Der Streit um das gescheiterte Milliardenprojekt des Industriegaskonzerns Linde in Russland beschäftigt seit diesem Dienstag auch die deutsche Justiz. Eine Zivilkammer am Landgericht Frankfurt hat in einer Klage der Deutschen Bank gegen den Linde-Konzern verhandelt. Gut 260 Millionen Euro verlangt das Bankhaus als Regress für die vom russischen Staat beschlagnahmten Vermögenswerte, nachdem sich Linde im Frühjahr 2022 aus einem zehn Milliarden schweren Energieprestigeprojekt in Ust-Luga zurückgezogen hatte, gut 120 Kilometer westlich von St. Petersburg und unweit der Ostsee.Mit dem Rückzug im Jahr 2022 reagierte Linde auf den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine und damit einhergehende Sanktionen gegen den Kreml. Einige Kunden würden nicht mehr beliefert und man werde einen Teil der Anlagen abstoßen, teilte der amerikanisch-deutsche Konzern im April 2022 bei der Verkündung seiner Quartalszahlen mit.Allerdings hatte Linde erst im Herbst 2021 zwei Großaufträge vom russischen Gaskonzern Gazprom mit einem Volumen von rund sechs Milliarden Euro erhalten, darunter auch die Errichtung einer Gasverarbeitungsanlage sowie einer Flüssiggasanlage bei Ust-Luga. Von dem dortigen Konsortialpartner RusChemAlliance (RCA), einem Gemeinschaftsunternehmen von Gazprom und Rus-GasDobycha, erhielt Linde damals einen Vorschuss von einer Milliarde Euro.Banken geben Garantien mit RückzahlungsanspruchIm Gegenzug stellten mehrere Banken, darunter die Deutsche Bank, die Commerzbank sowie die zu Unicredit gehörende Hypovereinsbank (HVB), Garantien mit Rückzahlungsansprüchen zugunsten des russischen Partners aus. Nach der Teilinvasion der Ukraine durch die russische Armee und dem Baustopp verweigerten die Banken ihre Zusagen. Daraufhin erwirkte RCA vor einem Gericht in St. Petersburg die Beschlagnahme von Vermögenswerten in Höhe von einer Milliarde Euro; zuletzt scheiterte die Deutsche Bank in Russland mit dem Versuch einer Berufung im Januar 2025.Parallel stritten sich die Banken und RCA mehrere Jahre vor britischen Gerichten, zunächst über die Zuständigkeit, dann über gerichtliche Anordnungen, die letztlich die Beschlagnahme in Russland aufheben sollten („Anti-Suit-Injunction“). Wegen der Wirkung solcher Anordnungen, die hierzulande eine Klage gegen RCA blockieren, entschieden sich die Anwälte der Banken von 2025 an dazu, vor Gerichten in Frankfurt und München Regress von Linde einzufordern.Deutsche Bank hat den Verlust weitgehend abgeschriebenLaut ihrem Geschäftsjahresbericht 2025 hat die Deutsche Bank die Forderungen gegen RCA in Höhe von 244 Millionen Euro abgeschrieben. Zugleich betonte sie, dass ihr weiterhin ein wirksamer Erstattungsanspruch zustehe – womit der Regress gegen Linde in den Fokus rückte.Nach einer vorläufigen Einschätzung der Frankfurter Zivilkammer am Dienstag stehen die Chancen der Deutschen Bank auf eine Entschädigung gut. „Aus unserer Sicht ist es nicht zwangsläufig so, dass die Deutsche Bank das Risiko tragen musste“, zitiert die Nachrichtenagentur Bloomberg die Vorsitzende Richterin Corinna Distler. „Beide Seiten wussten, dass es sehr willkürlich zugehen kann, wenn man einen Rechtsstreit mit russischen Unternehmen beginnt“, sagte Distler. Ihre Entscheidung will die Kammer am 20. Oktober verkünden.„Wir begrüßen die heutigen Ausführungen des Gerichts“, sagte ein Sprecher der Deutschen Bank auf Nachfrage. Angesichts des noch laufenden Verfahrens wollte sich Deutschlands größte Geschäftsbank indes nicht weiter äußern.Linde greift Niederlage mit Eventualverbindlichkeit vorwegEin Linde-Sprecher teilte mit, es gehe um grundlegende Fragen des europäischen Sanktionsrechts, die viele europäische Unternehmen betreffen, die in Russland Unrecht erfahren hätten. „Dieses Verfahren ist der erste Schritt zu klären, wie EU-Sanktionen praktisch angewandt werden und wer die Risiken trägt“, hieß es weiter. Linde habe sich zu jeder Zeit an die europäischen Sanktionen gehalten. „Wir glauben weiterhin, dass die Deutsche Bank ihre rechtlichen und vertraglichen Verpflichtungen nicht erfüllt hat – letztlich zum Nachteil von Linde.“ Im Geschäftsbericht 2025 weist Linde in diesem Zusammenhang Eventualverbindlichkeiten in Höhe von 1,2 Milliarden Dollar aus. Der Industriegaskonzern schließt damit nicht aus, dass die Banken im Streit um die Rückzahlung der Garantien recht bekommen könnten.Die HVB, Tochtergesellschaft der italienischen Unicredit, hat in ihrem jüngsten Geschäftsbericht die Klage gegen Linde bestätigt. Dort heißt es: „Im Dezember 2025 hat die HVB zur Sicherung ihres Rückgriffanspruchs eine Klage gegen den deutschen Garantiekunden eingereicht.“ Mit dem deutschen Garantiekunden ist Linde gemeint. Unicredit will beim Landgericht München knapp 453 Millionen Euro zurückfordern (Az. 28 O 16540/25). Die Commerzbank ihrerseits verlangt in München 98 Millionen Euro von Linde (Az. 40 O 13598/25).Die Bayern LB hat in ihrem Geschäftsbericht 2025 eine Rückstellung in Höhe von 285 Millionen Euro gebildet. Diese deckt das Risiko einer möglichen Zahlung aus einem Rechtsstreit ab. Nach eigenen Angaben wurde die Münchner Landesbank zu einer Zahlung aus einer gewährten Anzahlungsgarantie aufgefordert, lehnte dies jedoch aufgrund der bestehenden EU-Sanktionen ab.