Es ist klar und kühl, als wir am frühen Morgen ein letztes Selfie an der Kante machen. Grinsend stehen wir unter der alten Glocke am Tor zum „Hermit’s Rest“, einem 1914 erbauten rustikalen Rasthaus ganz am westlichen Ende der Straße durch den Grand Canyon Nationalpark.Hier beginnt der Hermit Trail, benannt nach dem „Eremiten“ Louis Boucher – der vielleicht idyllischste der sieben Fußwege, die die Südkante mit dem Colorado River verbinden. Schon vor mehr als hundert Jahren diente er abenteuerlustigen Touristen als Pfad hinab in die enorme Schlucht.Boucher war aus Quebec als Schürfer in den amerikanischen Südwesten gekommen und hatte sich 1891 im Grand Canyon niedergelassen. Seinen Pfad ins Innere des Canyons baute Anfang des 20. Jahrhunderts die Santa Fe Railroad aus, um Besucher in ein Luxuscamp mehr als tausend Höhenmeter unter der Kante zu locken.

Auf der Tonto Platform, einer geologischen Terrasse im unteren Teil der Schlucht, konnte man damals in mit Öfen, Duschen und Telefonen ausgestatteten Zelthütten übernachten und Mahlzeiten in einem eleganten Restaurant einnehmen; Vorräte wurden mit einer eigens konstruierten Seilbahn hinabgebracht. Aber als mit der Phantom Ranch am Colorado River eine attraktivere Alternative auftauchte, hat man in den 1930iger-Jahren das Camp kurzerhand abgerissen.600 Meter unter der KanteNoch heute geht man auf den ersten steilen Kilometern auf den Überresten eines imposanten Kopfsteinpflasterpfads, der Touristen und ihren Maultieren einen bequemeren Abstieg bot. 600 Höhenmeter unter der Kante erreichen wir das Waldron Basin, einen idyllischen Garten voller schattenspendender Wacholderbäume, Pinien, Yuccapflanzen und Opuntien-Kakteen.Halt dich fest: Wanderer auf dem Hermit TrailNina RehfeldEtwas weiter schlängelt sich der Pfad durch einen Felsspalt hinab zu einer historischen Rasthütte am Wegesrand und folgt dann in einer langen Traverse den roten Klippen des Hermit-Schiefers – auch dieser ist benannt nach dem einsamen Schürfer, der seine Eremitage im Canyon 1909 im Angesicht von wachsendem Tourismus aufgab.Wir gehen in herrlichem Schatten, einer der großen Vorzüge des Hermit Trails in einer Landschaft, in der Sonnenschutz Luxus ist. Unter und neben uns erstreckt sich der Grand Canyon wie ein in endlose Falten geworfener Teppich. Wir sind zu Winzlingen in dieser gewaltigen Landschaft geworden.Planschen im FelsenpoolErst als wir den schwarzen Flint der Cathedral Stairs durchstiegen haben und am späten Nachmittag die Kreuzung des Tonto Trails erreichen, brennt die Sonne mit überraschender Wucht auf uns herab. Knapp vier Kilometer liegen noch vor uns. Die Beine sind müde, der Rucksack schwer, aber es steht eine köstliche Belohnung in Aussicht: Der Monument Creek, ein klarer Bach in einer schmal gewundenen, glatten Granitschlucht, in dem wir den Spätnachmittag beim Planschen in flachen Felsenpools verbringen.Er ist einer von zwei malerischen Bächen, die in dieser Ecke des Canyons wunderbare Abkühlung und Rastgelegenheit bieten. Den zweiten, den Hermit Creek, werden wir in ein paar Tagen erkunden. Aber erst geht es nach einer sternenglitzernden Nacht im Monument Camp zum Fluss hinab, der diesen Canyon seit sechs Millionen Jahren in die Erdschichten fräst. Nach bloß einer Wanderstunde erreichen wir die Sanddünen an den Granite Rapids – hier stellt der Colorado seine unbändige Kraft zur Schau. Wir suchen ein schattiges Zeltplätzchen unter Tamariskensträuchern und stehen staunend an den rauschenden Stromschnellen, die das Wasser so wild verwirbeln, dass einem schwindlig werden kann.Am Hermit Creek: Badestopp im SchattenNina RehfeldDann beobachten wir, wie die länger werdenden Schatten den Canyon verschlingen und die