PfadnavigationHomeICONISTServiceSelbstbehauptung„Das macht mich sprachlos“ – warum ein schlagfertiger Konter oft nicht die beste Lösung istVon Marie-Theres BraunStand: 09:33 UhrLesedauer: 7 MinutenWarum der souveränste Konter manchmal keiner istQuelle: Getty Images/10'000 HoursOb im Job, in der Familie oder in Beziehungen: Wer sich angegriffen fühlt, sucht oft nach dem perfekten Konter. Doch Schlagfertigkeit ist nicht immer die souveränste Antwort. Rhetoriktrainerin Marie-Theres Braun erklärt, warum es manchmal klüger ist, aus dem Schlagabtausch auszusteigen.„Das ist eigentlich Grundlagenwissen.“ Der Satz fällt in einem Meeting, vor Kollegen, sogar vor Kunden. Nennen wir sie Julia. Sie hatte lediglich eine Rückfrage gestellt. Auf dem Heimweg fallen ihr gleich mehrere Antworten ein: „Schön, dass wenigstens einer im Raum alles weiß.“ Oder: „Dann kannst du es uns bestimmt noch einmal kurz erklären.“ Zu spät. Wäre sie in diesem Moment doch nur schlagfertiger gewesen.Es ist die Ohnmacht, die uns dazu antreibt, nach Schlagfertigkeit zu streben. Sie verspricht, nie wieder klein dazustehen – und nie wieder diesen Moment zu erleben, in dem einem die perfekte Antwort erst Stunden später unter der Dusche oder kurz vor dem Einschlafen einfällt. Schlagfertigkeit kann durchaus helfen: Wer früher sprachlos war, fühlt sich sicherer, wenn er auf typische Grenzüberschreitungen Antworten parat hat. Doch hinter dem Wunsch, jederzeit kontern zu können, steckt oft eine andere Angst: vor anderen als inkompetent zu gelten.Lesen Sie auchSätze wie „Das ist eigentlich Grundlagenwissen“, „Das kommt mit der Erfahrung“ oder „Haben Sie sich überhaupt mit dem Thema befasst?“ liefern wenig Sachinformation. Zugleich transportieren sie eine Botschaft auf der Beziehungsebene: „Ich sehe mich in der Position, Ihre Kompetenz zu bewerten.“ Viele Menschen reagieren deshalb nicht nur auf die Aussage selbst, sondern auf das, was sie dahinter vermuten: „Beweise mir, dass du kompetent bist.“ Wer sich jetzt erklärt, nimmt diese Prüfung an. Wer schlagfertig kontert, ebenfalls. Beide versuchen nur, sie auf unterschiedliche Weise zu bestehen.Das macht Schlagfertigkeit so verführerisch. Sie verspricht, die Prüfung zu bestehen – aber nicht, aus ihr auszusteigen. So hält sie den Machtkampf manchmal eher am Laufen, als ihn zu beenden.Wenn Schlagfertigkeit zur Falle wirdNatürlich kann man lernen, schneller zu reagieren. Viele Menschen wirken schlagfertig, beispielsweise weil sie ähnliche Situationen schon oft erlebt und ein Repertoire an Antworten entwickelt haben. Das hilft. Doch die eigene Souveränität hängt dann weiterhin davon ab, ob einem im richtigen Moment etwas Kluges einfällt.In der Kommunikationspsychologie wird dieses Ideal als Souveränität erster Ordnung beschrieben: der Anspruch, jede kommunikative Herausforderung zu meistern, auf alles eine Antwort zu haben, keine Unsicherheit zu zeigen und möglichst nie sprachlos zu sein. Dieses Ideal ist kaum erreichbar. Wer sich ihm annähert, fühlt sich sicherer – bis zu dem Moment, in dem es einmal nicht gelingt.Lesen Sie auchEs gibt noch eine zweite Form der Souveränität. Sie fragt nicht: „Wie bestehe ich jede Prüfung?“, sondern: „Muss ich diese Prüfung überhaupt annehmen?