Johanniskraut, Safran oder Fettsäuren sollen Depressionen lindern – was davon wirklich wirktTraditionell werden diverse pflanzliche Mittel eingesetzt. In den letzten Jahren wurden auch zahlreiche Nahrungsergänzungsmittel angepriesen. Fachleute warnen jedoch vor zu viel Vertrauen in die alternativen Präparate.15.07.2025, 06.00 Uhr4 LeseminutenEin bunter Strauss an Möglichkeiten: Lavendel und Johanniskraut werden gegen Depression angepriesen.Anja Lemcke / Neue Zürcher ZeitungBis zu einem Drittel der Menschen, die an einer Depression leiden, erhalten in Deutschland oder der Schweiz keine ärztliche Begleitung. In Grossbritannien oder den USA sieht es noch schlechter aus. Viele Betroffene greifen daher zu freiverkäuflichen Mitteln. Zudem wollten viele Patienten gerade zu Beginn einer Depression lieber pflanzliche Produkte als konventionelle Medikamente nehmen, berichten Psychiater. Kräuter und Co. gelten als sanfter und frei von Nebenwirkungen – aber wirken sie überhaupt?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Liste der alternativen Angebote ist lang. Vor allem Johanniskraut, aber auch Safran, Lavendel, Zitronenmelisse oder Rosenwurz sollen helfen. Ebenso angepriesen werden Omega-3-Fettsäuren, Folsäure, Mineralstoffe wie Zink, zudem Vitamin D oder auch spezielle Bakterienkulturen, sogenannte Probiotika.Manche dieser Mittel wurden in Studien untersucht. Rachael Frost von der University of Liverpool hat zusammen mit Kollegen die vorhandenen Daten über die Wirkungen von pflanzlichen Präparaten und Nahrungsergänzungsmitteln gegen Depression gesammelt und in der Fachzeitschrift «Frontiers in Pharmacology» veröffentlicht.Johanniskraut richtig einsetzen«Zwei sehr unterschiedliche Substanzen sind mit Abstand am häufigsten untersucht worden: Johanniskraut und Omega-3-Fettsäuren», erzählt Frost im Gespräch. Johanniskraut ist eine seit Jahrhunderten eingesetzte Heilpflanze. Sie bekam ihren Namen von ihrem Blühbeginn: Die sternförmigen, sattgelben Blüten gehen um den 24. Juni, also den Johannistag, auf. Omega-3-Fettsäuren sind spezielle Fette, die unser Körper nicht selber herstellen kann. Viele Organe benötigen sie für ihre normale Arbeit.Die Studien zeigten klar, dass Johanniskraut bei leichten und maximal mittelschweren Depressionen ähnlich gut wirke wie konventionelle Medikamente, sagt Frost. «Allerdings sind nur hochdosierte Tabletten mit Johanniskrautextrakt nachweislich effektiv», betont Gregor Berger, Kinder- und Jugendpsychiater in Rapperswil. Solche bekomme man jedoch mit Rezept in Apotheken. Und diese Tabletten müssen dann regelmässig eingenommen werden. Um es salopp zu sagen: Einmal ein Tee am Abend oder einige Tropfen Öl am Morgen nützen nichts gegen die Depression.«Johanniskraut ist eines der am besten untersuchten pflanzlichen Heilmittel überhaupt», sagt Robin Teufel, Professor für pharmazeutische Biologie an der Universität Basel. Trotzdem: «Wir wissen, es wirkt. Wir wissen aber nicht genau, welche Inhaltsstoffe dazu beitragen.» Es ist meist gut verträglich, allerdings können Kopfweh und Übelkeit auftreten. Wichtig zu wissen: Johanniskraut beschleunigt den Abbau anderer Substanzen, darunter der Antibabypille oder mancher Krebsmedikamente. Deren Wirkung kann abnehmen.Viel weniger positiv sind die Ergebnisse zu Omega-3-Fettsäuren. Die Mehrheit der vorhandenen Studien hat keine Wirkung gegen Depression feststellen können. Der Psychiater Berger war selber an Studien mit Omega-3-Fettsäuren gegen Depressionen und andere psychische Erkrankungen beteiligt. Auch sein Fazit ist ernüchternd: