Frankreich inszenierte seine bislang grösste Militärparade am 14. Juli als Botschaft der Stärke. Ehrengast war der ukrainische Präsident Selenski. Macron machte daraus auch eine Bilanz seiner Amtszeit.14.07.2026, 17.41 Uhr4 LeseminutenFranzösische Panzerfahrzeuge fahren während der Militärparade zum Nationalfeiertag auf den Champs-Élysées in Paris.Benoit Tessier / ReutersAls am Dienstagvormittag unter strahlend blauem Himmel 21 ukrainische Soldaten über die Champs-Élysées marschierten, ging für Wadim Omeltschenko ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung. Schon im Juli 2023 hatte sich der ukrainische Botschafter in Paris vorgestellt, eines Tages werde die Armee seines Landes am französischen Nationalfeiertag vertreten sein – damals noch in der Hoffnung auf einen baldigen Sieg über Russland.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Drei Jahre später wütet der Krieg weiter. Auf der Ehrentribüne der Militärparade zum 14. Juli sass jedoch erstmals der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski neben Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron. Er durfte mitverfolgen, wie eine Formation ukrainischer Soldaten hinter der blau-gelben Flagge ihres Landes vorbeimarschierte. Auf Fernsehbildern kämpfte Selenski sichtbar mit den Tränen. In zwei Mirage-2000-Kampfjets der französischen Luftwaffe flogen neben französischen Piloten ausserdem in Frankreich ausgebildete ukrainische Co-Piloten mit.Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski und seine Frau Olena verfolgen von der Ehrentribüne in Paris aus die Militärparade.Thomas Padilla / APEine Formation der ukrainischen Armee marschiert vom Arc de Triomphe zur Place de la Concorde.Eliot Blondet / Imago«Strategisches Erwachen»Nach Angaben des Élysée stand Macrons letzter Nationalfeiertag als Präsident unter dem Leitmotiv des «strategischen Erwachens Europas». Mit 6700 Soldaten, 98 Flugzeugen, 31 Helikoptern und 315 Fahrzeugen beteiligten sich so viele Militärangehörige wie nie zuvor. Gezeigt werden sollte der Wiederaufbau der französischen Streitkräfte ebenso wie der Anspruch Europas, nach dem schrittweisen Rückzug der USA mehr Verantwortung für seine eigene Sicherheit zu übernehmen. In dieses Konzept sollte sich auch die prominente Rolle der Ukraine einfügen.Macron bezeichnete die Anwesenheit der ukrainischen Soldaten als «Symbol der Brüderlichkeit, des Mutes und eines gemeinsamen Schicksals». Während am Himmel die Patrouille de France blau-weiss-rote Rauchfahnen zog, zeigten französische Kampfjets erstmals Attrappen von Waffensystemen wie dem Marschflugkörper Scalp unter ihren Tragflächen. Besonders hervorgehoben wurden zudem jene französischen Verbände, die an der Nato-Ostflanke stationiert sind.Für Emmanuel Macron war es am Dienstag die letzte Militärparade als Präsident Frankreichs.Benoit Tessier / ReutersPassend zur Botschaft der Parade hatte Macron am Vorabend erneut die Staats- und Regierungschefs der sogenannten Koalition der Willigen in den Élysée-Palast geladen. Das von Frankreich und Grossbritannien gegründete Bündnis vereint inzwischen 37 Staaten, die Kiew mit Geld und Waffen unterstützen und zugleich Pläne für die militärische Absicherung eines möglichen Waffenstillstands ausarbeiten. Neben Selenski reisten unter anderem der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz und der britische Premierminister Keir Starmer an. Die meisten der beteiligten Staaten waren am Dienstag auch mit eigenen Soldaten auf den