PfadnavigationHomeICONISTPartnerschaftKommunikationBloß nicht streiten? – Warum genau das der falsche Rat istVeröffentlicht am 25.09.2025Lesedauer: 5 MinutenLohnt es, in einen Streit Zeit zu investieren, wenn der andere gar nicht offen für eine Lösung ist?Quelle: Getty Images/SimpleImagesEin kleiner Auslöser reicht – und schon eskaliert’s. Doch was, wenn Streit gar nicht das Problem ist, sondern die Lösung? Denn Auseinandersetzungen sind weniger zerstörerisch, als wir denken. Entscheidend ist nur, wie wir sie führen.„Hört auf zu streiten!“ – diesen Satz hat wohl jedes Kind schon einmal gehört. Und vermutlich hat ihn so mancher Elternteil später selbst an den Nachwuchs weitergegeben. Denn Streit gilt gemeinhin als etwas Negatives, Lästiges, Überflüssiges. Fachleute sehen das jedoch anders. „Lasst uns streiten!“, appelliert die Kommunikations-Expertin und Autorin („Lasst uns streiten“) Birte Karalus. Und auch der Streitforscher Christian Boeser (Autor von „Streitförderer“) von der Universität Augsburg betont: „Wir brauchen den Streit unbedingt – privat, beruflich und gesamtgesellschaftlich!“ Entscheidend sei jedoch, wie man streitet – und nicht, dass man es einfach unkontrolliert laufen lässt.„Ob ein Streit furchtbar oder fruchtbar ist, liegt an uns. Derjenige, der beginnt, hat es in der Hand“, erklärt Karalus. Das fängt schon bei der Motivation an: Geht es mir um die Sache und um eine Lösung – oder darum, den anderen zu verletzen? Ebenso wichtig ist der richtige Zeitpunkt: Habe ich Ruhe und Zeit für ein Gespräch oder provoziere ich zwischen Tür und Angel einen großen Krach? „Wenn ich wirklich bereit bin, mich mit dem anderen auseinanderzusetzen, wenn Klarheit entsteht, worum es geht, dann liegt die Kraft des Streits darin, Antworten zu bekommen, Missverständnisse zu klären und Blockaden aufzulösen“, erklärt die Mediatorin.Lesen Sie auchWarum halten so viele Streit dennoch für etwas Schlechtes? „Weil es, vor allem, wenn es ein feindseliger Streit ist, auch negative Konsequenzen hat, Misstrauen schürt, Verletzungen zurücklässt und immer auch die Gefahr beinhaltet, dass es eskaliert“, erklärt Boeser.Besonders heikel ist es, wenn man sich sehr nahe steht: „Dann kennt man die Triggerpunkte des anderen genau – und weiß, wie man ihn persönlich treffen kann“, erklärt Karalus. Hinzu kommt, dass unterschiedliche Streitkulturen, Biografien und Persönlichkeitsstrukturen aufeinandertreffen können. „So wird das Verhalten des einen schnell als feindselig interpretiert, obwohl es gar nicht so gemeint war“, ergänzt Boeser.Ein Beispiel: Zwei Menschen streiten, einer knallt die Tür und verlässt den Raum. Auf einer Skala von 1 (reine Harmonie) bis 10 (maximale Eskalation) reicht die Bewertung dieser Situation von 2 bis 9. Für die einen ist das Verlassen des Raums eine legitime Abkühlungsstrategie – für andere fast gleichbedeutend mit einem endgültigen Bruch. Die Folge: „Wenn jemand, der die Situation als ‚2‘ einstuft, nach 20 Minuten zurückkommt und fragt: ‚Was essen wir heute?‘, ist die ‚9‘ natürlich völlig irritiert“, erläutert der Wissenschaftler.Lesen Sie auchStreiten bedeutet immer auch Balance: Gebe ich dem anderen Raum, höre zu, versuche zu verstehen – oder grenze ich mich klar ab, beziehe Position? „Beides ist wichtig, je nach Situation mal mehr das eine, mal mehr das andere“, betont Boeser. Dafür braucht es jedoch wohlwollendes Interesse am Gegenüber und Zugewandtheit. Und vor allem: Freundlichkeit. „Sie kann magische Wirkung haben, tut uns gut und verwandelt Beziehungen“, sagt Karalus. Wer zudem die „Königsdisziplin der Freundlichkeit“ beherrscht – das Zuhören –, hat gute Chancen, dass ein Streit nicht eskaliert, sondern der andere sich ernst genommen und verstanden fühlt.Ein weiterer Schlüssel ist Fehlertoleranz – sowohl dem anderen als auch sich selbst gegenüber. „Sonst reicht schon eine hochgezogene Augenbraue – und der andere ist direkt sauer“, so Boeser.Wie lange dauert ein „guter“ Streit?