstrahlen lassen würde. Zu den Amigos zählt natürlich auch Infantino: Zufällig hat die Fifa ihren Zweitsitz in Miami. Die Metropole wollte zur „Krypto-Hauptstadt der Welt“ aufsteigen, was Infantinos Fieberträume von einer eigenen Fifa-Währung befeuerte.Der Krypto-Höhenflug gleicht gerade eher einem lauen Lüftchen, aber der Fiebertraum lebt: Fifa-Coins und -Tokens sollen als digitale Währung die globale Fangemeinde umschließen. Ein Anfang wurde gemacht mit einem Blockchainsystem beim WM-Ticketverkauf, nur leider stiegen Straf- und Aufsichtsbehörden in das Thema ein. Egal, Infantino plant schon den nächsten Anlauf, mit einem auf 64 Teams aufgeblähten WM-Turnier 2030. Zwei Zugpferde dieser geplanten Vergrößerung: Tapia und Domínguez. Was böte das für Abzockmöglichkeiten!Mit eigener Währung könnte Infantino, der Kickerboss aus den Walliser Alpen, an einem ganz anderen Rad drehen als bisher. Klar, Fußball ist ein Unterhaltungsriese, aber auch nur ein Wirtschaftszwerg. Der Umsatz des Einzelunternehmens Nike liegt bei 46,4 Milliarden Dollar – und damit fast 20 Prozent über dem Gesamtumsatz aller europäischen Topligen des Fußballs.Und selbst wenn Miamis Träume als Krypto-Kapitale geplatzt sein mögen, die Strukturen für den großen Wurf sind gegossen. Miami ist das Handelstor für Lateinamerika und Nahost, eng verknüpft mit Riad. Es ist der zentrale US-Knotenpunkt für saudisches Kapital und Investorentreffen auf Topniveau. Ebenso kurz sind die Fußballwege: Infantino hat die WM 2034 einfach mal an Saudi-Arabien verschenkt, Messi ist der größte Markenbotschafter des Königreichs. So trifft alles nachbarschaftlich zusammen im Süden Floridas. Und nichts würde sich schöner fügen als der WM-Goldpokal für Argentinien – Tapia kann ihn ja gern zurückbringen, nachdem er Milei mit einem WM-Triumphzug daheim gedemütigt hat.Und das sollen jetzt Harry Kane und seine Three Lions torpedieren?Spielerisch mögen die Engländer viel stärker wirken als Argentinien, aber was sich in einem sowie rund um ein Fußballspiel von außen anrichten lässt, hat dieses Turnier bereits gezeigt. Wie weit das gut erkennbare WM-Drehbuch der Fifa reichen wird? Dieses Halbfinale könnte die Antwort darauf liefern.