Champs-Élysées vertreten.Manöver in Polen geplantGrosszügige Hilfszusagen hatten die Verbündeten der Ukraine schon vergangene Woche beim Nato-Gipfel in Ankara gemacht. Dort beschlossen sie Militärhilfe von jeweils mehr als 70 Milliarden Euro für dieses und das kommende Jahr und kündigten eine weitere Verstärkung der ukrainischen Luftverteidigung an. Der amerikanische Präsident Donald Trump hatte Selenski sogar eine Lizenz zur Herstellung von Munition für das Flugabwehrsystem Patriot in Aussicht gestellt.In Paris wollte Macron nun zeigen, dass Europa auch militärisch handlungsfähig ist. Deshalb kündigte er erstmals gemeinsame Manöver der geplanten Schutztruppe für die Ukraine, der Multinational Force Ukraine (MNF-U), an. Der polnische Ministerpräsident Donald Tusk präzisierte am Dienstag, dass die ersten Übungen im Herbst in Polen stattfinden sollen. Neben seinem Land werden sich zunächst Frankreich und Grossbritannien beteiligen. Die MNF-U ist für die Zeit nach einem möglichen Waffenstillstand vorgesehen. Sie soll die ukrainischen Streitkräfte beim Wiederaufbau unterstützen und die Sicherheit des Landes zu Lande, in der Luft und zur See mit absichern. Ob Deutschland ebenfalls Soldaten entsenden wird, liess Merz offen.Emmanuel und Brigitte Macron posieren mit weiteren Staats- und Regierungschefs nach der Parade für ein Gruppenfoto.Benoit Tessier / APEin weiterer Schwerpunkt des Treffens war die Raketenabwehr. Dazu gründeten Frankreich, Deutschland, Grossbritannien, Italien, Spanien, Dänemark, die Niederlande, Norwegen und Schweden gemeinsam mit der Ukraine eine neue, ausdrücklich defensiv ausgerichtete Koalition gegen ballistische Raketen. Sie soll Forschung, Rüstungsindustrie und die Erfahrungen aus dem Krieg enger zusammenführen, um neue Abwehrsysteme schneller zu entwickeln. Eines der ersten Vorhaben ist das deutsch-ukrainische Projekt Freya. Das System soll russische Raketen deutlich kostengünstiger abfangen können als das amerikanische Flugabwehrsystem Patriot. Mit einem Einsatz wird allerdings frühestens 2027 gerechnet.Macron stellte der Ukraine zudem eine Lizenz zur Produktion französischer Aster-30-Abfangraketen in Aussicht. Die Lenkwaffen gehören zum französisch-italienischen Flugabwehrsystem Samp/T, das wie das Patriot-System auch ballistische Raketen abfangen kann. Geplant sind ausserdem Produktionslizenzen für AASM-Lenkbomben und Scalp-Marschflugkörper. Langfristig soll die Ukraine so weniger von amerikanischen Waffenlieferungen abhängig werden.Bis die neuen Produktionskapazitäten Wirkung zeigen, wird es allerdings noch dauern. Für den kommenden Winter dürfte die Ukraine deshalb weiterhin auf Patriot-Abfangraketen aus den USA sowie auf weitere Waffenlieferungen ihrer westlichen Partner angewiesen sein. Präsident Wolodimir Selenski bezifferte den Bedarf auf rund 100 Patriot-Abfangraketen pro Monat – insgesamt etwa 300 für die Wintermonate.Macron hat in den vergangenen Jahren viel politisches Kapital darauf verwendet, Frankreich auf eine zunehmend unsichere Welt einzustimmen. Die Verteidigungsausgaben wurden verdoppelt, die Armee modernisiert und die französische Präsenz an der Nato-Ostflanke ausgebaut. Seine letzte Parade sollte auch zeigen, was daraus geworden ist. Laut einer aktuellen Umfrage findet die Aufrüstung der eigenen Streitkräfte bei den Franzosen breite Zustimmung. Nur bei der Ukraine wird es schwieriger: 42 Prozent finden, dass sie am Nationalfeiertag zu stark im Mittelpunkt stand.Passend zum Artikel