Es ist schon eine ganze Weile her, dass sich der spanische Fußball in der Defensive befand. Mitte der Neunzigerjahre, zu Lebzeiten des großen Johan Cruyff, tobte ein Kulturkampf um die Frage, wie man Fußball spielen sollte. Alle zwei Jahre wurde sie besonders leidenschaftlich diskutiert. Nach Welt- und Europameisterschaften, von denen Spaniens Nationalmannschaft schneller wieder heimkehrte als die Postkarten ihrer Anhänger.Der Verband begegnete der grassierenden Erfolgslosigkeit mit der Idee, es doch wie andere europäische Größen zu versuchen. Nach dem Vorbild der Engländer sollte der Ball möglichst zügig hoch und weit in die gegnerische Hälfte geschlagen werden, wo dann im Idealfall große und kräftige Spieler auf die Abpraller warten sollten. Groß und kräftig wie die Franzosen. England und Frankreich galten als Referenz. „Es war nur so, dass wir gar keine Spieler von diesem Typ hatten“, sagt Luis Milla und lacht durchs Telefon.Dass Milla etwas später in den Nullerjahren als Trainer in den spanischen Juniorennationalmannschaften eine ganz andere Art von Fußball lehrte, hing damit zusammen, dass sich eine Denkschule durchgesetzt hatte, die auf Johan Cruyff zurückging. „Körperliche Unterlegenheit muss durch ein hohes Maß an Ballfertigkeit und Spielintelligenz wettgemacht werden“, sagte er. „Das kam unseren Anlagen viel eher entgegen“, sagt Milla, der als Spieler unter Cruyff beim FC Barcelona trainierte.Es wäre spannend zu erfahren, was der 2016 verstorbene Cruyff wohl zu dieser spanischen Mannschaft des Sommers 2026 sagen würde, die sich so stark an seinen Prinzipien orientiert wie nur wenige vor ihr. Ein Gegentor hat sie bei dieser Weltmeisterschaft erst hinnehmen müssen. Im Viertelfinale gelang dem Belgier Charles De Ketelaere das Kunststück, Torwart Unai Simón zu überwinden. Da waren schon 649 Minuten bei dieser Weltmeisterschaft vergangen.Erinnerungen an die Weltmeister von 2010Eine Serie, an der Cruyff seine helle Freude gehabt hätte und die an die spanischen Weltmeister von 2010 erinnert, die vom Achtelfinale an ohne Gegentor blieben. Denn so paradox sich das anhört, der Offensivvirtuose Cruyff als Vordenker einer Defensivstrategie, so paradox ist auch das Zustandekommen dieses rekordverdächtigen Werts vor dem Halbfinale am Dienstag gegen Frankreich (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, im ZDF und bei MagentaTV).„Spanien verteidigt mit offensiven Mitteln, ganz so, wie es von Grund auf gelehrt wird“, sagt Milla. Das Prinzip hinter der Abwehrstärke ist simpel: Es ist umso schwerer für den Gegner, ein Tor zu erzielen, wenn er nur selten den Ball hat. „Unser Spiel ist auf ein hohes Maß an Ballbesitz und frühe Ballgewinne in der gegnerischen Hälfte angelegt“, sagt Milla.Dazu einige Zahlen: In den sechs Spielen bisher spielte Spanien 4075 Pässe – deutlich mehr als jede andere Mannschaft im Turnier. 91 Prozent davon kamen an, auch dieser Wert ist ungeschlagen. In jedem Spiel hatte der Gegner weniger den Ball, zwischenzeitlich belief sich der spanische Ballbesitz gegen Kap Verde oder Österreich auf über 70 Prozent. „Als Gegner ist es vor allem mental ermüdend, wenn du immer hinterherlaufen musst und selten agieren kannst“, sagt Milla.Entscheidende Tore in den letzten MinutenErst recht bei den Bedingungen, die in Nordamerika herrschen. Bei den hohen Temperaturen fällt bei zunehmender Spieldauer jeder Schritt noch schwerer. Die körperliche Erschöpfung der Gegner machte sich vor allem in der K.