„Ein guter Streit dauert zwischen 60 Sekunden und 60 Minuten“, sagt Streitforscher Boeser. Warum? „Nach 60 Sekunden erkenne ich, ob der andere in der richtigen Stimmung ist, sich offen auseinanderzusetzen. Und nach 60 Minuten ist es gut, zumindest eine Pause einzulegen.“ Denn: Gut zu streiten erfordert Konzentration. Und in jedem Fall gilt: „Nach dem Streit ist vor dem Streit!“Auch nach Ansicht von Karalus gibt es keinen festen Richtwert, wie lange ein guter – oder auch schlechter – Streit dauert: „Es hängt davon ab, wie groß das Missverständnis ist.“ Wer abkürzt – auch zeitlich –, lande ihrer Meinung nach meist im Abseits. Ihr Appell: „Streiten Sie gründlich, damit nichts hängen bleibt – und man später wieder von vorn beginnen muss!“Und es gibt selbstverständlich auch absolute No-Gos: „Wenn ich den anderen als Feind betrachte, den es zu vernichten gilt, ist etwas schiefgelaufen in der Kommunikation“, warnt der Forscher. Dann entstehen Teufelskreisläufe, die sich immer weiter hochschaukeln – und eskalieren. Der wichtigste Grundsatz bei einem guten Streit sei daher: Wertschätzung: „Ich muss den anderen als Mensch betrachten, der es verdient, dass ich ihn mit Respekt behandle“.Auch Selbstreflexion gehört dazu: „Wichtig ist, dass man gesprächsfähig bleibt und versucht, dem anderen deutlich zu machen, warum ist mir das wichtig. Und sich gleichzeitig dafür interessiert, warum manches für den anderen nicht von Bedeutung ist“, erklärt der Streitforscher. Denn meist geht es nicht um die vermeintliche Kleinigkeit, die den Streit auslöst, sondern um tiefere Themen: Respekt, Bedürfnisse oder Selbstbestimmung.Lesen Sie auchUm dem anderen wertschätzend und freundlich begegnen zu können, muss man bei sich selbst anfangen, sagt Karalus. Man sollte sich Zeit nehmen, sich zu reflektieren und zu hinterfragen: Was ist mir wichtig? Warum triggert mich der andere so sehr, dass schon zwei Sätze reichen, um mich aus der Fassung zu bringen? „Weil es in Wirklichkeit um meine Identität und Dinge geht, die mir wichtig sind – und ich dann überreagiere.“Ideal sei es, in einer solchen Situation so stark zu sein, dass man eine Eskalation vermeidet: „Wenn ich weiß, dass ich Zeit brauche, weil ich sonst Dinge sage, die ich nicht zurücknehmen kann, sollte ich den Streit abbrechen“, rät die Kommunikations-Expertin. Eine Auseinandersetzung auf später zu verschieben, sei sinnvoll – und habe nichts mit genereller Streitvermeidung zu tun. „Team Harmonie ist keine Lösung – das ist so, als würde man Probleme unter den Teppich kehren.“Auch Boeser ist überzeugt, dass die Vermeidung von Streit nur neue Probleme schafft und auf Dauer soziale Beziehungen genauso zerstören kann wie feindselige Auseinandersetzungen. „Denn irgendwann kommt man zwangsläufig an den Punkt, an dem man explodiert.“ Die alte Ermahnung „Hört auf zu streiten!“ sei also der falsche Ratschlag. „Streiten ist nicht böse – es sind die Guten, die streiten, weil sie etwas bewegen und gemeinsam vorankommen wollen“, fasst Karalus zusammen.Katja Sponholz, dpa
Kommunikation: „Hört auf zu streiten!“ – Warum genau das der falsche Rat ist - WELT
Ein kleiner Auslöser reicht – und schon eskaliert’s. Doch was, wenn Streit gar nicht das Problem ist, sondern die Lösung? Denn Auseinandersetzungen sind weniger zerstörerisch, als wir denken. Entscheidend ist nur, wie wir sie führen.







