Moleküle können Hoffnung bringen, haben Sie mal gesagt. Was meinen Sie damit?Als Menschheit hatten wir noch nie ein Problem, das wir nicht lösen konnten, wenn wir es wirklich wollten. Für vieles gibt es technische Lösungen, und dafür bietet uns die Natur mit ihren Materialien und Molekülen unendliche Möglichkeiten. Das ist aber nur ein Aspekt.Gibt es noch andere?Ja, der zweite ist: Egal wie schwierig Chemie ist, es gibt immer noch junge Menschen, die mehr darüber wissen möchten, die tiefer in die Materie eindringen, in die Naturwissenschaft eintauchen möchten. Das macht mir Hoffnung und inspiriert mich.Diese unendlichen Möglichkeiten der Moleküle sind vielleicht einer der Gründe, warum Chemie als kompliziert gilt. Kann Künstliche Intelligenz die Forschung in der Chemie leichter machen?KI macht nichts einfacher, sie verändert nur die Art der Schwierigkeiten, mit denen wir es in der Chemie zu tun haben. Aber mit KI verändern wir die Welt: Bisher waren winzige Fortschritte in der Wissenschaft wichtig, um überhaupt voranzukommen. Mit KI bewegen wir uns hin zu einer Welt, in der es einen Überfluss an Möglichkeiten gibt. Diese Fülle bringt aber neue Probleme mit sich.Welche sind das, wenn wir die metallorganischen Gerüstsubstanzen, MOFs, betrachten, für die Sie im letzten Jahr den Nobelpreis erhalten haben?Wenn eine Künstliche Intelligenz MOFs entwirft – und das kann sie viel schneller als wir – müssen wir herausfinden, welche es wert sind, weiter untersucht zu werden. Dafür werden wir Armeen von Wissenschaftlern brauchen, die aus der Menge der möglichen MOFs diejenigen identifizieren, die die gewünschten Eigenschaften haben. Das wird die Art verändern, wie wir Probleme lösen. Das ist großartig und verschafft uns Flexibilität, bedeutet aber auch harte Arbeit.Also wird sich die wissenschaftliche Arbeit verändern?Ja. Man sucht nicht gedankenlos MOFs auf der Basis früheren Wissens aus, sondern entwirft eine neue Art, die Gerüstsubstanzen auszuwählen. Und man wird versuchen, für die neuen MOFs dann Anwendung zu entwickeln, sodass diese ihren Weg in die Gesellschaft finden. Dafür braucht es mehrere Disziplinen, nicht nur die Chemie.Wenn künftig KI die Molekülkombinationen für MOFs zusammenstellt: Braucht es dann überhaupt noch Chemiker für Ihre Forschung?Wir brauchen Menschen, die etwas von Molekülen verstehen. Wenn Sie die Chemiker nennen, dann ist das in Ordnung. Wir werden in der Forschung immer noch Menschen brauchen, aber die werden nicht mehr an der Laborbank stehen und Chemikalien zusammenmischen. Das übernimmt ein Roboter. Die Forscher werden am Computer die Wissenschaft von der richtigen Auswahl entwickeln. Aber die Anerkennung dafür werden andere ernten.Wer wird das sein?Diejenigen, die das System aufgebaut haben, und diejenigen, die die großen Fragen stellen. Alle anderen bleiben als Arbeiter im Hintergrund. Heute ist es noch so: Sie stellen ein MOF her, untersuchen diese Substanz, und wenn sie außergewöhnliche Eigenschaften hat, veröffentlichen Sie einen Artikel in „Nature“. Darauf bauen Sie Ihre Reputation auf. Diese Chance hat jeder Wissenschaftler, und so habe ich mir meinen Ruf erarbeitet. Aber diese Art des Forschens wird verschwinden. Denn die kleinen Fortschritte werden dann aus der Maschine kommen. Unsere Kreativität sollten wir dafür verwenden, Fragen zu stellen. Und zwar solche Fragen, die Systeme verändern.Wissenschaftler haben doch schon immer die großen Fragen gestellt.Ja, aber mit KI bekommt die Fähigkeit, Fragen zu stellen, eine überragende Bedeutung. Wir brauchen aber noch eine weitere