“ Diese Souveränität zweiter Ordnung verabschiedet sich von dem Anspruch, jederzeit eine geistreiche, perfekte Antwort liefern zu müssen. Wir haben es nicht nötig, uns ständig zu beweisen und auf alles schnell, klug und unerschütterlich zu reagieren. Sie erlaubt uns, eine Situation erst einzuordnen – und auch einmal sprachlos zu sein oder zu zeigen, dass uns eine Bemerkung trifft. Sie verbindet Professionalität mit Menschlichkeit.Das Paradoxe ist: Je weniger angestrengt wir nach einer klugen Antwort suchen, desto eher fällt sie uns manchmal ein.Die Freiheit, die Prüfung nicht anzunehmenSouveränität bedeutet Unabhängigkeit. Sie zeigt sich nicht darin, nach den Spielregeln anderer mitzuspielen, sondern darin, frei zu entscheiden, ob wir dieses Spiel überhaupt annehmen möchten.Das beginnt mit einer wichtigen Verschiebung: Nicht jede Bemerkung muss die Bedeutung bekommen, die das Gegenüber ihr geben möchte. Aus „Er hat mich bloßgestellt“ kann werden: „Er hat versucht, mich bloßzustellen.“ Aus „Sie hat mich wie einen Idioten behandelt“ wird: „Sie hat versucht, mich wie einen Idioten zu behandeln.“ Das nimmt dem Satz nicht automatisch seine Schärfe – aber es gibt uns einen Teil der Kontrolle zurück.Manchmal genügt es schon, sichtbar zu machen, dass gerade eine Perspektive geäußert wurde – keine objektive Wahrheit. Eine Kollegin fragt einen Kollegen: „Darf ich dir einen Tipp geben?“ Mit einem „Nein“ könnte er als kritikunfähig gelten. Ein „Ja“ würde eine hierarchische Beziehungsbotschaft akzeptieren. Seine Antwort: „Einen Tipp nicht, aber du kannst mir gern deine Meinung sagen.“ Auf „Das ist eigentlich Grundlagenwissen“ könnte ebenso schlicht folgen: „Interessant, dass Sie das so sehen.“Den Scheinwerfer umlenkenEs gibt Bemerkungen, die uns besonders treffen, weil sie unser Selbstbild berühren. „Ihre Präsentation gestern war absolut unterirdisch. Wie lange haben Sie zur Vorbereitung gebraucht? Fünf Minuten?“ Sofort entsteht der Impuls, das Urteil über uns richtigzustellen: „Ich bin nicht dumm“, „Ich war sehr wohl vorbereitet.“ Der gedankliche Scheinwerfer richtet sich ganz auf uns selbst.Lenken wir den Scheinwerfer wieder auf die Situation, tauchen andere Fragen auf: Welche konkreten Punkte werden kritisiert? Was genau hätte anders sein sollen? Geht es um die Sache oder um meine Person? Bevor wir reflexhaft antworten, können wir zunächst einordnen, was hier gerade passiert. Fällt der Druck weg, die eigene Kompetenz beweisen zu müssen, verändert sich die Reaktion. Es entstehen neue Möglichkeiten.Gerade in Besprechungen glauben wir oft, wir hätten unsere Kompetenz besser verteidigen müssen – erst recht, wenn andere dabei waren. Dabei unterschätzen wir die Urteilsfähigkeit der übrigen Anwesenden. Die meisten erkennen durchaus, wenn ein Vorwurf unangemessen scharf oder herabsetzend ist. Beeindruckender als ein gelungener Konter kann deshalb sein, wenn ein Angriff zunächst ins Leere läuft.Darin liegt der Unterschied zur klassischen Schlagfertigkeit, die oft in der Dynamik eines Schlagabtauschs stecken bleibt. Eine kooperative Form der Selbstbehauptung zieht Grenzen, ohne den anderen zum Gegner zu machen – und ohne sich selbst unter Druck zu setzen, etwas beweisen zu müssen.Wirkung spiegelnManchmal genügt es, die Wirkung einer Bemerkung auszusprechen: „Das klingt scharf“, „Diese Frage ist sehr persönlich“, „Das klingt nach Konfrontationskurs.