Manche Patienten profitieren. Aber insgesamt verbessern die Fette die Symptome nicht.Studien zu Safran und Lavendel sind nicht ausreichendEtwas Hoffnung machen die vorhandenen Erkenntnisse zu Lavendel und Safran. Vor allem in der arabischen Welt sind dies traditionelle Heilmittel gegen Depressionen oder depressive Verstimmungen. In mehr als einem Dutzend in Iran durchgeführten Studien wurde zwar eine schwache Minderung der Symptome von Depression mit Safranextrakten oder Lavendelöl gefunden. Doch oftmals wurde nur eine kleine Gruppe Patienten therapiert, und dies auch nur für wenige Wochen. Viele dieser Studien sind gemäss Experten nicht besonders aussagekräftig.Viele pflanzliche Präparate haben dasselbe Problem wie die erwähnten Mittel: Meist ist nicht klar, welche Inhaltsstoffe der Pflanze eine medizinische Wirkung besitzen – und wie viel von diesen Substanzen in einem Produkt, sei es Kapsel, Öl oder Pulver, enthalten ist. Weder sind Berichte über Wirkungen somit vergleichbar, noch kann man klar angeben, wie viele Tropfen oder Gramm eines bestimmten Produkts eingenommen werden müssten.Ähnlich schwach wirksam wie Safran und Lavendel stufen Experten Probiotika, also Bakterienkulturen, ein. «Wir geben das in der Klinik manchen Patienten, die sowohl Depressionen als auch Magen-Darm-Beschwerden haben, zusätzlich zu einer antidepressiven Therapie», sagt Undine Lang, Psychiaterin an der Psychiatrischen Universitätsklinik Basel. Die Bakterienkulturen mindern Verdauungsbeschwerden. Das wiederum kann in manchen Fällen die Depression bessern. Denn das Mikrobiom im Darm und das Gehirn interagieren.Alle anderen rezeptfrei angebotenen Substanzen gegen Depressionen haben gemäss heutigem Wissensstand gar keine nachgewiesenen Effekte. Auch nicht das viel beworbene Cannabis.Alternative Mittel können den Arztbesuch nicht ersetzenFachleute glauben nicht, dass es einen noch unerkannten Superstoff gibt. Aber es sei denkbar, dass manche der genannten Präparate das Leiden lindern könnten, wenn sie zusätzlich zu den Standardmedikamenten eingenommen würden. Doch dafür fehlen Belege, weil es kaum Studien diesbezüglich gibt. Eine zusätzliche Einnahme sollte immer mit den behandelnden Fachpersonen abgestimmt werden. Alle Befragten warnen davor, eine schwere Depression allein mit pflanzlichen Präparaten oder Nahrungsergänzungsmitteln zu behandeln.Immerhin: Bis auf die erwähnten Wechselwirkungen von Johanniskraut mit manchen Medikamenten gibt es keine Nachweise, dass solche Mittel schädliche Nebenwirkungen haben. Berger hält pflanzliche Präparate und andere Produkte jedoch nicht für völlig harmlos.Die Produkte könnten sozusagen indirekt schaden. Wenn nämlich jemand seine Depression bemerke und sich dann längere Zeit nur mit freiverkäuflichen Mitteln selber therapiere, bestehe die Gefahr, dass die Depression schlimmer oder gar chronisch werde. Medikamente beugen einem Rückfall und somit der Chronifizierung vor.«Ungefähr die Hälfte der Patienten, vor allem der jugendlichen, bekommt nach der ersten Depressionsepisode innert fünf Jahren eine zweite solche Phase», erklärt Berger. Bei 15 bis 30 Prozent der Jugendlichen mit Rückfällen werde die Depression chronisch. Freiverkäufliche Präparate sollten also kein Vehikel werden, um Probleme nicht ernsthaft anzugehen.Allerdings: Dafür brauchen die Betroffenen fachliche Hilfe. Doch an die kommen sie eben keineswegs immer so schnell heran, wie es nötig wäre.Originalzeichnungen der Blumen: Biodiversity Heritage LibraryPassend zum Artikel
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