Fähigkeit für eine Welt, in der es einen Überfluss an Möglichkeiten geben wird.Welche?Wir müssen lernen, Fakten und Fiktion auseinanderzuhalten.Aber das ist ja noch schwerer, als Fragen zu stellen. Chemiker, Naturwissenschaftler ganz allgemein, müssen demnach ganz anders ausgebildet werden als bisher.Ja. Wir brauchen eine andere Bildung. Unser ganzes Universitätssystem funktioniert nicht mehr. Es dient nicht länger der Gesellschaft. Heute lernen die Studenten außerhalb der Universität mehr als in der Universität, und mit KI haben sie geduldige Lehrer, die es an der Universität so nicht gibt.Omar Yaghi beim 75. Nobelpreisträgertreffen in Lindau.Frank RöthSie sagten, wissenschaftlich zu arbeiten bedeute, immer wieder zu scheitern, bevor man Erfolg haben kann. Wie wird sich das verändern?Mit KI wird der Roboter die Fehler machen, aber diese Fehler sind extrem wichtig, um die Modelle zu verbessern. Je mehr Fehlversuche in ein Modell eingehen, desto besser wird es. Bisher werden Fehlversuche in der Wissenschaft nicht dokumentiert und schon gar nicht publiziert. Aber heute schon, in einem frühen Stadium der KI, arbeiten Roboter und Large Language Models besser als der beste Student in meinem Labor. Und das nicht, weil meine Studenten nicht brillant wären, sondern weil eine KI diesen Prozess von Versuch und Irrtum viel schneller durchläuft. Wir reden davon, dass die Arbeit, die bisher Jahre gedauert hat, in wenigen Wochen erledigt werden kann.Gehören Fehlschläge dann immer noch zur Wissenschaft?Wissenschaft wird immer mit Zweifeln und Fragen beginnen. Wenn man Experimente durchführt, wird etwas Unerwartetes herauskommen. Experimente bringen fast nie das Ergebnis, das der Wissenschaftler erwartet. Studenten lernen durch das Scheitern, und nur wenn sie das aushalten, können sie Entdeckungen machen.Für Nachwuchswissenschaftler, Studenten oder Doktoranden sind ständige Misserfolge sehr frustrierend. Wie haben Sie es während Ihres Studiums und in Ihrer Karriere geschafft, trotzdem immer weiterzuforschen?Eines der Dinge, das mir gegen Frustration geholfen hat, war meine Leidenschaft für die Chemie. Alle von uns, selbst diejenigen, die wie ich ein enormes Interesse für Chemie haben, kämpfen mit Selbstzweifeln. Ich habe mich oft gefragt, ob ich wirklich ein fähiger Chemiker bin, ob meine Passion für das Fach ausreicht, ob ich gut genug und intelligent genug bin. Solche Zweifel sind Teil des Erkenntnisprozesses. Diejenigen, die dabeibleiben, werden die Entdeckungen machen. In der Natur gibt es so viel zu entdecken, wenn man dranbleibt. Die Liebe zum Experiment kommt dann von selbst. Wenn man es gar nicht erst anfängt zu experimentieren, wird man nie Erkenntnisse gewinnen. Man muss versuchen, möglichst viele Türen zu öffnen, irgendwo kommt dann eine Goldmine zum Vorschein.Was war der größte Fehlschlag Ihrer Karriere?Ich hatte sehr viel Glück, ich hatte keine großen Fehlschläge.Wie kommt das?Weil ich ein Außenseiter war. Ich war nicht Teil eines Netzwerks, sondern entwickelte meine Wissenschaft außerhalb der Standardchemie. Ich hatte niemanden, der mir auf den Rücken klopfte und dafür sorgte, dass meine Arbeiten finanziert und meine Publikationen akzeptiert wurden. Daher gab es auch niemanden, mit dem ich mich vergleichen musste. Für mich war alles neu. Selbst wenn etwas nicht so funktionierte wie erhofft, war das eine interessante Erfahrung für mich. Die Fehler, die ich gemacht habe, hatten nichts mit den Naturwissenschaften zu tun. Gescheitert bin ich bei Verwaltung und Organisation – und im Umgang mit Menschen.