hohen Zinnen ganz oben, wo wir gestern losmarschiert sind, feuerrot im letzten Sonnenlicht erglühen. Am Morgen gilt es, den Boat Beach zu erkunden, einen lang gestreckten Sandstrand unter schattigen Cottonwoods einige Hundert Meter flussaufwärts, der oft von Rivertrips in Anspruch genommen wird.Doch heute sind wir allein hier – bis wir am Nachmittag in der Ferne ein paar Boote auf dem Fluss erspähen. Aber statt hier anzulanden, gleiten sie weiter, hinein in die Stromschnellen und in einem dramatischen Tanz hindurch. Wir winken ihnen nach. Später erblicken wir über uns einen weiteren Fluss, der sich hinreißend brillant über den Nachthimmel spannt: die Milchstraße.Noch vor Sonnenaufgang brechen wir auf zum Hermit Creek – ein Stück zurück nach oben, über die Tonto Platform nach Westen, bevor die Sonne zu hoch steht. Dort erforschen wir die Ruinen des alten Luxuscamps: einige niedrige Mauern, ein paar Porzellanscherben, Maschinenteile der alten Seilbahn, längst überwuchert von Wüstensträuchern. Einen Steinwurf weiter lockt der paradiesische Hermit Creek. Wir setzen die Rucksäcke ab, stecken die Füße ins kühle Rinnsal, das den Sandstein wie ein feines Tuch überzieht, und plötzlich scheint es Diamanten zu regnen – ein Schauer glitzernder Tropfen fällt durch die Sonnenstrahlen aus einer schwarzen Wolke herab. Wir jauchzen.Tosende Landschaften erleben alle, die mit dem Schlauchboot auf dem Colorado River unterwegs sind.Nina RehfeldVorboten einer biblischen FlutDann flüchten wir aus dem Bachbett. Sturzfluten sind in engen Canyons wie diesem bei Regen nicht selten. Der Creek unter uns färbt sich rot, Wasserfälle stürzen über die Felskanten. Dann ist es vorbei. Ein Abendhimmel voller purpurner Wolken und Regenbogen über unserem letzten Camp täuscht darüber hinweg, dass dies Vorboten eines biblischen Unwetters waren.Es wird uns beim Aufstieg zur Kante begleiten, aber es bleibt nichts übrig, als tapfer durch windgepeitschte Regenschleier, durch Blitz und Donner und den Geruch schwelender Bäume bergan zu stapfen – und, die Glocke am Hermit’s Rest vorm inneren Auge, ein Stoßgebet an die Canyon-Götter zu schicken, die wie immer Tribut für ihre Erlaubnis fordern, in diese phantastische Welt einzutauchen.Der Weg zum Hermit TrailAnreise mit dem Flugzeug zum Beispiel nach Phoenix oder Las Vegas; von hier aus am besten weiter mit dem Mietwagen.Beste Reisezeit Frühjahr oder Herbst; im Winter sind die Pfade oft verschneit, und die Tage sind kurz; im Sommer ist es gefährlich heiß im Canyon.Der Hermit Trail zählt zu den schwierigsten und einsamsten Pfaden im Grand Canyon; Erfahrung mit Wanderungen abseits der Zivilisation, eine detaillierte Planung und eine umfassende Canyon-Ausrüstung sind absolutes Muss. Für Kinder unter sechzehn nicht zu empfehlen. Informationen gibt es über die Park-Website und im Backcountry Office im Park. Eintritt Einem neuen Gesetz zufolge müssen seit 2026 Nichtansässige in den USA eine Extragebühr von 100 Dollar pro Kopf für den Zutritt zum Grand Canyon bezahlen. Dies umfasst nicht die (erschwinglichen) Gebühren fürs Campen. Am günstigsten ist für Gruppen der Kauf eines Annual National Park Pass für 250 Dollar, der insgesamt vier Besucher abdeckt und in allen US-Nationalparks für ein Jahr gültig ist. Besucher, die fünfzehn Jahre oder jünger sind, haben weiterhin freien Eintritt.Übernachtung Am Grand Canyon frühzeitig buchen, zum Beispiel in der historischen El Tovar Lodge oder der Bright Angel Lodge und den dazugehörigen Blockhütten an der Canyonkante. Reservierungen sind für Übernachtungen im Canyon Pflicht. Es empfiehlt sich, je nach offenen Campingspots eine Route zu planen. Reservierungen können maximal vier Monate im Voraus gemacht werden.