-o.-Runde bemerkbar. Gegen Portugal und Belgien entschied Spanien die Spiele jeweils durch Tore in den letzten Minuten für sich.Spaniens Defensivleistung ist ein Erfolg des Systems, sie beruht auf der Umsetzung der Spielphilosophie, mehr als auf der individuellen Klasse der Einzelnen. Torwart Unai Simón musste im Vergleich zu vielen anderen Torhütern deutlich weniger Schüsse auf sein Tor abwehren, auch das trug dazu bei, dass er öfter als jeder andere ohne Gegentor blieb.Bei dieser WM bisher fehlerfrei: Spanien Torwart Unai Simón kann sich auf seine Vorderleute verlassen.AP Photo/Andre PennerSimón gilt im internationalen Vergleich nicht unbedingt als herausragender Torwart, vor allem mit Ball am Fuß war er in der Vergangenheit hin und wieder für Aussetzer zuständig. Bei der WM spielt er bisher fehlerfrei, auch weil es seine Vorderleute vermeiden, ihn vor schwierige Aufgaben zu stellen. Ähnlich verhält es sich mit den Spielern, die vor ihm auflaufen. Anders als auf anderen Positionen verzichtet Trainer Luis de la Fuente in der Abwehr auf Wechsel, drei von vier Positionen in der Kette sind gesetzt.In der Innenverteidigung gehören die Plätze Aymeric Laporte und Pau Cubarsí. Laporte ist 32 Jahre alt und hat den Höhepunkt seiner Schaffenskraft überschritten. Nach etlichen Jahren bei Manchester City und einem Wechsel nach Saudi-Arabien ist er inzwischen wieder bei seinem Heimatverein Athletic Bilbao angestellt, wo er seine Karriere ausklingen lassen möchte.Laportes und Cubarsís Balleroberungen sind außergewöhnlichCubarsí ist sein Partner und Gegenpart, 19 Jahre jung und mit großem Potential gesegnet. Aber auf höchstem Niveau unterlaufen ihm noch regelmäßig Fehler, noch fehlt ihm die Souveränität eines absoluten Spitzenverteidigers. Individuell sind beide nicht mehr oder noch nicht Weltspitze, gemeinsam setzen sie die Vorgaben von Trainer Luis de la Fuente aber nahezu perfekt um. Um die Gegner möglichst fern vom eigenen Tor zu halten, hat er seiner Mannschaft ein extrem frühes Attackieren verordnet. Ganz nach den Idealen Cruyffs.Gemeinsam kommen Laporte und Cubarsí auf 35 Ballgewinne in der gegnerischen Hälfte, mehr als jedes andere Verteidigerduo. Das ist ein Beleg für das zeitige Angreifen der Spanier. Gegen Frankreich wird diese Strategie dem ultimativen Stresstest unterzogen. Kein Land verfügt über so viel Tempo und Qualität im Umschaltspiel wie die Franzosen. Kylian Mbappé, Ousmane Dembélé und Michael Olise werden gezielt die Räume anlaufen, die Spanien durch sein hohes Pressing freigibt.Frankreichs schnelle Flügelangreifer werden es dann in den Laufduellen immer wieder mit Marc Cucurella auf der linken Seite zu tun bekommen und mit Marcos Llorente oder Pedro Porro auf rechts. Abgesehen von Cucurella ist Spanien auch auf diesen Positionen nicht auf Weltklasseniveau besetzt, aber doch mit Spielern, die Tempo und Ballsicherheit so vereinen, dass sie den Spielstil umsetzen können. „Die Philosophie ist von den U-Mannschaften bis zur Selección immer die gleiche“, sagt Luis Milla.Spanien greift an, um zu verteidigen. Oder wie es Johan Cruyff ausdrückte: „Wenn wir den Ball haben, kann der Gegner kein Tor schießen.“