“ Statt über die eigene Kompetenz zu diskutieren, rückt damit die Art der Kommunikation in den Mittelpunkt. Manchen Menschen wird dann bewusst, wie ihre Worte ankommen. Andere zeigen, dass genau diese Wirkung beabsichtigt war. Beides hilft, die Situation besser einzuordnen.Vielleicht entscheide ich mich auch, meine Sprachlosigkeit auszusprechen, statt sie zu verstecken: „Das macht mich sprachlos.“ Oder: „Das überrascht mich gerade, dass Sie das sagen.“ Auch hier wird der Vorwurf nicht inhaltlich beantwortet, sondern zunächst eingeordnet.Lesen Sie auchManche Angriffe leben davon, dass wir sie sofort zurückweisen. Tun wir das nicht, verlieren sie oft ihre Schärfe. Manchmal genügt es, den Teil aufzugreifen, der auch ohne Angriff wahr sein darf. Aus „Du bist aber sehr emotional“ wird: „Stimmt, das Thema liegt mir am Herzen.“ Aus „Wie kompliziert kann man eigentlich denken?“ wird: „Stimmt, dieser Ansatz berücksichtigt viele Aspekte.“ Plötzlich bleibt vom Vorwurf erstaunlich wenig übrig. Wer nichts mehr beweisen muss, kann einem Angriff den Stachel ziehen, statt ihn zurückzugeben.Ausstieg durch die MetaebeneManchmal geht es nicht um einen einzelnen Satz, sondern um ein Muster. Für manche Menschen gehören kleine Spitzen und Sprüche zum Alltag. Es ist ihre Art, Beziehung herzustellen. In manchen Teams wird daraus fast eine eigene Kommunikationskultur. Man kann mitspielen, muss es aber nicht: „Mir fällt auf, dass hier viele Sprüche ausgetauscht werden. Ich würde trotzdem gern zum Thema zurückkommen.“Als Führungskraft oder in Trainings kann der Blick noch weitergehen: „Ich erlebe hier viele Sprüche, fast schon wie einen Wettbewerb. Mich interessiert, was das mit der Dynamik im Team macht.“ Damit wird nicht mehr über einen konkreten Spruch geredet, sondern darüber, wie man künftig miteinander umgehen möchte.Das eigentliche MissverständnisViele Menschen wünschen sich Techniken, mit denen sie jedes Wortgefecht gewinnen. Man kann durchaus lernen, schneller zu reagieren und seltener sprachlos zu sein. Das kann helfen. Wer einmal sprachlos war und sich ohnmächtig gefühlt hat, möchte diesen Moment nicht wieder erleben. Und manchmal braucht es einen klaren Konter, um eine Grenze zu ziehen.Schlagfertigkeit ist ein gutes Werkzeug. Doch sie allein reicht nicht. Oft wird sie mit Souveränität verwechselt. Dieselben Sätze können aus ganz unterschiedlichen Motiven entstehen: Man kann kontern, weil man sich beweisen muss – oder weil man sich bewusst dafür entscheidet. Souveränität zweiter Ordnung versteht Schlagfertigkeit als Option, nicht als Notwendigkeit. Wir müssen nicht innerhalb von drei Sekunden antworten. Wir dürfen etwas nicht wissen, wir dürfen uns verletzlich zeigen, und wir dürfen sogar den Maßstäben unseres Gegenübers nicht genügen. Lesen Sie auchVielleicht liegt genau darin das Missverständnis rund um Schlagfertigkeit: Wir halten schnelle Antworten für souverän. Dabei ist souverän nicht, wer jedes Wortgefecht gewinnt, sondern wer frei entscheiden kann, ob er es überhaupt führen möchte.Zur Autorin:Marie-Theres Braun ist Trainerin für Rhetorik und Verhandlungsführung. Sie berät internationale Unternehmen und trainiert Vorstände, Führungskräfte und Teams für Reden, Auftritte und schwierige Verhandlungen. Braun studierte Speech Science (Rhetorik) und absolvierte eine kommunikationspsychologische Ausbildung bei Professor Friedemann Schulz von Thun. Ihr Buch „Menschen überzeugen, die Recht haben wollen“ (Campus) wurde 2024 mit dem getAbstract International Book Award ausgezeichnet.